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Am selbstgebauten Webrahmen stellt Gitte Bachmann Brettchenborten her, mit denen sie ihre Gewandungen verziert. Ehemann Franz schaut ihr über die Schulter. Foto: t&w
Am selbstgebauten Webrahmen stellt Gitte Bachmann Brettchenborten her, mit denen sie ihre Gewandungen verziert. Ehemann Franz schaut ihr über die Schulter. Foto: t&w

Die Wikinger kommen

emi Lüneburg/Bienenbüttel. Gitte Bachmann aus Lüneburg ist Verwaltungsfachangestellte aber nur acht Stunden am Tag. Sobald sie die Bürotür geschlossen hat, aus dem Alltag heraus- und in wallende Gewänder hineingeschlüpft ist, ist sie Gitte Lottesdottir, Wikingerin und Lagerköchin aus Birka in Schweden. Wenn die 62-Jährige den handgewebten Leinenstoff auf ihrer Haut und den Ledergürtel um ihre Hüften spürt, ist sie mittendrin im Jahr 850 nach Christus. Gitte Bachmann ist Mittelalterfan genauso wie ihr Mann, ihr Enkelkind, ihr Sohn, ihre Tochter und ihre Schwiegertochter. Heute werden die Bachmanns ihre Zelte in Bienenbüttel aufschlagen, denn am Wochenende findet auf den Ilmenauwiesen der Mittelaltermarkt statt, den sie vor vier Jahren mitgegründet haben.

Lüneburg, ein Tag vor der Abfahrt: Gitte und Franz Bachmann sitzen auf dem beigen Plüschsofa im Wohnzimmer ihres kleinen Reihenhauses. Vor ihnen auf dem niedrigen Couchtisch liegen handgewebte Brettchenborten in allen Farben und Mustern neben dicken Wälzern über die Geschichte der Wikinger. Immer wieder greift Franz Bachmann zu einem der bunten Bänder und reicht es seiner Frau. Sie hält es mit prüfendem Blick gegen grünen Stoff, der eine lebensgroße Puppe umhüllt. Die Borten sollen später das fertige Leinenkleid zieren. „Ich mache alle Gewandungen selbst“, sagt Gitte Bachmann. „Mein Sohn hat mir einen Webrahmen gebaut. An den setze ich mich immer, wenn ich freie Zeit habe, und stelle die Brettchenborten her.“

Der Sohn war es auch, der bei seinen Eltern vor rund 15 Jahren die Leidenschaft für das Mittelalter weckte. „Er ist seit etwa 20 Jahren in der Szene und arbeitet als Drechsler auf verschiedenen Märkten“, erzählt das Paar. „Einmal haben wir beim Verkauf in Geesthacht geholfen. Unser Sohn hatte uns Gewandungen besorgt und alle Leute waren sehr herzlich. So sind wir infiziert worden.“ Die Historie, das Erforschen und Ausprobieren, wie man früher wohl gelebt hat, fasziniert die Geschichtsfans bis heute.

Ferien von den Alltagssorgen

Anfangs halfen Bücher, um sich in längst vergangene Zeiten hineinzuversetzen. Später tauschte man auf Mittelaltermärkten nicht nur Informationen aus, sondern auch Rohstoffe. Durchschnittlich acht bis zehn solcher Veranstaltungen besucht das Ehepaar jedes Jahr zwischen März und Dezember. „Für mich ist jeder Markt eine kleine Urlaubsreise“, sagt Gitte Bachmann. „In dem Moment, wo man die Armbanduhr ablegt, ist man ein anderer Mensch. Wenn ich in die Gewandung schlüpfe, habe ich Ferien von allen Alltagssorgen. Die Zeit ist nicht mehr da. Der Tag endet, wenn es dunkel wird.“

Auch am Wochenende werden sich die Lüneburger wieder auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. Sobald in Bienenbüttel das Gemüse über offenem Feuer köchelt und Menschen in wallenden Gewändern vor ihren Zelten klönen, bleibt für die Mittelalterfans die Zeit stehen. Dann gibt es keine Verwaltungsangestellten, Pathologen und Zahnärzte mehr, sondern nur noch Händler, Gaukler und Zauberer. Und aus Gitte und Franz Bachmann werden wieder Gitte Lottesdottir und Glambek Graf von Fembria.

Markt in Bienenbüttel

Händler, Gaukler und Heerlager schlagen heute auf den Ilmenauwiesen an der Ilmenauhalle, Niendorfer Straße 11 in Bienenbüttel, wieder ihre Zelte auf. Der Mittelaltermarkt der Wirtschafts- und Tourismus-Gemeinschaft (WTG)  beginnt am Sonnabend, 16. Juli, um 12 Uhr das eigentliche Spektakel mit Schwertkämpfen, Kinderbelustigung, Musik, Verkaufsständen, Essen und Trinken.

Den Abschluss bildet am Sonnabend gegen 23.15 Uhr eine große Feuershow. Am Sonntag, 17. Juli, öffnet der Markt bereits um 11 Uhr, gegen 18 Uhr klingt die Veranstaltung aus. Der Eintritt kostet am Sonnabend und Sonntag für Erwachsene fünf Euro, Kinder sind frei. Programm und Infos gibts hier .