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Beim DRK sind Wolf Kaiser (v.l.), Kay Henke, Nils Gurk und Christian Köller die einzigen Rettungsassistenten, die die staatliche Prüfung zum Notfallsanitäter schon absolviert und auch bestanden haben. Foto: t&w
Beim DRK sind Wolf Kaiser (v.l.), Kay Henke, Nils Gurk und Christian Köller die einzigen Rettungsassistenten, die die staatliche Prüfung zum Notfallsanitäter schon absolviert und auch bestanden haben. Foto: t&w

Rettungsassistenten werden Notfallsanitäter

ap Lüneburg. Wolf Kaiser arbeitet seit 18 Jahren als Rettungs­assistent. Er hat viel Erfahrung im Umgang mit Patienten, weiß, was in Notfällen zu tun ist. Doch aufgrund einer Änderung im Rettungsdienstgesetz von 2014 zählt seine Tätigkeit nun zu den aussterbenden Berufen.

Bis 2021 müssen die rund 52 Rettungsassistenten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und des Arbeiter-Samariter-Bundes, kurz ASB, in Stadt und Landkreis Lüneburg eine staatliche Prüfung ablegen. Und die hat es in sich. Denn wer im ersten Versuch durchfällt, muss im zweiten bestehen, andernfalls müsste er noch einmal eine dreijährige Ausbildung absolvieren. Zurzeit liegt die Durchfallquote bei der Prüfung bei rund 40 Prozent.

Nur sechs Mitarbeiter der hiesigen Organisationen dürfen sich bislang „Notfallsanitäter“ nennen. Dazu zählen Wolf Kaiser und seine DRK-Kollegen Kay Henke, Christian Köller und Nils Gurk. Beim ASB haben zwei Angestellte die Weiterbildung geschafft. „Das Examen staffelt sich je nach Berufserfahrung“, erklärt Köller, der seit 2002 ausgelernt hat. Wer über fünf Jahre im Job sei, müsse einen zweiwöchigen Lehrgang besuchen und eine Ergänzungsprüfung absolvieren. Von 16 Teilnehmern sei die Hälfte durchgefallen. „Das ist existenzgefährdend“, sagt Wolf Kaiser, den vor allem ein Beispiel geschockt hat. In ihrem Lehrgang sei ein 52-jähriger Teilnehmer mit 30 Jahren Berufserfahrung gewesen. „Er ist durchgefallen, was sagt das über diese Prüfung aus?“

„Man ist dann nicht mehr erster Mann auf dem Einsatzwagen, muss sich womöglich einem 19-Jährigen unterordnen, der gerade drei Jahre im Beruf ist.“
Wolf Kaiser (Rettungsassistent seit 18 Jahren)

Die Vorbereitung müsse neben dem normalen Alltag bewältigt werden in den Abendstunden oder gar zwischen Einsätzen. „Das ist sehr anspruchsvoll.“ Bei Nichtbestehen drohe zwar niemandem die Entlassung, aber dafür andere Folgen. „Man ist dann nicht mehr erster Mann auf dem Einsatzwagen, muss sich womöglich einem 19-Jährigen unterordnen, der gerade drei Jahre im Beruf ist.“

Der Druck ist groß: Die Einsatzzahlen in Stadt und Kreis steigen. Kreispressesprecher Hannes Wönig teilt mit, dass die Rettungsdienste 2013 zu 30162 und 2014 zu 30512 Einsätzen ausrücken mussten. Im vergangenen Jahr waren es gar 31880 Fahrten.
Matthias Körte, Geschäftsführer des DRK, hält die Weiterbildung daher für notwendig. „Wir brauchen besser qualifiziertes Rettungspersonal“, sagt er. „Da gibt es keine geteilten Meinungen.“ Aber die hohe Durchfallquote sei prob­lematisch, „da wurde mit heißer Nadel gestrickt“. Das Prüfungssystem müsse sich erst einspielen, schließlich habe man damit „komplettes Neuland“ betreten. 32 Rettungsassistenten seien bei ihm beschäftigt, vier bislang schon im ersten Versuch durchgefallen. „Sie treten im Oktober zur Nachprüfung an“, sagt Körte, der nun nochmal sechs und im Jahr 2017 weitere sieben Mitarbeiter zur Prüfung schickt.

Harald Kreft, Kreisgeschäftsführer des ASB, sieht die Prob­lematik vor allem in dem großen theoretischen Feld, das in der Prüfung abgefragt werde. „In diesem Jahr schicke ich nochmal vier nach Hannover mit einer intensiveren Vorbereitung“, erklärt Kreft. Insgesamt habe er 40 Mitarbeiter im Rettungsdienst, von denen etwa 20 weitergebildet werden müssten. Ab dem 1. August bilde der ASB neue Notfallsanitäter selbst aus, die Überleitungslehrgänge müssten weiter über die Schule in Hannover laufen.

Der Hintergrund der Prüfung seine Kompetenzen zu erweitern leuchtet den vier erfolgreichen Teilnehmern des DRK ein. Der Notfallsanitäter dürfe im Gegensatz zum Rettungsassistenten die Heilkunde ausüben, die eigentlich dem Arzt vorbehalten sei. „Damit sind zum Beispiel invasive Maßnahmen gemeint wie der externe Herzschrittmacher oder der Stromstoß“, erklärt Kaiser. Auch Schmerzmedikamente dürften verabreicht werden. „Die notärztliche Versorgung ist gerade im ländlichen Bereich nicht gut“, sagt Köller, „wenn jemand Atemnot hat und nach Luft japst, ist es gut, dass wir nun auch eingreifen dürfen.“

Aber über Teile der Prüfung könne man dennoch streiten, findet Kaiser. Neben zwei praktischen Fallbeispielen seien auch die Themen Kommunikation, Recht, Interaktion und das Medizinproduktgesetz abgefragt worden. „Die medizinischen Fachkenntnisse nochmal aufzufrischen, macht absolut Sinn, aber Kommunikation als Prüfungsfach?“ Jemand, der 20 Jahre Berufserfahrung hat, weiß, wie man mit Patienten und Angehörigen umgeht, sagt der 39-Jährige.

Ein weiteres Problem sei zur Zeit noch, dass die Algorithmen für die Medikamentenvergabe in Lüneburg noch nicht freigegeben seien. „Jedes Bundesland hat einen eigenen Algorithmus“, erklärt Nils Gurk. Der ärztliche Leiter müsse diesen dann für den Landkreis freigeben. „Wir wurden dahingehend ausgebildet, in einer bestimmten Situation ein entsprechendes Medikament zu verabreichen. Momentan dürfen wir es aber rechtlich nicht.“ Dann berufe man sich stets auf den rechtlichen Notstand, um im Zweifel für den Patienten handeln zu können.

Auch die neuen Lohnvorstellungen überzeugen die Notfallsanitäter noch nicht. „Das müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften nochmal vernünftig aushandeln“, sagt Gurk. Die deutlich gestiegene Verantwortung müsse auch entsprechend vergütet werden.