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Julius* hält einen Abschiedsbrief an seine Peiniger in der Hand. Er wurde über zwei Jahre von Mitschülern gemobbt, sagt er. Jetzt will er die Hanseschule eigentlich nie mehr betreten. Die Schulleiterin, die jetzt Konferenzen einberuft, will ihn vom Gegenteil übezeugen. Foto: be
Julius* hält einen Abschiedsbrief an seine Peiniger in der Hand. Er wurde über zwei Jahre von Mitschülern gemobbt, sagt er. Jetzt will er die Hanseschule eigentlich nie mehr betreten. Die Schulleiterin, die jetzt Konferenzen einberuft, will ihn vom Gegenteil übezeugen. Foto: be

Schüler will nach Mobbing-Attacken Hanseschule verlassen

ap Lüneburg. Julius* ist ein guter Schüler. Das ist vielleicht sein Problem. Als er in die neue Klasse an der Hanseschule Oedeme kam, fing es an, und es hörte nie auf. Erst wurde er gehänselt, doch dann folgten Beschimpfungen, Drohungen, Tritte. Mobbing.

Julius weiß nicht, ob er die Schule je wieder betreten kann. Seine Mutter ließ ihren Sohn krankschreiben, will ihn sogar ganz von der Schule nehmen. Sie hat Anzeige bei der Polizei wegen tätlicher Angriffe erstattet. Fotos, Chat-Verläufe, Protokolle und ärztliche Atteste dokumentieren die Leiden ihres Sohns. Der LZ bestätigten andere Schüler und Eltern Vorfälle.

Hilflosigkeit ist der falsche Ausdruck für das, was die Familie empfindet. „Wir können nicht mehr und wissen nicht mehr weiter“, sagt die Mutter und weint. Susanne Kühl, Schulleiterin der Hanseschule Oedeme, sagt auf LZ-Nachfrage: Sie habe viel getan, um diesen Fall aufzuklären. Die Mutter sagt: „Wir führen seit zwei Jahren Gespräche mit Lehrern und der Schulleitung, uns sagte man immer, dass handfeste Beweise fehlen würden.“

Julius sieht sich als „Opfer“, seit er in die 5. Klasse eingeschult wurde. Angefangen habe es harmlos mit Ausdrücken wie Streber, „nur weil ich ab und zu mal eine Zwei geschrieben oder mich im Unterricht gemeldet habe“. Dann sei es schlimmer geworden.

Oft habe er sich bei Übergriffen einer Pausenaufsicht anvertraut, Freunde als Zeugen mitgebracht. „Doch dann haben die anderen eine größere Gruppe zusammengetrommelt und alles war vergessen.“ Vergangene Woche sei die Lage in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht eskaliert. Julius schildert das so: „In der Stunde mussten wir auf dem Boden eine Brücke machen, sie haben mir mehrfach mit dem Ball ins Gesicht geschossen, als der Lehrer nicht hingesehen hat. Beim Umziehen haben sie mir gegen die Beine getreten, in die Rippe geboxt.“ Er hat sich gewehrt. „Ich konnte nicht mehr“, sagt Julius und greift zum Taschentuch.

Die Familie will ihr Kind schützen, die Mutter glaubt: „Die Schule kann nicht für seine Sicherheit garantieren.“ Tadel auszusprechen und Klassenkonferenzen auszurichten, in denen Aussage gegen Aussage stehe, reiche nicht aus.

Die Erzählungen des Jungen werden von einer Schulfreundin gestützt. Sie stellte jetzt der Direktorin die WhatsApp-Verläufe zur Verfügung: Neben Drohungen wie „Pass bloß auf, Du weißt nicht, mit wem Du Dich anlegst“ zeigen diese den Umgang dreier Mitschüler mit ihrem Klassenkameraden. Neben einer Gruppe, die den Namen „Wir hassen Julius“ trägt, kündigte das Trio gar eine Party an, um ihren Triumph zu feiern.

Auch die Mutter der Freundin, die namentlich nicht genannt werden möchte, bestätigt die Übergriffe. „Diese Vorfälle waren im ersten Halbjahr der 5. Klasse schon bekannt, dann wurde die Klasse aufgeteilt, aber die Hauptchaoten sind geblieben“, erzählt sie. „Meine Tochter wurde im letzten Jahr gemobbt, weil sie endlich eine Zwei in Mathe geschrieben hat.“ Dann habe sie beschlossen, in Zukunft nur noch Vieren zu schreiben. Auch ihr Vorwurf: „Die Schule hat nicht agiert.“ Dass die verbalen Angriffe nun wieder ihre Tochter treffen würden, sei schockierend. „Die Schule muss etwas unternehmen, ich will nicht, dass mein Mädchen das nächste Kind ist, das verprügelt wird.“

Direktorin Susanne Kühl hat nun fünf Klassenkonferenzen für die 6d angesetzt. „Wir werden beschließen, dass die Jungen auf andere Klassen verteilt werden“, sagt sie und kündigt außerdem „intensive Arbeit“ mit den „Tätern“, aber auch mit Julius an. Denn es sei nicht in ihrem Interesse, dass er die Schule verlasse. Bislang habe es sich als „äußerst schwierig“ gestaltet, der Sache auf den Grund zu gehen. „Ich habe oft mit den Kindern, Eltern und der Schulsozialarbeiterin zusammengesessen“, gibt sie an. Niemand habe ihr klar sagen können, wer was gemacht habe. „Wir sind immer nur bis zu einer bestimmten Grenze gekommen.“

Für die Familie bleibt der Eindruck einer Überforderung. Und Julius weiß: „Am schlimmsten ist es auf dem Pausenhof, und da würde ich ihnen ja wieder begegnen.“

Er kann sich aktuell nicht vorstellen, in die 6d zurückzukehren, hat sich mit einem handgeschriebenen Brief verabschiedet. Mit zittriger Stimme liest er vor: „Danke fürs Leichtmachen. Da ich mich nicht persönlich von Euch verabschieden möchte, wähle ich diesen Weg. Ich möchte Euch sagen: Ihr habt es geschafft! Nach zwei Jahren Demütigungen, Schlägen, Tritten, Beschimpfungen und anderen Grausamkeiten seid Ihr mich jetzt los.“ Der 13-Jährige legt den Brief beiseite und schiebt einen großen Ordner über den Tisch. Er enthält Fotos, die blaue Flecken auf seinem Körper zeigen, seitenweise von ihm gefertigte Protokolle, die Übergriffe von Schülern auflisten sollen, und eine Krankschreibung, die Julius bis auf Weiteres vom Unterricht befreit. Er ist dabei ganz ruhig, weil er eine Entscheidung getroffen hat.

*Der Name des Schülers wurde aus Sicherheitsbedenken von der Redaktion geändert.

Vier Fragen an Lüneburgs Schulpsychologin Heidbrink

Wie sehr ist Mobbing in Schulen an der Tagesordnung?
Julia Heidbrink: Erfahrungsgemäß sind alle Schulformen betroffen, allerdings in unterschiedlich ausgeprägten Formen. Eine Häufung ist nicht feststellbar, da wir keine Statistiken führen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie von einem Fall Kenntnis haben?
Heidbrink: Wir suchen immer das Gespräch mit allen Betroffenen, um die Sachlage zu analysieren und dem Problem begegnen zu können. Zusätzlich gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Vertretern der Jugendämter. Die Polizei wird ebenfalls mit Hilfe des Kontaktbeamten einbezogen.

Was raten Sie dem Geschädigten, sobald so etwas offenkundig wird?
Heidbrink: Mobbing ist grundsätzlich eine Einzelfallentscheidung, bei der jeweils das Opfer im Mittelpunkt stehen und schnellstmöglich Unterstützung und Hilfe erfahren muss, ohne in die Situation zu geraten, sein eigenes Verhalten zu verändern. Durch individuelle psychologische Beratung sollen Betroffene gestärkt werden.

Wie sehen mögliche Lösungen aus?
Heidbrink: Je nach Schwere des Falls wird die Schule pädagogische Maßnahmen für die Täter verhängen beziehungsweise Ordnungsmaßnahmen in Klassenkonferenzen beschließen. Das kann ein Ausschluss von einzelnen Unterrichtsfächern oder Ganztagsangeboten bedeuten, aber auch eine Versetzung in die Parallelklasse oder die Überweisung an eine Schule derselben Schulform.