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Ein neues Gutachten im Auftrag der Grünen sieht ein schlechtes Nutzen-Kosten-Verhältnis der A 39.  Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies hält dennoch an Plänen fest. Symbolbild: A/t&w
Ein neues Gutachten im Auftrag der Grünen sieht ein schlechtes Nutzen-Kosten-Verhältnis der A 39. Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies hält dennoch an Plänen fest. Symbolbild: A/t&w

A39 — die ewige Frage nach dem Sinn

pm Lüneburg/Hannover. Gegenwind für die umstrittenen A39 und 20 in Niedersachsen: Die Baukosten würden nach einem neuen Gutachten künstlich runter gerechnet, die Verkehrsprognosen dagegen hoch geschraubt. Bei realistischen Werten hätten es weder die Verbindung Lüneburg-Wolfsburg noch die Küstenautobahn als vordringlich in den Entwurf des neuen Bundesverkehrswegeplans (BVWP) schaffen dürfen, sagt der Diplom-Geograf Wulf Hahn von der Agentur RegioConsult im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die grüne Landtagsfraktion hatte die Expertise in Auftrag gegeben. Sie will damit Druck auf die SPD ausüben, damit diese bei der Verabschiedung des Bundesverkehrswegeplanes durch die schwarz-rote Bundesregierung beide Projekte noch stoppt. „Die Sozialdemokraten in Berlin können einem solchen klima- und umweltfeindlichen Konstrukt nicht zustimmen“, forderte die verkehrspolitische Sprecherin Susanne Menge. Damit aber droht ein Konflikt mit dem niedersächsischen Koalitionspartner. Die Landes-SPD, allen voran Wirtschaftsminister Olaf Lies, ist große Befürworterin beider Trassen.

842 Millionen Euro Kosten

Die A39 soll auf 106,3 Kilometer die Lücke zwischen Lüneburg-Nord und Weyhausen bei Wolfsburg schließen. Die Kosten dafür beziffert Berlin mit 842 Millionen Euro. Die A20 soll über 161 Kilometer von der A29 bei Westerstede südlich an Bremerhaven vorbei bis Drochtersen führen, dort die Elbe mit einem Tunnel unterqueren und bis zur A23 bei Hohenfelde weitergehen. Knapp 2,8 Milliarden Euro veranschlagt das Verkehrsministerium für den Bau. Beide Projekte sind als vordringlich kategorisiert.

„Die Nutzen-Kosten-Verhältnisse sind für beide Autobahnen überhöht und müssen auf Basis aktueller und belastbarer Kostenschätzungen korrigiert werden“, fordert dagegen der Gutachter. Seine 96-seitige Expertise kritisiert, dass die Berechnungen des Bundesverkehrsministeriums bei den Baukosten auf Zahlen von 2012 beruhten.

2014 seien als Kosten für die A20 bereits auf 3,27 Milliarden Euro, für die A39 auf knapp 1,1 Milliarden Euro veranschlagt worden. Zudem habe man Planungskosten und Ersatzinvestitionen, also Reparaturen, gar nicht berücksichtigt und den möglichen Reisezeit-Gewinn viel zu hoch bewertet. So seien dort selbst Sekunden-ersparnisse eingeflossen. „Effekte unter einer Minute nimmt aber doch eigentlich niemand wahr“, meint Hahn.

Alternativrechnung wenig attraktiv

Nach seiner Alternativrechnung sinkt das Nutzen-Kosten-Verhältnis bei der Küstenautobahn von den 1,94 des Verkehrsministeriums auf magere 1,23. Bei der Verbindung Lüneburg-Wolfsburg sieht es mit 0,85 noch schlimmer aus. Die Kosten überwiegen dort also den Nutzen. Die Autobahn dürfte danach gar nicht mehr im BVWP auftauchen.

Dabei haben die Gutachter allerdings den von Berlin angenommenen Kilometerpreis von rund zehn Millionen auf 15 Millionen Euro korrigiert. Zum Vergleich: Bei der A20 sind 20 Millionen Euro pro Kilometer veranschlagt, wobei allerdings der teure Elbtunnel mit zu Buche schlägt.

Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) reagiert prompt: „Dieses von den Grünen in Auftrag gegebene Gutachten wird am Regierungshandeln nichts verändern, weder in Niedersachsen noch in Berlin. Die niedersächsische Landesregierung hat die A20 und die A39 beantragt und ich freue mich sehr, dass beide Projekte in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplanes aufgenommen sind.“ Lies ergänzt: „Das Gutachten erfüllt nur einen Zweck: Es füllt für ein paar Tage das Sommerloch.“

Das sagt die IHK Lüneburg-Wolfsburg

Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert kritisiert, dass das Gutachten teilweise auf veralteten Informationen beruhte. Er wirft dem Gutachter vor, die Untersuchungen der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr aus den Jahren 2010, 2013 und 2015 nicht berücksichtigt zu haben. „Die aktuellsten Untersuchungen zeigen, dass in allen Abschnitten 2030 deutlich über 24 000 Fahrzeuge am Tag verkehren, im besonders stark belasteten Abschnitt im Raum Lüneburg sogar mehr als 60 000.“

Die Behauptung, der für einen vierspurigen Autobahnausbau geforderte Richtwert von 18 000 Fahrzeugen beispielsweise zwischen Uelzen und Wittingen werde nicht erreicht, sei daher nicht zu halten. Ferner behaupteten die Gutachter, die B 4 sei nicht in die Betrachtung eingeflossen. „Auch das stimmt nicht.

Die B 4 wurde einer Grobprüfung unterzogen. Darüber hinaus wurde bei der landesplanerischen Feststellung zum Abschluss des Raumordnungsverfahrens festgestellt, dass ein Ausbau der B 4 aufgrund von naturschutzfachlichen, städtebaulichen und straßenplanerischen Gründen nicht weiter zu verfolgen ist.“