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Einige Mediziner, darunter auch Lüneburger, verdienen sich was dazu, erhalten von Pharma-Unternehmen Geld für Vorträge und Beratungen. Foto: A/nh
Einige Mediziner, darunter auch Lüneburger, verdienen sich was dazu, erhalten von Pharma-Unternehmen Geld für Vorträge und Beratungen. Foto: A/nh

Warum Ärzte Geld von Pharma-Firmen erhalten

rast Lüneburg. Gut 575 Millionen Euro flossen 2015 von Pharma-Unternehmen an mehr als 71000 deutsche Ärzte und Fachkreisangehörige wie Apotheker sowie an 6200 medizinische Institutionen unter anderem als Vortrags- und Beratungshonorare, Tagungsgebühren und Reisespesen. 54 Konzerne haben jetzt erstmals ihre Zahlungen offengelegt, Spiegel Online hat mit dem Recherchezentrum „Correctiv“ auf einer Landkarte die Namen der Ärzte, die einer Nennung zustimmten, und die an sie gezahlten Summen veröffentlicht. Bundesweit war etwa ein Drittel mit der Veröffentlichung einverstanden. Die Lüneburger Karte zeigt 24 Punkte, genannt werden hier insgesamt 33 Namen. Allerdings waren einige Lüneburger Ärzte überrascht, dass sie in dieser Datenbank auftauchen.

Kein Problem mit Offenlegung

Dr. Andreas Kuhlmann, Facharzt für Pneumologie, hat „kein Problem“ mit der Offenlegung, war aber doch über die Veröffentlichung verwundert: „Aber in den Verträgen über Vortragsveranstaltungen oder Konferenzen erklären wir Mediziner uns damit einverstanden.“ Er selbst ist für das Jahr 2015 mit 4759,71 Euro gelistet, die er als Honorare, Reisekosten und Spesen von drei Pharma-Unternehmen erhalten hat: „Ich habe im vergangenen Jahr bis zu sieben Vorträge gehalten. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich mein Fachwissen weitergebe. Für das Geld liefere ich eine adäquate Gegenleistung. Es darf nicht vergessen werden, dass es für die Vorträge jeweils einer mehrstündigen Vorbereitungszeit bedarf.“ Das Problem sieht er in der „Wahrnehmung in der Öffentlichkeit“, da sei schnell von Bestechung die Rede: „Dem widerspricht aber die Vertragsgestaltung. Außerdem halte ich meine Vorträge produktneutral.“

„Grenzwertig“ ist es aus Sicht des Internisten Dr. Florian Dilcher, der in seinem Spezialgebiet Diabetologie ein gefragter Referent ist, 2015 einige Vorträge hielt und mit 500 Euro an Honoraren gelistet ist, „wenn wir unsere Vorträge neutral halten, die Unternehmen aber bei den Veranstaltungen für sich werben“. Generell sei die Transparenz durch eine Datenbank „nicht verkehrt“. Aber auch er weiß, dass „Außenstehende das leicht als Vorteilsnahme sehen“. Produktwerbung mache er nicht, und das Honorar sei gerechtfertigt: „Ich erbringe ja eine Leistung. 500 bis 1000 Euro Honorar für jeden Vortrag und die Vorbereitungszeit das ist, wenn man es auf den Stundenlohn runterbricht, gar nicht so doll.“ Außerdem werde da mit zweierlei Maß gemessen: „In der freien Wirtschaft werden deutlich höhere Honorare gezahlt.“

Der Hautarzt Reinhard Knöll wurde im vergangenen Jahr von einem Pharma-Unternehmen zu einem Kongress nach Berlin eingehalten, auch er taucht auf der Transparenz-Liste mit Reisekosten auf: „Das war mit keinen Verpflichtungen verbunden, es war auch keine Werbeveranstaltung.“ Solche Veranstaltungen oder Zahlungen hätten keinen Einfluss darauf, was die Auswahl der Arzneimittel angeht, die er verschreibt: „Wenn ich von einem Produkt überzeugt bin, nehme ich es wenn nicht, natürlich nicht.“ Er nehme auch keine Einladung von Unternehmen an, deren Produkte ihm nicht gefallen.

Schockiert war übrigens eine Lüneburgerin, die gestern von der LZ damit konfrontiert wurde, dass sie mit 1310,39 Euro an Reisekosten und Honoraren in der Liste auftaucht, obwohl sie keine Medizinerin ist sie ist lediglich Arzthelferin und hatte an einer Fortbildung teilgenommen. Einer Veröffentlichung habe sie nicht zugestimmt.

Spitzenreiter

Die nach Lüneburg geflossenen Summen sind im Vergleich moderat. Spitzenreiter in der Datenbank ist ein Arzt aus Essen, der 2015 mehr als 200 000 Euro für Vorträge, Beratungen, Fortbildungen und Spesen erhalten hat. Ihm folgen ein Bonner Mediziner mit 148 000 Euro und ein Bochumer Diabetologe mit 100 000 Euro.

Die Datenbank führt rund 20 000 Ärzte und Fachkreisangehörige auf. Sie wurden von jedem Unternehmen um ihre Zustimmung für die Veröffentlichung der Daten gebeten. Taucht ein Arzt nicht in der Datenbank auf, kann das entweder bedeuten, dass er kein Geld angenommen hat oder dass er seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Ebenso können bestimmte Geldgeber in der Auflistung für einen einzelnen Empfänger fehlen.