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Zurzeit ist Margaret Dennin Papp (vorn) mit ihrem Enkel Louis (l.) zu Besuch bei Gabriele und Wolfgang Delattre (r.) in Brackede. Die 90-Jährige bekommt dort jeden Tag ein neues Geburtstagsgeschenk, jeden Tag wird eine Party gefeiert. Foto: t&w
Zurzeit ist Margaret Dennin Papp (vorn) mit ihrem Enkel Louis (l.) zu Besuch bei Gabriele und Wolfgang Delattre (r.) in Brackede. Die 90-Jährige bekommt dort jeden Tag ein neues Geburtstagsgeschenk, jeden Tag wird eine Party gefeiert. Foto: t&w

Mit 90 Jahren um die Welt

emi Brackede. Sie ist in Venedig mit dem Boot über Kanäle geschippert, hat auf den Ramblas in Barcelona Mojito getrunken und vor dem Pariser Eiffelturm Erinnerungsfotos mit dem iPad geknipst: Margaret Dennin Papp ist vor rund einem Monat in Kalifornien zu einer sechswöchigen Reise aufgebrochen, die durch sechs Länder auf zwei Kontinenten führt. Zurzeit ist die Amerikanerin zu Besuch im Bleckeder Ortsteil Brackede, wo ihre deutschen Freunde sie täglich mit einem neuen Geschenk und einer neuen Party überraschen. Denn dieser Trip soll ein ganz besonderer werden: „Marge“ feiert ihren 90. Geburtstag.

Brackede, Terrasse im Hof eines Fachwerkhauses am Elbdeich. Margaret Dennin Papp, zitronengelbe Bluse, lila Kette und farblich passendes Seidentuch, stellt ihren Stuhl neben den violetten Hortensien ab — „purple“, das sei ihre Lieblingsfarbe, sagt sie lächelnd mit Blick auf die Blumen, dann setzt sie sich hin zum Interview. Lange stehen oder gehen, das fällt Marge schwer. Ansonsten deutet nur die lila Brosche mit der Aufschrift „90 today“ darauf hin, dass die Dame mit den wachen blauen Augen und der sorgfältig gefärbten Dauerwelle am 5. Juli stolze 90 Jahre alt geworden ist.

Warum sie im hohen Alter die Strapazen einer langen Reise auf sich nimmt, diese Frage stellt sich Marge nicht. Andere Länder zu sehen, „wundervolle Menschen“ kennenzulernen, das war schon immer ihre Leidenschaft. „Ich war 25 Jahre lang Lehrerin an der Homestead High School in Cupertino“, erzählt sie auf Englisch. Dort lernte sie auch die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak kennen (Bericht rechts). „Neun Jahre lang habe ich als Lehrerin Schüler nach Europa begleitet.“ Und mit jeder Reise nahm die Neugier auf die Welt zu.

Als ihre eigenen Kinder erwachsen wurden, hatte Marge noch einen weiteren Reisegrund: „Mein Sohn und meine Tochter zogen an verschiedene Enden der Welt. Wenn ich sie sehen wollte, musste ich irgendwie zu ihnen gelangen“, sagt sie fröhlich. Auch heute noch leben ihre Kinder und Enkel über den Globus verstreut: der Sohn mittlerweile in Florida, die Tochter in Amsterdam. „Wenn ich allein fliege, benutze ich immer einen Rollstuhl vom Check-in bis zum Gate. Das musste ich meinem Arzt versprechen“, sagt die alte Dame. „Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass ich stürze. Dank des Rollstuhls bin ich noch hier.“ Sie lacht.
Weil Margaret Dennin Papp an ihrem Geburtstag alle Kinder und Enkelkinder um sich haben wollte, beschloss die Familie, an einem beliebigen Ort in der Welt zusammenzukommen. „Meine absolute Lieblingsstadt ist Venedig. Also haben wir uns dort getroffen“, sagt die Amerikanerin. In Barcelona trennten sich die Wege vorerst, Marge und ihre Enkelsöhne reisten zu dritt nach Paris und Amsterdam, schließlich ging es zu zweit weiter nach Brackede.

Dort wohnt Marge mit ihrem Enkel Louis zurzeit bei einer alten Freundin ihrer Tochter, Gabriele Delattre. Am 18. Juli werden die Gäste nach England fliegen, ehe Marge über Florida allein in ihre Heimat zurückkehrt. Doch lange halten wird es die Seniorin in San Francisco nicht — sie will auch weiterhin so viel wie möglich reisen. „Mein Ziel ist es, am Leben zu bleiben“, sagt sie lachend. „Ich tue alles, was der Doktor sagt, und bislang funktioniert das auch.“ Weit über 100 Kreuzfahrten hat Marge schon gemacht. Die ein oder andere wird noch dazukommen.

„Marge“ und der brave Schüler Steve Jobs

25 Jahre lang unterrichtete Margaret Dennin Papp Business an der Homestead High School in Cupertino – der Schule, auf die auch die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak gingen. „Ich kannte nicht den Steve Jobs mit Bart, Rolli und Jeans“, sagt die 90-Jährige. „Ich kannte nur den, den seine Adoptivmutter mit Blazer und Krawatte zur Schule schickte.“

Jobs, damals vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, sei ein sehr guter Schüler gewesen. Keiner, der viel mit anderen abhing. „Ich bin sicher, heute würden ihn die Schüler einen Nerd nennen, aber auf eine sehr schmeichelhafte Art und Weise.“ Das komplette Gegenteil: Steve Wozniak. Der habe sich immer aufgelehnt und Ärger bekommen. „Damals hat niemand ahnen können, was für einen Erfolg die Jungs einmal haben würden.“

Nach der Schule verlor Marge die beiden aus den Augen, aber das Apple-Imperium verfolgt sie noch immer. Im vergangenen Jahr hat die 90-Jährige ihr erstes iPad geschenkt bekommen. Und sie beobachtet gespannt, was ganz in der Nähe ihres Wohnortes passiert: In Cupertino, eine Stunde südlich von San Francisco im Silicon Valley, entsteht der neue Apple-Campus – ein architektonisches Raumschiff mit Platz für rund 13 000 Mitarbeiter.

Der Tod von Steve Jobs im Jahr 2011 machte die ehemalige Lehrerin nachdenklich. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einen meiner Schüler überleben würde“, sagt die 90-Jährige. „Er ist zumindest der einzige, von dem ich es weiß.“