Aktuell
Home | Lokales | Ramadan: Verzichten macht reich
Sakine Erdogan und ihr Mann Emre fasten im Monat Ramadan. Die beiden, die zum Vorstand der muslimischen Gemeinde gehören, empfinden die religiöse Pflicht als Herausforderung und Bereicherung. Foto: ca
Sakine Erdogan und ihr Mann Emre fasten im Monat Ramadan. Die beiden, die zum Vorstand der muslimischen Gemeinde gehören, empfinden die religiöse Pflicht als Herausforderung und Bereicherung. Foto: ca

Ramadan: Verzichten macht reich

ca Lüneburg. Es ist heiß, Mund und Hals kleben trocken doch trinken dürfen Sakine und Emre Erdogan nichts. Im Fastenmonat Ramadan gelten für Moslems strenge Regeln. Die 23-Jährige und ihr Mann halten sich daran. „Das ist für mich keine Belastung“, sagt die Lehramtsstudentin, die neben ihren Vorlesungen in einem Geschäft in der Innenstadt arbeitet. Wie ihr Mann findet sie: Sie sei in Religion und Tradition hineingeboren, es sei selbstverständlich, sich daran zu halten.

Der Ramadan ist der neunte Monat des arabischen Mondkalenders. In ihm soll das heilige Buch der Moslems, der Koran, zur Erde gesandt worden sein. In einer Sure heißt es dort, dass die Gläubigen in diesen Wochen fasten sollen. Das bedeutet, dass sie von Sonnenaufgang bis -untergang nicht essen und trinken dürfen. Der Monat wandert sozusagen: Da das Mondjahr kürzer ist als das des gregorianischen Kalenders, nach dem wir leben, verschiebt sich die Fastenzeit Jahr für Jahr. Ramadan kann also auch im Winter liegen.

Cemile Eti, Samiye Keles, Ayfer Evli, Filiz Güven und Deniz Eti (v.l.) von der türkischen Gemeinde haben aus Anlass des Ramadan Tüten mit Lebensmitteln gepackt, die Gemeinde spendet sie an Flüchtlinge. Foto: nh
Cemile Eti, Samiye Keles, Ayfer Evli, Filiz Güven und Deniz Eti (v.l.) von der türkischen Gemeinde haben aus Anlass des Ramadan Tüten mit Lebensmitteln gepackt, die Gemeinde spendet sie an Flüchtlinge. Foto: nh

Kontrolle über das Ego

Emre Erdogan, der als Werkstudent bei Airbus in Finkenwerder arbeitet, erzählt eine Geschichte, die sein Fasten erklärt: Allah habe Welt, Verstand und Ego erschaffen. Gott habe nach dem Verhältnis gefragt. Der Verstand habe geantwortet: „Du bist Gott und ich Dein Diener.“ Das Ego hingegen sagte: „Du bist Du, und ich bin ich.“ Gott ließ das Ego fasten. Es brauchte noch zwei Anläufe, bis auch das Ego sich unterwarf und antwortete: „Du bist Gott und ich Dein Diener.“

Daraus folgt für den 27-Jährigen die Erkenntnis: „Man hat sein Ego im Griff. Ich entscheide, wann ich esse und trinke, ich entscheide über Geist und Körper. Und ich kann meinen Tag trotzdem leistungsfähig bestehen.“

Die Regeln des Korans sind nicht starr. Das Paar berichtet, dass Ausnahmen bestehen. Denn wer fastet, muss überblicken, was er tut. „Und es ist verboten, wenn man sich Schaden zufügt“, sagt Emre Erdogan. Seine Frau ergänzt, Kinder, Schwangere und Kranke seien vom Fasten ausgenommen.

Nicht nur Verzicht auf Lebensmittel

Es geht um mehr als nur um Brot und Wasser. Es ist eine Zeit der inneren Einkehr, der Ruhe. Aber auch des Besuchens und des Gesprächs über Gott und die Welt. In der Nacht dürfen die Gläubigen etwas zu sich nehmen. So halten es auch die Erdogans. Nach einem bescheidenen Mahl, dazu gehören Datteln, die „einen hohen Nährwert“ haben, treffen sie sich mit anderen Gläubigen gegen 22 Uhr zum Gebet in der Moschee am Lüner Weg.

Dann geht es nach Hause, ein paar Stunden Schlaf, um 3 Uhr vor der Sonne aufstehen, ein wenig essen und trinken, noch einmal hinlegen und dann zur Arbeit. Er sagt: „Um 5.30 Uhr bin ich auf der Autobahn Richtung Hamburg.“

Das klingt anstrengend. Doch die beiden haben ihr Leben auf die religiösen Pflichten eingestellt. Sie sind sich einig, seitdem sie sich bewusst für den Schritt entschieden haben, sei das Fasten eine große Bereicherung ihres Lebens. Sakine Erdogan sagt: „Ich freue mich darauf.“

Am 5. Juli endet der Ramadan in diesem Jahr. Das Ende dieser Zeit feiert die Gemeinde mit dem traditionellen Zuckerfest, die Gläubigen laden sich gegenseitig ein und lassen es sich schmecken. Dann soll auch aller Zwist vergessen sein, den man vielleicht vorher miteinander hatte. Aber weil die Welt nicht perfekt ist, kommt der nächste Ramadan, der innere Einkehr beschert.