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Als Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau des Turniergeländes des Ausbildungszentrums Luhmühlen will der Landkreis eine neu geschaffene Flussbiegung mit der Luhe verbinden. Doch das stößt in Westergellersen auf wenig Gegenliebe. Foto: kre
Als Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau des Turniergeländes des Ausbildungszentrums Luhmühlen will der Landkreis eine neu geschaffene Flussbiegung mit der Luhe verbinden. Doch das stößt in Westergellersen auf wenig Gegenliebe. Foto: kre

Streit um neues Flussbett

kre Westergellersen. Ein grüner Algenteppich schwimmt auf der Wasseroberfläche. Vereinzelt sieht man Wasserläufer, auch Libellen auf der Jagd nach Beute. Doch bis aus dem Gewässer tatsächlich dauerhaft ein Lebensraum für seltene Wassertiere — der Bachmuschel etwa — wird, wird es wohl noch ein Weilchen dauern. Vor drei Jahren hat der Landkreis Lüneburg — als eine Kompensationsmaßnahme für das Turnier- und Veranstaltungsgelände des Ausbildungszentrums Luhmühlen (AZL) — in der Gemarkung Westergellersen unterhalb des Turnierplatzes mit der Flussbettveränderung begonnen. Boden wurde ausgebaggert, Kies in das neue Bachbett eingearbeitet und erste Uferanpflanzungen wurden vorgenommen. Noch in diesem Jahr soll der „Durchstich“ — der Anschluss — an die Luhe erfolgen. Doch was geplant ist als Beitrag zur Biodiversität, stößt in Westergellersen auf Gegenwehr.

Lebensraum für die Bachmuschel

Gemeindebürgermeister Hans-Jürgen Nischk (CDU) fürchtet, dass mit dem Anschluss des neuen Flussarmes die Naturschutzauflagen noch strenger werden. Mit negativen Auswirkungen für den Reit- und Veranstaltungsbetrieb. Argumente, die Thomas Mitschke, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) in Lüneburg, nicht nachvollziehen kann. „Da werden bereits investierte 50.000 Euro in Frage gestellt, nur weil eine Kommune überbordenen Naturschutz fürchtet.“

Dabei steht es für Naturschützer und Wasserbauer außer Frage, dass das Umleiten der Luhe in das neue Bachbett eine ökologische Aufwertung bedeutet. Das bestätigt Matthias Nickel, Fachingenieur beim Luhe-Unterhaltungs- und Landschaftspflegeverband: „60 bis 70 Prozent unserer Flüsse und Bachläufe wurden in früheren Jahrzehnten begradigt, mit dem Ziel, Wasser möglichst schnell abzuleiten.“ Die ökologische Folge: Durch die schnellere Fließgeschwindigkeit werden Sedimente aufgewirbelt. Gewässer versanden, werden quasi zu Kanälen „degradiert“. Durch die Verschwenkung der Luhe wird die Fließgeschwindigkeit verringert, durch das Einbringen von Kies in das Bachbett werden neue Lebenräume geschaffen. Etwa für die Bachmuschel.

Das sagt der Landkreis auf LZ-Anfrage: „Im Jahr 2013 erfolgte eine Plangenehmigung für eine Gewässerausbaumaßnahme an der Luhe, die bereits umgesetzt worden ist. Aktuell läuft ein Genehmigungsverfahren für eine Erweiterung der vorhandenen Plangenehmigung. Ziel ist, die Luhe an der betreffenden Stelle wieder in ihr altes Flussbett zu leiten. Die Gemeinde Westergellersen hat dazu, wie andere Träger öffentlicher Belange, eine Stellungnahme abgegeben, die im Genehmigungsverfahren geprüft wird. Die endgültige Entscheidung darüber, ob und wie diese Maßnahme umgesetzt wird, trifft die Untere Wasserbehörde in ihrem Planfeststellungsbescheid.“

Eine ökologische Aufwertung

Trotzdem droht Ärger. Vorgesehen ist nämlich nicht nur der „Durchstich“ und die Umleitung der Luhe auf einer Länge von etwa 100 Metern, sondern der bisherige Bachlauf soll durch bauliche Maßnahmen zu einem „Stillgewässertunnel“ und somit nur noch zu einem „schwach durchströmten Gewässer“ werden. Und das möglichst noch in diesem Jahr. Zum Ungemach der Gemeinde Westergellersen, in deren Gemarkung die Maßnahme stattfindet.

„Wir sind als Gemeinde nicht beteiligt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt worden“, kritisiert Bürgermeister Nischk und setzt nach: „Der Kreis ist auch den Beweis schuldig geblieben, dass die Luhe an dieser Stelle ursprünglich einen anderen Verlauf hatte.“ Ein weiterer Grund, warum er die Maßnahme ablehnt: Nischk fürchtet, dass sich seltene und besonders geschützte Tiere, zum Beispiel der Otter, in dem neu geschaffenen Biotop ansiedeln könnten. „Dann ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, dass das AZL durch die Zwänge des Naturschutzes nicht mehr kostendeckend betrieben werden kann.“ Den Hamberg habe der Naturschutz wegen der dort lebenden Fledermäuse bereits „annektiert“, sagt Nischk. „Da findet nichts mehr statt. Keine Lauf- und keine Reitveranstaltungen.“

Nabu-Kreisvorsitzender Thomas Mitschke hingegen fürchtet ein Aushöhlen des Naturschutzes. So plane zum Beispiel der Veranstalter des Festivals „A Summers Tale“, auch bei der diesjährigen Veranstaltung das unmittelbar an das AZL angrenzende FFH-Schutzgebiet mitzunutzen. Im vergangenen Jahr wurde laut Mitschke ein Zelt mit den „Ausmaßen von zehn mal zehn Metern“ im FFH-Gebiet aufgestellt, „dieses Jahr soll es ein schon fast doppelt so großes Zelt sein“, hat der Nabu-Vorsitzende erfahren. Er sagt: „Wehret den Anfängen!“

Häufige Formen von Schutzgebieten

In der Region Lüneburg gibt es neben den FFH-Gebieten noch andere Schutzgebiete. Hier kurze Definitionen für die häufigsten Formen:

FFH: Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, kurz FFH-Richtlinie oder Habitatrichtlinie, ist eine Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union. Ziel ist es, wildlebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen.

Naturschutzgebiete (NSG) sind rechtsverbindlich festgesetzte Gebiete, die ausgewiesen werden, wenn das Gebiet bestimmte wildlebende Tier- und Pflanzenarten beherbergt, deren Fortbestand durch die Sicherung ihrer Lebensräume gewährleistet werden soll, wenn das Gebiet von Bedeutung aus wissenschaftlicher, naturgeschichtlicher oder landeskundlicher Sicht ist oder aufgrund seiner Seltenheit oder besonderen Eigenart in diesem Zustand erhalten bleiben soll.

Ein Biosphärenreservat ist eine von der UNESCO initiierte Modellregion, in der nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht exemplarisch verwirklicht werden soll. Die Nutzungsauflagen sind in Zonen aufgeteilt.

Landschaftsschutzgebiet (kurz LSG) ist eine Gebietsschutzkategorie des Naturschutzrechts. Gegenüber NSG zielen Schutzgebiete des Landschaftsschutzes auf das allgemeine Erscheinungsbild der Landschaft ab und schreiben geringere Nutzungseinschränkungen für Forst- und Landwirtschaft vor.