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Maren Voßhage-Zehnder und Prof. Dr. Kurt Czerwenka kümmern sich seit zehn Jahren um Hauptschüler, die kurz vor dem Abschluss stehen. Foto: t&w
Maren Voßhage-Zehnder und Prof. Dr. Kurt Czerwenka kümmern sich seit zehn Jahren um Hauptschüler, die kurz vor dem Abschluss stehen. Foto: t&w

Sommerakademie wird zehn Jahre alt

ap Lüneburg. Vor zehn Jahren entwickelte Prof. Dr. Kurt Czerwenka die „Leuphana Sommerakademie“. In einem dreiwöchigen Feriencamp werden ausgewählte Hauptschüler, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, auf das spätere Berufsleben vorbereitet und dabei von Lerntherapeuten, Sozialpädagogen, Studenten, Schauspielern, Künstlern, Musikern, Psychologen und Kampfsportlern unterstützt. 43 Camps mit 1600 Jugendlichen konnte das Team, dessen Zentrale an der Lüneburger Uni sitzt, schon umsetzen. Initiator Czerwenka und Maren Voßhage-Zehnder, die seit 2009 die Projektleitung innehat, ziehen zum zehnten Geburtstag ein Fazit.

Was war vor zehn Jahren der Anlass, diese Sommerakademie einzurichten?
Prof. Dr. Kurt Czerwenka: Der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit wollte das ganze Konzept der Berufsintegration von Rehabilitation auf Prävention umstellen, die jungen Leute also früher in den Arbeitsmarkt integrieren. Ich beschäftige mich schon seit 30 Jahren mit Schwierigkeiten von Jugendlichen und war gern bereit, ein Konzept zu erstellen. 2007 haben wir dann ein Pilotprojekt im Harz gestartet. Das war sehr erfolgreich. 2008 hatten wir dann bereits zwei Camps, 2009 sogar vier.

Also haben Sie da eine Lücke gesehen, dieses Konzept auch fest zu etablieren?
Czerwenka: Wenn wir uns um benachteiligte Jugendliche kümmern, die integriert werden wollen und zu einem Schulerfolg kommen möchten, dann treffen wir definitiv einen Nerv der Zeit. Damals in den liberalisierten Zeiten war es eher unüblich, Jugendliche dazu zu motivieren, sich in ihrer Schulzeit schon mit dem späteren Berufsleben auseinanderzusetzen. Deshalb war die Idee so innovativ.

Worin besteht das Konzept, wie erreichen Sie die Jugendlichen?
Czerwenka: Das pädagogische Konzept ist angelegt an Kopf, Herz und Hand. Wir holen die Jugendlichen dort ab, wo sie stehen. Wir vermitteln kognitive Elemente, wie Deutsch, Mathe und PC-Techniken. Durch Musicals und Schauspielerei wird das Selbstwertgefühl gestärkt. Außerdem orientieren wir uns an praktischen Elementen wie Bewerbungstraining, Auftreten, Präsentationen.

Wie schaffen Sie es, diese Kinder aus ihrem Umfeld he­rauszuziehen?
Czerwenka: Wir fahren mit ihnen in andere Regionen. Nur so besteht die Chance, eine neue Einheit zu schaffen. Es soll neue Gruppenbildungen geben, Möglichkeiten, sich selbst zu erfassen. Wir arbeiten auch an den persönlichen Sorgen der Jugendlichen, niemand kann eine Zielorientierung erreichen, wenn die psychischen Grundbedingungen nicht stimmen.

Die Jugendlichen werden nach diesen Camps noch weiter betreut. Wieso ist das notwendig?
Maren Voßhage-Zehnder: Die Nachbetreuung ist eigentlich das dicke Brett, das Sommercamp eher ein Event mit großen Personalressourcen und viel Gruppendynamik. Die regelmäßige, vergleichsweise langweilige Arbeit am Heimatort ist eigentlich das, was wirklich hilfreich ist. Wir sehen immer wieder, dass gerade die Jungs im Camp wahnsinnig aufblühen, dann aber wieder tief in ihrem häuslichen Kontext stecken. Wir verändern Biografien, drei Wochen reichen nicht aus, um die Art und Weise, wie jemand 15 Jahre gelebt hat, umzudrehen.

Wie läuft die Nachbetreuung ab?
Voßhage-Zehnder: Wir treffen uns wöchentlich mit den Jugendlichen. Zwei Studenten begleiten fünf Schüler im letzten Schuljahr, helfen bei der Berufsorientierung, schulischen Themen, Liebeskummer oder Sorgen zu Hause.

Interview

Was steckt an Personal dahinter?
Voßhage-Zehnder: Da die Arbeit mit den Jugendlichen vor Ort abläuft, müssen wir genügend Studenten in den jeweiligen Regionen finden. Dafür haben wir bundesweite Netzwerke. Es sind also stets etwa 100 Teamer in den Camps und 100 Studenten, die nachbetreuen. Dabei sind die Experten aber bundesweit unterwegs.

Wie groß ist die Bewerberzahl? Wie viele Schüler bekommen letztlich einen Platz?
Voßhage-Zehnder: Wir stellen das Projekt an den Schulen vor, aber die Jugendlichen bewerben sich selbst. In München haben wir beispielsweise 50 Plätze und 80 Bewerbungen. Es kann jedes Jahr auch eine Region geben mit wenig Bewerbungen. Drei Wochen Ferien sind eine harte Währung, da kann man noch so oft erzählen, was das für ein tolles Geschenk ist.

Gibt es einen klassischen Jugendlichen, der in das Konzept passt?
Voßhage-Zehnder: Nein, den gibt es nicht. Ich bin gegen Schubladen-Denken. Es gibt einerseits die schüchternen Mädchen, die zwar ihren Abschluss schaffen, dann aber Schwierigkeiten in der Ausbildung haben, oder die totalen Kracher, die sich mit ihrem Ruf als Gangster identifiziert haben, eigentlich aber etwas drauf haben. Nur etwa drei Prozent derjenigen, die sich bewerben, sind Jugendliche, die es nicht brauchen. Die meisten wissen, dass bei ihnen etwas im Argen ist.

Und soll es noch zehn Jahre weitergehen?
Czerwenka: In Zeiten des demografischen Wandels ist es wichtig, alle Jugendlichen in die Gesellschaft zu holen. Dazu kommt eine Zeit der Inklusion, in der es gilt, Ungleichheiten zu reduzieren. Von daher ist die Sommerakademie nicht nur eine Frage des Arbeitsmarktes, sondern ein humanitäres Anliegen. Wir müssen einen Ausgleich für solche Jugendlichen schaffen.
Voßhage-Zehnder: Neuerdings geht es vermehrt auch um Integration. In einem Camp in München waren zuletzt acht unbegleitete Flüchtlinge dabei. Sie haben erzählt, dass es toll war, einfach mal normal sein zu können. Sie waren auch „nur“ junge Menschen auf dem Weg in die berufliche Zukunft. Die Jugendlichen lernen, dass sie zwar unterschiedliche Wege beschritten haben, aber im Schnitt alle 17 Jahre alt sind.