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Das wars: Pickenpack-Mitarbeiter haben Transparente aufgehängt, darauf bringen sie ihre Trauer über das Aus des Unternehmens zum Ausdruck. Foto: us
Das wars: Pickenpack-Mitarbeiter haben Transparente aufgehängt, darauf bringen sie ihre Trauer über das Aus des Unternehmens zum Ausdruck. Foto: us

Der Tiefkühlfisch-Produzent Pickenpack schließt

ca Lüneburg. Es war ein langsamer Tod. Gestern kam das Ende: Im Pickenpack-Werk an der Lüner Rennbahn stellten die Arbeiter die Maschinen ab. Es gab keinen Aufschrei aus Politik und Wirtschaft, dass ein Stück Lüneburger Wirtschaftsgeschichte endet. Vor 41 Jahren war der Betrieb von Hamburg an die Ilmenau gekommen mit vielen Stellen im produzierenden Gewerbe. Arbeit, die auch bei geringer Qualifikation mit Fleiß erledigt werden kann.

Es sei ein eigenartiges Gefühl, neben Anlagen zu stehen, die auf Hochtouren laufen, und zu wissen, es sei die letzte Nachtschicht, die man erlebe, sagt Wolfgang Ries. Der Betriebsratschef hat lange mit Silke Kettner von der Gewerkschaft NGG (Nahrung Genuss Gaststätten) für seine zuletzt 400 Kollegen gekämpft, es waren mal 650. Der Fischstäbchen-Produzent hatte vor Monaten Insolvenz angemeldet, der Verwalter hatte vollmundig erklärt, es gebe eine Zukunft. Doch er fand keinen Investor, der die Zukunft gestalten wollte.

Nein, hieß es am Telefon von der Rezeptionistin, Geschäftsführer Finnbogi Baldvinsson wolle nicht mit dem Reporter sprechen. Er verlasse gerade das Haus. Zumindest für ihn scheint es eine Zukunft zu geben. Der Branchendienst tk-report berichtet, dass die amerikanische Trident-Gruppe, die das Schwesterwerk im ostfriesischen Riepe übernommen hat, dem Isländer einen neuen Job angeboten habe. Er solle „eine Rolle bei der Expansion von Trident in Europa spielen“, meldete „Undercurrent News“ unter Berufung auf Aussagen von Trident-CEO Joe Bundrant. Baldvinsson sei ein Visionär.

Dabei glauben Arbeitnehmervertreter und die NGG, dass Baldvinsson der Mann sei, der Pickenpack in die Problemzone führte: Er habe das Werk in Riepe aufgebaut, das schließlich zur Konkurrenz für Lüneburg wurde und nun unter neuer Flagge weitersegelt. Arbeitnehmervertreter glauben, dass das Werk an der Lüner Rennbahn bessere Zahlen als der Standort Riepe schreibe und mehr Erfahrung besitze.

Aus für 400 Beschäftigte

Es hatte kurze Initiativen aus dem Rathaus gegeben, Gespräche im Wirtschaftsministerium. Der Betriebsrat hatte einem Sanierungskonzept zugestimmt, das 90 Stellen kostete. Vergebens. Der alte Eigentümer Pacific Andes in China habe sich nicht so recht gekümmert, hatte der Insolvenzverwalter später als einen Grund der Pleite genannt. Auch sein Bemühen hatte am Ende keinen Erfolg.

Es gab keine Trost-Resolution von Rat und Kreistag, wo man sonst so gerne zum Weltgeschehen Stellung bezieht, obwohl man nicht zuständig ist. Vielleicht auch, weil es längst Pläne gab, dass auf dem Gelände eine Halle für die Bundesliga-Volleyballer und Konzerte entstehen soll.

Betriebsrat Ries bleibt noch einen Monat: „Ich kümmere mich mit Kollegen um die Rest­abwicklung, es muss einiges aufgeräumt werden.“ Die meisten der Betroffenen würden heute in einer bis November laufenden Transfergesellschaft beginnen, um neue Perspektiven zu entwickeln. Doch für einige dürfte es schwierig werden, einen neuen Job zu bekommen: Wer Mitte 50 und ungelernt ist, habe wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und wenn es was gebe, dann müsse er Abstriche beim Gehalt hinnehmen.

Die Lebensmittelzeitung hat jüngst geschrieben, die Lüneburger Pleite habe durchaus Gutes: 60000 Tonnen Fischprodukte verschwänden so von einem übervollen Markt.

Oberbürgermeister Ulrich Mädge zum Aus von Pickenpack in Lüneburg

sp Lüneburg. Mit Verwunderung hat Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Berichterstattung in der Landeszeitung zur Kenntnis genommen:

„Pickenpack ist ein traditionsreiches Unternehmen. Das Aus ist für Lüneburg, vor allem aber für die rund 400 Mitarbeiter, die es einmal waren, ein gewaltiger Einschnitt. Vor allem handelte es sich hier auch um Produktionsarbeitsplätze, an denen also auch Ungelernte ihren Lohn verdienen konnten.

Kein anderes Unternehmen haben wir von Seiten der Stadtverwaltung gemeinsam mit der Lüneburger Wirtschaftsförderungs-GmbH (WLG), mit dem Wirtschaftsministerium, mit dem Betriebsratsvorsitzenden, mit dem Geschäftsführer und dem Insolvenzverwalter deshalb zuvor so intensiv und lange begleitet wie Pickenpack. Um kein anderes Unternehmen haben wir uns mehr gekümmert. In zig Runden haben wir uns mit dem Wirtschaftsministerium getroffen. Wir haben unter anderem mit möglichen Investoren aus den USA verhandelt. Und wir haben überlegt, selbst das Firmengelände zu erwerben, wenn es finanziell darstellbar gewesen wäre, um Pickenpack notwendige Liquidität zu verschaffen. Leider alles vergebens.

Maßgeblich zwei Dinge sind am Ende für die wirtschaftlich desolate Lage von Pickenpack verantwortlich:

1. Der Markt an Fischprodukten, wie Pickenpack sie hergestellt hat, ist übersättigt.

2. Der alte chinesische Eigentümer war nicht bereit, mindestens so in das Werk zu investieren, wie dies am Standort Riepe der Fall gewesen ist, wo der Betrieb übrigens mit Leiharbeit aufrechterhalten wird.

Es ist nicht selbstverständlich, dass unter diesen Bedingungen eine Transfergesellschaft zustande kam. Und es ist auch nicht selbstverständlich, dass der Firmenstandort auch weiterhin für die gewerbliche Nutzung zur Verfügung steht. Hieran hat die Hansestadt Lüneburg gemeinsam mit der WLG und dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium einen wesentlichen Anteil. Immerhin gibt das einem Teil der Mitarbeiter und dem Standort eine Zukunftsperspektive.

Nicht zu akzeptieren ist der Unterton in der Berichterstattung, die Hansestadt Lüneburg hätte die Pleite von Pickenpack sehenden Auges hingenommen, um jetzt dort eine Mehrzweckhalle bauen lassen zu können. Pickenpack und die Mehrzweckhalle stehen in keinem Zusammenhang, denn auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes, auf dem jetzt die ,Arena Lüneburger Land‘ gebaut werden soll,  hat Pickenpack niemals produziert. Pickenpack hatte das Gelände als mögliche Erweiterungsfläche erworben. Das Unternehmen selbst wollte die Fläche bereits vor zwei Jahren verkaufen. Dabei haben wir das Unternehmen damals unterstützt in der Hoffnung, mit dem Verkaufserlös könne in das Werk und damit in die Produktion investiert werden, um den Standort Lüneburg für Pickenpack zu sichern.“

4 Kommentare

  1. „Es gab keine Trost-Resolution von Rat und Kreistag, wo man sonst so gerne zum Weltgeschehen Stellung bezieht, obwohl man nicht zuständig ist.“

    Sehr erfreulich dass die LZ mal so mutig ist den zweiten Teil des Satzes so deutlich zu formulieren und zu drucken.
    Einerseits erheitert es mich immer wenn der Stadtrat Resolutionen zur Bundes-, Europa- und Weltpolitik beschließt und abgibt, andererseits wurmt mich dabei aber auch jedesmal die unreflekierte Überheblich- und Großkotzigkeit die ich dahinter sehe. So war auch mein Kommentar zur Resolution des Rates zu TTIP und CETA gemeint in dem ich schrieb: Das wird in Berlin und Brüssel aber wie eine Bombe einschlagen. Da kümmert sich doch in Berlin, Straßburg oder Brüssel kein Sch…. drum was der Lüneburger Stadtrat verabschiedet hat. Wie kann man sich nur so wichtig glauben. Ich denke es gibt genügend lokale Probleme um die sich Stadt- und Kreistag intensiv(-er) kümmern sollten. Den Abbau der viel zu hohen Verschuldung sehe ich dabei an erster Stelle. Bescheidenheit ist eine Zier meine Damen und Herren in den Räten. Millionenzuschüsse für Prestigebauten sollte man sich dagegen verkneifen wenn das Geld nicht vorhanden ist. Investitionen in die Infrastruktur, eine baldige Beendigung von Baustellen an den Schulen in Stadt und Landkreis, Ausbau des ÖPNV etc. . Vor diesen Hintergründen fehlt mir auch jeder Respekt vor den Mitgliedern der Räte (mit einigen individuellen Aunahmen). Es mangelt mir schlicht an Qualität. Und das schon seit ich als gebürtiger Lüneburg begann die lokale „Politik“ aufmerksam zu verfolgen. Das geht so weit zurück dass ich mich noch an ein Mitglied im Verkehrsausschuss der Stadt erinnern kann, dass in seinem Leben nie einen Führerschein besessen hat aber dennoch sehr aktiv und bestimmend in diesem Ausschuss tätig war. Aber das ist laaange her.

    • An den Herren meine ich auch mich erinnern zu können. Ja, in der Tat, dass ist laaaaange her. Aber der Herr hat seinen Platz im historischen Gedächtnis der Lüneburger

  2. „Baldvinsson sei ein Visionär“
    JA das ist der Herr aus Island sicher. Was allerdings nirgends steht, daß für diese Visionen immer andere die Rechnung bezahlen.
    Überall wo dieser Visionär war, ist am Ende eine Pleite zu verzeichnen.
    Ich kenn noch die Vision den amerikanischen Markt zu erobern. Tolle Reise habe die Herren gemacht. Ergebnis gleich Null. War sicher eine schöne Reise.

  3. Michael Heuter

    Ich kann immer nur als Insider der 30 Jahre lang unter dem alten Familienunternehmen, und auch nach dem Verkauf der Pickenpacks an die Gilde ( Rabobank ) das auch wir immer mal Probleme durch Währung, oder Rohwarenpreise auf dem Weltmarkt hatten, aber wir “ Alten “ Pickenpackler waren Hanseatischer Schule !!
    Das Problem begann mit der Fusion mit Hussmann& Hahn , ergo Geschäftsführer Baldvinsson und sein “ Erfolgreiches “ Team. Danach gab es nur Miss Mangement , und wie heisst es doch so schön auf Deutsch der Fisch fängt am Kopf an zu Stinken. Mit freundlichen Grüßen nach Lüneburg , Michael Heuter