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Sind neue Trassen für Züge mitten durch die Natur der richtige Weg? Das Symbolbild zeigt einen ICE aus Stroh und Vlies auf einem Feld bei Vinstedt. Foto: A/dth
Sind neue Trassen für Züge mitten durch die Natur der richtige Weg? Das Symbolbild zeigt einen ICE aus Stroh und Vlies auf einem Feld bei Vinstedt. Foto: A/dth

„Ein drittes Gleis hilft nicht weiter“

us Lüneburg. Lüneburg ist mit der im Dialogforum Schiene Nord gefundenen Alpha-E-Variante nicht einverstanden. Die Stadt sieht durch einen Ausbau der Bahnstrecke Lüneburg-Uelzen enorme Probleme auf sich zukommen und fordert die Einleitung eines Raumordnungsverfahrens. Dafür hat sich auch die Kreisgruppe des Naturschutzbunds ausgesprochen und sich damit überraschend gegen die Position der Grünen gestellt. Thomas Mitschke, Vorsitzender des Nabu Lüneburg, erläutert die Gründe.

Herr Mitschke, der Nabu schlägt ungewohnte Töne an: Als dessen Vertreter haben Sie sich gegen den Ausbau der Bahnstrecke Lüneburg-Uelzen im Dialogforum Schiene Nord ausgesprochen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Sie setzen sich für den Bau einer neuen Trasse ein. Kann die Natur sich jetzt nicht einmal mehr auf den Nabu verlassen?
Thomas Mitschke: Die Natur kann sich sehr wohl auf den Nabu verlassen, eben weil wir neben Naturschutz auch den Klimaschutz im Fokus haben. Ein drittes Gleis hilft uns nicht weiter, weil es allein nicht genügend Kapazitäten schafft. Millionen von Güter-Tonnen würden somit per Lkw transportiert werden. Der Alpha-E-Variante stimmen wir in vielem zu, aber auf unserer Strecke hier haben wir große Probleme. Diese wurden aber beim Dialogforum nicht genügend berücksichtigt. Ich fordere aber auch deshalb ein Raumordnungsverfahren, weil schon jetzt ein viertes Gleis diskutiert wird. Die Bahn hat sich dafür im Dialogforum ja ein Hintertürchen offen gelassen.

Foto: t&w  Nabu-Vorsitzender Thomas MitschkeWarum sind Sie sich so sicher, dass mit einem Raumordnungsverfahren gelingt, was im Dialogforum nicht gelungen ist?
Mitschke: Weil das Raumordnungsverfahren fachliche Tiefenschärfe bedeutet. Dabei wird untersucht, ob Ziele, Grundsätze und Erfordernisse der Raumordnung mit dem Gleisbauvorhaben übereinstimmen. Vor allem: Es enthält eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die ist unverzichtbar. Sie hat wiederum die Aufgabe, Eingriffe in schützenswerte Bereiche abzuwenden oder unvermeidbare Eingriffe auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Und das sind wir hier vor Ort der Natur, dem Klima, vor allem aber den Menschen und den nachfolgenden Generationen schuldig.

Ergebnis eines Raumordnungsverfahrens aber könnte sein, dass eine neue Trasse quer durch den Kreis Lüneburg gebaut werden muss. Das kann doch nicht im Sinne des Nabu sein.
Mitschke: Das wäre auch nicht im Sinne des Nabu. Es sind Alternativvorschläge gemacht worden, nämlich entlang der A7, denn dort ist die Landschaft bereits zerschnitten. Man muss aber wissen: Es ist immer ein Abwägungsprozess. Wir können nicht nur den Naturschutz nach vorne stellen und den Klimaschutz dabei außer Acht lassen. Wenn absehbar ist, dass durch zusätzlichen Lkw-Verkehr große Klimaschäden entstehen und der Klimawandel ist ein ganz vordergründiges Thema momentan, auch die Natur leidet unter dem Klima , dann müssen wir den Klimaschutz berücksichtigen. Deshalb müssen auch wir über den Tellerrand blicken und auch unbequeme Abwägungsprozesse führen.

Interview

Für die Grünen im Lüneburger Rat sind die Messen mit dem Ergebnis des Dialogforums anscheinend bereits gelesen, sie lehnen ein Raumordnungsverfahren ab. Können Sie das nachvollziehen?
Mitschke: Ich denke, dass bei den Grünen dieses Thema noch nicht zu Ende diskutiert wurde. Es ist ein sehr dickes Brett und viele Faktoren müssen auf den Prüfstand. Da ist zum einen das Dialogforum selbst, aber auch der kritische Kosten-Nutzen-Faktor, fehlende Kapazitäten, Immissionsschutz und dessen Kosten, Umroutungsvarianten und selbst der geplante Ausbau der Strecke Lübeck-Lüneburg gehört dazu.

Nun sind Sie selbst seit kurzem Mitglied der Grünen und bereits in den Vorstand dieser Partei aufgerückt. Warum konnten Sie sich mit Ihrer Auffassung innerhalb der Partei denn nicht durchsetzen?
Mitschke: Weil auch in einer Partei normale demokratische Prozesse stattfinden. Es gibt verschiedene Denk- und Betrachtungsweisen, und da muss man sich finden, es aber auch zu Ende diskutieren.

Der Lüneburger SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus-Dieter Salewski betonte in der jüngsten Ratssitzung, dass Sie die SPD in ihren Forderungen für ein Raumordnungsverfahren unterstützen. Sind die Lüneburger Genossen da weiter als die Grünen?
Mitschke: Diese Frage stellt sich so nicht. Ich habe schon Ende 2015 Handlungsbedarf erkannt und den Oberbürgermeister schriftlich aufgefordert, ein Raumordnungsverfahren hier auf lokaler Ebene politisch zu unterstützen und nach vorne zu bringen. Dass er mir in diesem Punkt gefolgt ist, kann ich nur begrüßen.