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Die Häuser im Bleckeder Hafen stehen unter Wasser, die Elbe ist im Sommer 2013 gewaltig angeschwollen. An den Deichen ist die Sorge vor dem nächsten Hochwasser geblieben. Foto: A/t&w
Die Häuser im Bleckeder Hafen stehen unter Wasser, die Elbe ist im Sommer 2013 gewaltig angeschwollen. An den Deichen ist die Sorge vor dem nächsten Hochwasser geblieben. Foto: A/t&w

Hochwasser: Wissenschaftler suchen in Lüneburg Lösungen

us Lüneburg. Als im Juli 2013 mit steigenden Elbpegeln die flussnahen Anwohner um ihr Hab und Gut fürchten mussten, waren Hilfsorganisationen und viele Tausend freiwillige Helfer im Dauereinsatz. Deren spontane Hilfsbereitschaft an den Einsatzabschnitten entlang der Elbe war überwältigend: Nicht selten unterstützten sie die Arbeiten vor Ort bis zur körperlichen Erschöpfung und trugen so dazu bei, drohende Kata­strophen zu verhindern. Wissenschaftler der Fachhochschule Bielefeld untersuchen nun in Kooperation mit dem Arbeiter Samariter Bund (ASB) in Lüneburg, ob und wie diese Formen gesellschaftlichen Engagements in Vorbereitung auf künftige Katastrophen noch verbessert werden können.

Die Elbe ist gewaltig über ihre Ufer getreten. Im Sommer 2013 hatten die Menschen wie hier bei Bleckede Sorge, dass die Flut über die Deiche schwappt. Foto: A/boldt
Die Elbe ist gewaltig über ihre Ufer getreten. Im Sommer 2013 hatten die Menschen wie hier bei Bleckede Sorge, dass die Flut über die Deiche schwappt. Foto: A/boldt

„Es geht nicht darum, bestehende Katastrophenschutzpläne zu verändern oder Kritik an Behörden oder Institutionen zu üben“, sagt Professor Dr. Wolfgang Beelmann. An der Fachhochschule Bielefeld leitet er den Lehrstuhl Psychologie, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern will er herausfinden, woran es lag, dass das Zusammenspiel der vielen Beteiligten während des Elbe-Hochwassers so gut klappte und wie die dabei wirkenden Faktoren gegebenenfalls noch verbessert werden können. Ziel der Studie mit dem Titel „RISK_M Soziale Mobilisierung zur Optimierung eines Risikomanagements bei extremen Hochwasserereignissen“ soll sein, bereits vor einem nächsten Hochwasser Modelle und Maßnahmen zu entwickeln, „um die Bereitschaft der Menschen zur Mitwirkung in solchen Situationen zu stärken“.

Gruppenzugehörigkeit produktiv nutzen

Die Wissenschaftler wollen dabei der Frage nachgehen, welche Faktoren Einfluss auf den Grad und die Motivation zur Ergreifung von Eigeninitiative haben. Laut Studienanordnung könnten dies die gefühlte Bedrohung, die Schadenserwartung, das eigene Bewältigungsverhalten oder die Höhe des „sozialen Kapitals“, oder wie Beelmann es ausdrückt, ein „professioneller Kölscher Klüngel“ sein. Gemeint sei damit, wie aus einer Gruppenzugehörigkeit produktiver Nutzen für alle erwachse. „Letztlich geht es um die Frage, wie man es schafft, dass Hausbesitzer, deren Eigenheim sicher vor Überflutung ist, anderen helfen, deren Habe bedroht ist“, erläutert der Psychologe und liefert auch gleich eine Antwort mit: „Die Bereitschaft ist höher, wenn man sich kennt.“ Nun gehe es darum, herauszufinden, wie ideale Präventionskonzepte für die von Hochwasser bedrohten Gebiete aussehen könnten.

Mehr Gemeinschaftsgefühl könnte nach Ansicht von Professor Dr. Wolfgang Beelmann (Mitte) und Anja Schäffler Hochwasser-Katastrophen an der Elbe mildern. ASB-Geschäftsführer Harald Kreft begrüßt das Forschungsprojekt. Foto: us
Mehr Gemeinschaftsgefühl könnte nach Ansicht von Professor Dr. Wolfgang Beelmann (Mitte) und Anja Schäffler Hochwasser-Katastrophen an der Elbe mildern. ASB-Geschäftsführer Harald Kreft begrüßt das Forschungsprojekt. Foto: us

Mit Unterstützung des ASB Lüneburg werden sie sich dazu in den kommenden Wochen zunächst auf Expertensuche begeben. „Damit sind Betroffene der Hochwasserkatastrophe von 2013 ebenso gemeint wie die Profis der beteiligten Hilfsorganisationen“, erklärt Anja Schäffler, die das Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachhochschule Bielefeld in Lüneburg betreut. Von ihnen erhofft sie sich wertvolle Informationen aus dem Katas­trophenjahr 2013, die in die Erarbeitung künftiger Präventivprojekte einfließen sollen.

Der ASB, der das Projekt finanziell unterstützt, steht dabei mit Rat und Tat zur Seite: „Wir werden helfen, die richtigen Türen zu öffnen“, sagt Lüneburgs ASB-Geschäftsführer Harald Kreft. Von der Projektidee zeigt er sich angetan: „Es ist spannend, diese Prozesse nicht nur aus der operativen Sicht zu betrachten, sondern auch einmal die soziale Komponente in den Blick zu nehmen.“

Ende 2018 wollen die Bielefelder ihre Ergebnisse vorlegen, darunter auch die Auswertungen der ebenfalls in die Studie einbezogenen Standorte Magdeburg und Leipzig. Eine Idee für ein Präventionskonzept hat Beelmann bereits: „Es könnte beispielsweise ein Elbe-Tag ins Leben gerufen werden, der das Wir-Gefühl stärkt“, sagt der Wissenschaftler.

Doch eigentlich will er den Ergebnissen gar nicht vorgreifen: „So etwas muss von unten kommen.“