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Leah Erhardt und Daniel Samme wollten in Lüneburg eigentlich einkaufen. Doch die Jagd auf kleine Pokémons macht ihnen wie hier auf dem Platz Am Sande mehr Spaß. Das kleine Foto unten zeigt, wie die virtuelle mit der realen Welt verschmilzt. Eingefangen ist hier das Live-Bild von der Bäckerstraße, gesehen durch die Handy-Kamera. Nur auf dem Display tauchen die Figuren auf. Foto: t&w
Leah Erhardt und Daniel Samme wollten in Lüneburg eigentlich einkaufen. Doch die Jagd auf kleine Pokémons macht ihnen wie hier auf dem Platz Am Sande mehr Spaß. Das kleine Foto unten zeigt, wie die virtuelle mit der realen Welt verschmilzt. Eingefangen ist hier das Live-Bild von der Bäckerstraße, gesehen durch die Handy-Kamera. Nur auf dem Display tauchen die Figuren auf. Foto: t&w

Lüneburger jagen Fantasiewesen

jdr/ap Lüneburg. Lotte ist erschöpft. Seelenruhig liegt sie in der Grapengießerstraße und beobachtet Passanten. Die Retriever-Dame hat mächtig Kilometer zurückgelegt auf den für sie ungewohnt ausgeprägten Gassi-Gängen der vergangenen Tage. Das hat seinen Grund: Herrchen Nils Neumann-Giesen ist im „Pokémon Go“-Fieber.

Pokémon GoDie kostenlose Smartphone-App eroberte erst die USA, Australien und Neuseeland, seit Mittwoch nun Deutschland und auch Lüneburg. Wie kaum ein Handy-Programm zieht es die Massen in seinen Bann. Und darum geht es im Kern: Der Spieler sammelt Pokémon, das sind kleine Fantasietierchen, er bildet sie aus und lässt sie gegen die Pokémon anderer Nutzer in Wettkämpfen antreten. Das Besondere: Reale Welt und Spiel verschmelzen zu einer Einheit.

Pokémon Go erreicht Lüneburg

Für Aufruhr sorgt das Spiel auch in den hiesigen Fachmärkten, denn es zieht mächtig Energie aus den Handyakkus. Deshalb finden Powerbanks, das sind tragbare Akkus, jetzt reißenden Absatz. Kerstin Berger, Mitarbeiterin bei Medimax Lüneburg, spricht gar von einer Verdopplung der Verkaufszahlen. „Wir haben Powerbanks mit unterschiedlichen Leistungen im Angebot, besonders die 10000 Milliampere starken werden hier fast säckeweise rausgetragen.“ Damit könne man sein Handy etwa drei bis vier Mal komplett wieder aufladen. „Das geht ungefähr seit einer Woche so, dass uns hier die Regale leer gekauft werden“, sagt Berger. Vorher hätten diese Akkus nur herumgelegen.

Für Außenstehende sieht es in erster Linie merkwürdig aus: Mit dem Handy vor Augen laufen die Spieler durch Lüneburg, immer auf der Suche nach Tierchen, Posten, an denen man für das Spiel relevante Utensilien sammeln kann, oder Wettkampf-Arenen all das bleibt für andere unsichtbar. Unvermittelt tauchen monsterähnliche Wesen scheinbar mal auf der Bio-Tonne des Nachbarn, mal auf dem Wasserkocher in der eigenen Küche auf von der virtuellen in die reale Welt, eingeblendet über das Handydisplay. An der St.-Johannis-Kirche oder auf dem Treppenaufgang zur Landeszeitung lassen sich damit jetzt „PokeBälle“ sammeln, das Gebäude der Indus­trie- und Handelskammer ist ebenfalls eine Wettkampf-Arena. Der Spieler kann auch einen sogenannten „LockPosten“ eröffnen eine Station, zu der die Tierchen mit einem Duft angelockt werden.

Handy-Spiel als soziales Bindemittel

Timo Sporer (v.l.), Arne Muß und Benjamin Emme spielen „Pokémon Go“, haben an der Grapengießerstraße einen „LockPosten“ errichtet und warten darauf, dass die animierten Tierchen auf ihrem Handy-Display erscheinen. Nils Neumann-Giesen hat sich mit Hunde-Dame Lotte dazugesellt. Fotos: ap
Timo Sporer (v.l.), Arne Muß und Benjamin Emme spielen „Pokémon Go“, haben an der Grapengießerstraße einen „LockPosten“ errichtet und warten darauf, dass die animierten Tierchen auf ihrem Handy-Display erscheinen. Nils Neumann-Giesen hat sich mit Hunde-Dame Lotte dazugesellt. Fotos: ap

Nils und Lotte sind auf dem Weg in die Grapengießerstraße, laut Karte befinden sich dort gleich zwei dieser „LockPosten“. Die Freunde Arne Muß (24) aus Reppenstedt, Timo Sporer (26) aus Bergedorf und Benjamin Emme (28) aus Lüneburg haben sie errichtet und warten auf Tierchen. „Es ist egal, ob man sich untereinander kennt oder nicht“, sagt Timo. „Man erkennt andere Spieler auf den ersten Blick, weiß, dass man ein Hobby teilt und freundet sich so auch schon mal miteinander an.“

So dauert es nicht lange, bis ihnen zwei Mädchen im Vorbeigehen nett zuwinken. „Die sind bestimmt auf dem Weg zur Arena an der IHK“, vermutet Arne. Auch wenn er am „LockPosten“ eine Weile pausieren kann, habe sich sein Bewegungsrhythmus deutlich potenziert, volle 60 Kilometer habe er seit Mittwoch bereits zu Fuß zurückgelegt. Das könne er im Display sehen. Gerade erst miteinander bekannt gemacht, bestätigt Nils: „Spaziergänge werden schon mal ausgedehnter, das merkt auch mein Hund.“

Besonders lebhaft sei es ­übrigens abends und nachts am Hotel Bergström, weiß Arne. Hoteldirektorin Cornelia Meyer bestätigt das. Sie beobachte täglich Gruppen von 20 bis 30 Personen, die sich vor allem vor der Backstube des Hotels, aber auch vor dem Alten Kran aufhalten. Im Fokus stehe stets das Handy, auf das alle wie gebannt starren. „Die warten da, weil um 21 Uhr der Markt für diese Pokemon-Bälle aufmacht, soweit ich weiß.“ Für das Hotel selbst habe das Spiel zwar keinen positiven Effekt, „aber es erzeugt zumindest viel Aufmerksamkeit“.