Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Oberstabsgefreiter Hendrick Fried macht auf einer Freifläche in der Theodor-Körner-Kaserne einen Wetterballon startklar. Foto: t&w
Oberstabsgefreiter Hendrick Fried macht auf einer Freifläche in der Theodor-Körner-Kaserne einen Wetterballon startklar. Foto: t&w

Wetterfrösche im Tarnanzug + + + Mit LZplay-Video

kre Lüneburg. Wolkenverhangener Himmel, strömender Regen. Mit einem Wort: „Schietwetter“! Wozu also noch einen Wetterballon aufsteigen lassen, der Blick aus dem Fenster reicht doch? „Nö!“, sagt Stabsfeldwebel Jens Walter, „ein bisschen genauer wollen wir es schon wissen.“ Dass es regnet, stört Walter und seine Soldaten nicht, ist sozusagen ein sicht- und fühlbarer Teil ihres Berufsbildes.

Denn der 45-Jährige ist Chef des Wetterzuges des Artillerielehrbataillons 325. Einer Einheit, die eigentlich in Munster zu Hause ist. Doch weil in der Heide- und Soldatenstadt die Hindenburgkaserne modernisiert wird, wurden die „Wetterfrösche“ der Truppe nun für längere Zeit ausgegliedert. Nach Lüneburg. In die Theodor-Körner-Kaserne (TKK), in der auch das Aufklärungslehrbataillon 3 beheimatet ist.

Wetterfrösche — diesen Begriff findet Walter alles andere als ehrenrührig. Im Gegenteil. Im Kompaniegebäude sind auf den Gängen vor den Stuben und dem Geschäftszimmer gleich mehrere lustig aussehende Frösche aus Holz oder Metall aufgestellt. Die Identifikation mit dem, was man tut, ist sichtbar.

Der nun in Lüneburg stationierte Wetterzug ist einer von nur insgesamt vier in Diensten der Bundeswehr. Immer dann gefragt, wenn etwa die Artillerie, die Aufklärer für ihren Drohnen-Einsatz, aber auch die Kampftruppe oder die ABC-Abwehrspezialisten der Bundeswehr Wetterdaten benötigen. „Dann rücken wir an!“ sagt Walter. Auf dem Gelände der TKK demonstrieren die Soldaten, wie so eine Wetter-Erkundung durchgeführt wird — gefechtsmäßig natürlich, mit Sturmgewehr, Koppeltragegestell und auch dem Gefechtshelm. Aufgrund der schwül-warmen Temperaturen alles andere als ein Vergnügen.

Doch die meisten der Soldaten haben sich ganz bewusst zum Wetterzug gemeldet. Oberstabsgefreiter Gökhan Türkmen etwa: „Ich wollte schon immer zur Bundeswehr“, sagt er. Damit das klappte, hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „Mir gefällt das, was ich mache“, sagt der Zeitsoldat, der sich seiner Verantwortung und der seiner Kameraden durchaus bewusst ist. „Unsere Wetterdaten sind wichtig, damit beim Schießen nichts schiefgeht“, sagt der Hamburger. Wind und Temperaturen beeinflussen die Flugbahn der Geschosse. Nicht auszudenken was passiert, wenn aufgrund falscher Daten ein Artilleriegeschoss, eine Rakete oder auch eine Aufklärungsdrohne vom berechneten Kurs abweicht.

Inzwischen haben die Soldaten den Platz erreicht, von dem aus der Ballon aufsteigt und die Wetterdaten gesammelt werden sollen. Noch ist der Ballon — gefertigt aus verstärktem Latex — nur eine große, schlaffe Hülle. Doch das ändert sich schnell. Gefreite Lisa-Marie Morbitzer lässt Helium in die Ballonhülle strömen, die Oberstabsgefreiter Hendrik Fried auf eine Düse gespannt hat. 800 Liter des Edelgases strömen in Minutenschnelle in die Hülle. Schnell noch die GPS-gestützte Radiosonde mit dem Bremsfallschirm an dem Ballon befestigt, dann lässt ihn Oberstabsgefreiter Fried auch schon aufsteigen. Die Daten bekommt Türkmen in Echtzeit übermittelt. Höhe, Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und -geschwindigkeit.

Wiedersehen werden die Soldaten den Ballon nicht mehr. „Hülle und Sonde sind nur für den einmaligen Gebrauch konzipiert. Denn je höher der Wetterballon steigt, desto mehr bläht er sich aufgrund des geringer werdenden Luftdrucks auf — bis er irgendwann platzt und zur Erde stürzt. Der Fallschirm ist nur dazu da, damit beim Aufprall keine Sachschäden entstehen. An der nicht einmal 100 Gramm wiegenden und in Styropor verpackten Sonde befindet sich ein sogenannter Finderzettel auf dem steht, wie mit dem Fund zu verfahren ist. Letztlich entsorgen, „denn nichts anderes macht die Bundeswehr damit auch“, sagt Walter schmunzelnd, der seit 25 Jahren bei der Wettergruppe ist.

Zum Abschluss drängt sich dann aber doch noch eine letzte Frage auf: „Wird das noch was mit dem Sommer in diesem Jahr?“ Walter und seine Kameraden lächeln, eine Frage, die sie immer wieder hören, und die sie immer gleich beantworten: Wettervorhersagen dürfen wir nicht machen, dafür fehlt uns die Ausrüstung und die Ausbildung!

Bis zu 30 Kilometer Höhe

Die Bundeswehr verwendet rote und weiße Wetterballons: Die rotem im Friedens-, die weißen im Verteidigungsfall. „Die sind nicht so leicht zu erkennen“, sagt Stabsfeldwebel Jens Walter. Der Wetterballon mit der angehängten GPS-gestützten Radiosonde fliegt frei in der Atmosphäre und kann 30 Kilometer Höhe erreichen.

Die Daten werden in Echtzeit von der Sonde an die Auswertestelle am Boden übermittelt, in einem Computer verarbeitet und zu Wettermeldungen umgewandelt, danach über Datenfunk verbreitet. Die Meldungen müssen je nach Wetterlage und Geländestruktur alle 45 bis 90 Minuten aktualisiert werden. Das bedeutet, die Wettergruppe muss einen neuen Wetterballon starten.

Anmelden müssen die Soldaten diese Ballonstarts nicht, sofern sie von militärischem Gelände aus starten. Beispielsweise in der Kaserne oder auf Übungsplätzen. Die Kosten pro Ballonstart beziffert Walter auf etwa 250 Euro. – kre