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Die Grafik des Bundeslandwirtschaftsministeriums zeigt die Entwicklung der Milchpreise und -mengen seit dem Fall der Milchquote Ende April 2015.
Die Grafik des Bundeslandwirtschaftsministeriums zeigt die Entwicklung der Milchpreise und -mengen seit dem Fall der Milchquote Ende April 2015.

Milchpreis: Die Situation spitzt sich zu

off Lüneburg. Seit Monaten leiden Lüneburgs Milchbauern unter der Preiskrise. Nun hat die Europäische Union das nächste Hilfspaket auf den Weg gebracht, Agrarkommissar Phil Hogan präsentierte das 500-Millionen-Euro-Programm gestern den EU-Agrarministern in Brüssel (siehe Seite 17). Was man sich im Landkreis Lüneburg davon erhofft und welche Spuren die Krise auf den Höfen hinterlassen hat, da­rüber spricht im Interview der Geschäftsführer der Milcherzeugergemeinschaft Lüneburg und Milchviehberater bei der Landberatung Lüneburg, Peter Müller.

Interview

Als Milchviehberater kennt Peter Müller die Situation der Milchbauern im Kreis so gut wie nur wenige.
Als Milchviehberater kennt Peter Müller die Situation der Milchbauern im Kreis so gut wie nur wenige. Foto: A/t&w

Seit Anfang des Jahres geht es mit den Milchpreisen kontinuierlich bergab. Wie ist die Situation aktuell auf den Höfen im Kreis?
Peter Müller: Immer mehr Betriebe geraten wegen Liquiditätsschwierigkeiten in Schieflage, suchen aus Not immer häufiger das Gespräch mit der Bank. Die Situation spitzt sich zu. Und es gibt Betriebe, die müssten wegen Zahlungsunfähigkeit eigentlich längst aufgehört haben.

Wie schaffen sie es trotzdem weiterzumachen?
Müller: In einigen Fällen greifen dankenswerterweise die Banken helfend ein. Das heißt, da werden die Kredite nochmal gestreckt, die Tilgung wird ausgesetzt. Ansonsten heißt es, Gürtel enger schnallen und jeden Euro zwei- oder dreimal umdrehen. Einige Betriebe, die noch ein zweites Standbein haben wie Ackerbau oder Biogas, halten sich damit irgendwie über Wasser.

Wie lange geht das noch gut?
Müller: Da kann man keine pauschale Zeit nennen. Das ist sehr individuell. Einige Betriebe sind eigentlich schon am Ende, andere schaffen es vielleicht noch ein paar Monate. Verlust machen sie momentan allerdings alle, ist nur die Frage, wie lange kann man die Verluste tragen?

Und wie ist die Stimmung unter den Bauern?
Müller: Erstaunlich gut. Die Laune ist bei vielen Landwirten besser als die Lage. Zweckoptimismus vielleicht. Mich persönlich macht es allerdings schon wütend, mit angucken zu müssen, was da gerade passiert. Die Bauern arbeiten sieben Tage die Woche, von früh bis spät, Sommer wie Winter und werden auf gut deutsch verarscht, bekommen so wenig Geld für ihr Produkt, dass sie noch Geld mitbringen müssen. Einige finden vielleicht im Bio- oder Direktvermarktungs-Bereich eine Nische, aber die meisten und das muss man auch mal so ehrlich sagen haben keine Chance, sich anders zu platzieren.

Gibt es Hoffnung auf ein Ende der Krise?
Müller: Momentan gehen die Preise tatsächlich leicht nach oben, es scheint die Talsohle erreicht zu sein. Ich hoffe, dass sich da eine zaghafte Trendwende abzeichnet. Wohlwissend, dass wir zum Ende des Jahres keinen Milchpreis von 30 Cent pro Liter haben werden. So optimistisch bin ich nicht.

Die Politik diskutiert aktuell erneut über Hilfen für die Milchbauen, was erwarten Sie sich davon?
Müller: Meines Wissens sind zwei Schritte geplant. Erstens, die Reduzierung der Milchmenge auf dem Markt, die ich für sinnvoll halte. Und zweitens die Liquiditätshilfen. Konkret heißt das, Landwirte können einen Kredit aufnehmen und erhalten einen Zuschuss. Das Problem: Es gibt gerade immer mehr Betriebe, die kriegen gar keinen Kredit mehr und damit auch keine Zuschüsse. Insofern kommt diese Hilfe für viele zu spät. Hinzu kommt, dass der Zuschuss vermutlich wieder verhältnismäßig gering ausfallen wird. Im letzten Jahr lag er bei einem Kredit von 100000 Euro bei 10 Prozent. Die Realität ist aber, dass es auch im Landkreis Betriebe gibt, die jeden Monat 10000 bis 12000 Euro Miese machen. Und das heißt, ein Hilfsprogramm, das auf ein Jahr angelegt ist, würde ihnen nur für ein bis zwei Monate wirklich helfen.

Was erhoffen Sie sich von einer Mengenreduzierung?
Müller: Grund des Übels ist die Übermenge auf dem Markt. Deswegen ist es richtig, dass die Politik jetzt endlich zumindest zeitweise Mengen vom Markt nehmen will. Mit welchem Modell sich das am Ende umsetzen lässt, kann ich nicht sagen. Klar ist allerdings, wenn Bauern weniger Milch produzieren sollen, dann muss es eine Gegenleistung geben. Sie brauchen das Geld zum Überleben.

Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht für einen dauerhaft fairen Milchmarkt nötig?
Müller: Tja… Ich möchte eigentlich nicht zurück zu einem Regulativ der Menge, wie wir es mit der staatlichen Milchquote jahrzehntelang hatten. Die hat ja auch nichts gebracht. Trotzdem denke ich, die Menge müsste in Zukunft besser reguliert werden. Wie, dafür habe ich auch keine Patentlösung. Was aus meiner Sicht sinnvoll wäre, wären Anreize für Betriebe, die aussteigen wollen. Und die vielleicht auch tierschutzrechtlich nicht mehr ganz so auf dem Stand der Dinge sind. Wenn man diesen Betrieben den Ausstieg erleichtert, würde sich die Menge reduzieren. Wobei man dann einen Hebel finden muss, um zu verhindern, dass ein anderer Landwirt wieder aufstockt. Doch der Markt ist kompliziert, einfache Lösungen wird es nicht geben. Zumal der Milchmarkt auch noch extrem abhängig ist vom Export. Wenn in Ländern wie China oder in den afrikanischen Staaten wegen des niedrigen Ölpreises und weltweiter Krisen die Nachfrage einbricht, haben wir hier wie man aktuell sieht ein Problem.

Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft der Milchviehhaltung aus?
Müller: Wenn wir ein In­strument zur Mengenregulierung fänden, dann würde es auch in Zukunft noch Preisschwankungen geben. Aber ich hoffe, nicht mehr so extrem. Kurzfristig kann ein Betrieb bei Produktionskosten von 35 Cent pro Liter einen Erlös von weniger als 25 Cent aushalten. Aber über Monate wie in der aktuellen Krise? Das schafft keiner.

Der niedersächsische grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer bringt aktuell ein Weidemilchlabel auf den Weg. Die Rettung?
Müller: Regional ist das sicherlich sinnvoll. In Ostfriesland zum Beispiel, wo die Ställe in der Regel mitten im Grünen stehen. Bei uns sieht das anders aus. Hier sind die Ställe oft mitten in der Ortschaft oder am Rand, da sind nur selten ausreichend Weideflächen drumherum. Für 60 bis 80 Kühe bräuchte ich etwa 30 Hektar Grünland am Stall, wer hat das schon? Weidemilch ist eine gute Sache, aber es muss auch klar sein: Längst nicht alle Milchbauern können davon partizipieren.

2 Kommentare

  1. eveline hartneck

    In meiner Nachbarschaft hat ein Bauer, alleinstehend, ca. 100 Milchkühe plus Nachwuchs in allen Größen. Dazu einen Stall, der gerade noch so unterstem Standard entspricht (Aussage Vet.amt). Wenn ich die armen verdreckten Kühe sehe, blutet mir das Herz (Hinken, Gelenkgeschwüre, gebrochene Hörner, kaputte Nasen…) Als EU-Bürgerin bin ich überhaupt nicht damit einverstanden, dass solche Bauern subventioniert werden und jetzt auch noch finanzielle Hilfen zum Weitermachen erhalten. Dieser Bauer steht für viele weitere.
    Ich bin sehr sehr enttäuscht von der Politik.
    Super wären finanzielle Anreize für die Aufgabe veralteter Betriebe (die sehe ich hier z.B. in Süddeutschland recht häufig).
    In Zukunft muss das Tierwohl an oberster Stelle stehen und nicht das Geld.

  2. Selten so einen Stuss gelesen. Andere herunterputzen macht ihnen wohl Freude. Tierschutz über den Preis regeln zu wollen ist ja wohl kompletter Blödsinn. Sie sollten das Denken den Pferden überlassen, die haben größere Köpfe.