Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Zum Thema Glück empfingen die Mitglieder des Heilhauses Lüneburg weit gereisten Besuch aus Bhutan: (v. l.) Axel Gosch, Elke Röhl, Referent Dr. Ha Vinh Tho, Iris Prinke-Gosch und Barbara Hamann.
Zum Thema Glück empfingen die Mitglieder des Heilhauses Lüneburg weit gereisten Besuch aus Bhutan: (v. l.) Axel Gosch, Elke Röhl, Referent Dr. Ha Vinh Tho, Iris Prinke-Gosch und Barbara Hamann. Foto: tt

Die Idee des Bruttonationalglücks

tt Lüneburg. Im Jahr 1979 prägte der damalige König Bhutans den Begriff des Bruttonationalglücks und formulierte Glück, weltweit erstmalig, als Staatsziel des kleinen Landes. Dr. Ha Vinh Tho, Leiter des dortigen Gross National Happiness Center und somit zuständig für die Erreichung dieses Ziels, referierte jetzt auf Einladung des Heilhauses Lüneburg an der Leuphana über das „Grundrecht auf Glück“.

Als 19-Jähriger in Nepal gelernt

„In meinem Leben versuchte ich stets, meinen eigenen inneren Entwicklungsprozess mit einem sozialen Engagement zu verbinden“, erklärt Tho, Sohn eines vietnamesischen Diplomaten, seinen Weg. Als solcher reiste er schon als Kind viel und erlebte als Jugendlicher die 68er-Bewegung in Europa mit. „Um einer Einberufung ins vietnamesische Militär zu entgehen, ging ich als 19-jähriger Pazifist nach Nepal und traf dort auf meinen ersten Lehrer einen buddhistischen Meister“, blickt der heutige Glücks-Forscher zurück. Nach langer Abwägung, buddhistischer Mönch zu werden, habe er sich schließlich dagegen entschieden, kehrte nach Europa zurück und studierte in der Schweiz Waldorfpädagogik.

„Später arbeitete ich für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes und erlebte überall in der Welt Krieg und Leid mit“, erzählt Tho. „Die physische Kriegsgewalt war jedoch häufig nur die Spitze des Eisbergs, darunter lag eine viel tiefer sitzende systemisch-strukturelle Gewalt, dagegen wollte ich mich einsetzen.“ Gerade zu dieser Zeit, im Juni 2012, sei das Bruttonationalglücks-Zentrum vom damaligen Ministerpräsidenten Bhutans gegründet worden ein Traumjob für Tho.

„In Bhutan meinen wir mit Glück nicht das oberflächliche feel-good“, erklärt der promovierte Erziehungswissenschaftler, „also kurzweilige Empfindungen wie Glück oder Trauer.“ Vielmehr seien damit zum einen die Rahmenbedingungen gemeint, die in einer Gesellschaft geschaffen werden müssen, „damit die Menschen ein möglichst gutes Leben haben können“. Zum anderen sei die sogenannte „Glückskompetenz“ gemeint, also die Idee, dass Glück als Kompetenz geschult werden könne. „Das Grundkonzept des Bruttonationalglücks bildet somit das Gleichgewicht zwischen sozial, politisch, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und innerer Entwicklung“, erklärt der Wissenschaftler.

Leid heilen und Entfremdung verhindern

Bruttonationalglück versuche dabei nicht die Augen vor den Ursachen von Leid zu schließen, „sondern es stets wie ein Arzt zu heilen“. Wichtig sei dabei die Erkenntnis, dass alle immer Teil des Systems seien und sich diesem nicht entziehen könnten. „Um Glück von Dauer zu erlangen, müssen drei grundsätzliche Entfremdungen überwunden werden: die Entfremdung von der Natur, die Entfremdung von anderen Menschen und die Entfremdung von uns selbst“, erklärt Tho. Konsum sei eine Sucht-Erscheinung geworden, die zur Zerstörung der Natur führe. „Wir versuchen durch das Immer-Mehr-Haben ein Fehlen des Seins zu verdecken“, vermutet der 64-Jährige.

Hinzu komme, dass das größte Ziel der heutigen Wirtschaft die Maximierung des Profits sei. „Damit ist das eigentliche Mittel, um Bedürfnisse zu erfüllen, zum Ziel geworden und das eigentliche Ziel aus dem Blickfeld verschwunden“, mahnt Tho. Das herkömmliche Bruttonationalprodukt steige beispielsweise auch bei Krankheiten und Katastrophen zum Beispiel durch Produktion von Waffen oder Medikamenten das Bruttonationalglück hingegen nicht. „Man kann das Bruttonationalglück also als Gegenstück zum Bruttonationalprodukt bezeichnen.“

Um einen Wandel zu erzeugen, müsste nach Tho an vier Säulen gearbeitet werden: Schutz der natürlichen Umwelt; Bewahrung und Förderung traditioneller, kultureller Werte; Förderung einer guten Regierungsführung und eine gerechte und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft. Um einer Entfremdung von der Natur zu begegnen, habe Bhutan beispielsweise ins Grundgesetz aufgenommen, dass 70 Prozent seiner Fläche bewaldet bleiben müsse. „Berechnet wird das Bruttonationalglück letztlich durch Ergebnisse von Befragungen der Bevölkerung.“

Es bleibt abzuwarten, ob sich das System Bhutans durchsetzt. Länder wie Ecuador zogen bereits nach und verankerten das „gute Leben“ in der Verfassung. Auch in Deutschland gibt es bereits Initiativen, die alternative Indikatoren zur Messung von Wohlstand suchen.

Königreich Bhutan

Bhutan ist mit knapp 40 000 Quadratkilometern etwa so groß wie die Schweiz, hat aber nur ein Zehntel der Einwohner. Das buddhistische Königreich grenzt, hauptsächlich im Himalaya-Gebirge gelegen, an Indien im Süden und China im Norden.

Seit 2008 ist das Bruttonationalglück Teil der Verfassung Bhutans, seit 2012 Jahren legen die Vereinten Nationen einen Welt-Glücks-Report vor.