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Kristallines Naturwunder: Über den während des Bombenangriffs wohl bereits zerbrochenen Gipsspat freuen sich Christina Broesike vom Museum Lüneburg und Johannes Prüter (r.) vom Naturwissenschaftlichen Verein. Vereinsmitglied Wolfgang Gentsch hält ein Marienglas in der Hand. Foto: t&w
Kristallines Naturwunder: Über den während des Bombenangriffs wohl bereits zerbrochenen Gipsspat freuen sich Christina Broesike vom Museum Lüneburg und Johannes Prüter (r.) vom Naturwissenschaftlichen Verein. Vereinsmitglied Wolfgang Gentsch hält ein Marienglas in der Hand. Foto: t&w

Rückkehr der verschollenen Mineralien

us Lüneburg. So richtig kann sich Dr. Wolfgang Harms nicht mehr erinnern. „Ich weiß nur noch, dass wir dort gebuddelt haben und alles Mögliche zum Vorschein kam“, berichtet der 84-Jährige. Das war 1945, der Krieg war gerade zu Ende und das Museum in Teilen zerstört. Als 14-jähriger Schüler des Johanneums, damals noch an der Haagestraße gelegen, half er beim Bergen verschütteter Exponate der Museumssammlung. Weil einige davon niemand haben wollte, nahm er sie mit nach Hause. Vor wenigen Wochen nun fanden sie den Weg zurück ins Museum.

„Wir waren sehr überrascht, damit hatten wir überhaupt nicht mehr gerechnet“, berichtet Christina Broesike, Kuratorin für Naturkunde am Museum Lüneburg. An sie hatte sich Dr. Harms Anfang dieses Jahres gewandt, nachdem er von seiner in Lüneburg lebenden Schwester erfahren hatte, dass im neuen Museum auch die naturkundliche Sammlung wieder ausgestellt wird. „Da war klar, dass ich die Fundstücke natürlich wieder zurückgebe“, sagt der heute in München Lebende.
Mit Mineralien umgezogen

Das können Sie wegwerfen

24 mineralische Kostbarkeiten hatte der damals 14-Jährige aus den Trümmern geborgen, darunter auch einen etwa ein Meter langen Gipsspat und ein sogenanntes Marienglas, eine in Teilen durchsichtige Gipsspat-Scheibe. „Ich hatte damals extra noch gefragt, was damit geschehen soll“, berichtet Dr. Harms. Ein „Aufseher“ habe ihm gesagt, er könne es wegwerfen oder mit nach Hause nehmen, die Abteilung würde ohnehin nicht mehr aufgebaut. „Und das tat ich dann auch.“

Dass er die Mineralien überhaupt so lange aufbewahrt hat, ist fast ein kleines Wunder. „Ich zog damit während meiner Studienzeit von Lüneburg nach Göttingen, Heidelberg und München, wo sie im Keller dann fast in Vergessenheit gerieten“, berichtet Harms.

Für das Museum sind vor allem die Gipsteile besonders interessant, „denn sie stammen höchstwahrscheinlich von unserem Kalkberg, der in Wirklichkeit ja ein Gipsberg ist“, sagt Christina Broesike. Dort gebe es vermutlich noch weitere ähnliche Gipsspate wie die jetzt zuückgegebenen, doch da der Kalkberg unter Naturschutz stehe, seien Nachforschungen oder womöglich ein Abbau unmöglich, „was aber auch gut so ist“, fügt die Geoökologin hinzu.

Zerstreuung der Fundstücke

Die Fundstücke hatte ursprünglich der Naturwissenschaftliche Verein für das Fürstentum Lüneburg zusammengetragen. 1852 hatte er die sogenannte Taube-Sammlung der ehemaligen Ritterakademie übernommen, benannt nach ihrem Sammler Hofarzt Johann Daniel Taube aus Celle. Die schnell anwachsende Sammlung landete nach mehreren Umzügen 1937 im Logenhaus in der Hindenburgstraße. Gegen Kriegsende dann wurde die Sammlung aufgeteilt, einiges landete im Wandrahm-Museum, andere Teile wurden im alten Ziegelei-Ofen in Rettmer in Sicherheit gebracht, der Rest ging ins Alte Kaufhaus. Nachdem britische Soldaten 1945 den Ziegelei-Ofen in Brand setzten und das Alte Kaufhaus durch Brandstiftung zerstört wurde, war auch der Großteil der stattlichen Sammlung für immer verloren.

„Wir freuen uns daher ganz besonders, dass wir jetzt einige dieser Stücke bei uns haben“, sagt Christina Broesike. Und sie hofft, dass die Rückgabe weitere Nachahmer findet. „Wer noch etwas auf dem Boden oder im Keller hat, das aus dieser Sammlung stammen könnte, möge sich bitte bei uns melden, auch wenn man sich vielleicht nicht ganz sicher ist“, sagt die Kuratorin. Sorge oder ein schlechtes Gewissen, dass man damals etwas verbotenerweise mit nach Hause genommen habe, müsse niemand haben. „Die Zeiten waren damals andere.“

Die Wege der naturkundlichen Sammlung

  • 1851: Gründung des Naturwissenschaftlichen Vereins für das Fürstentum Lüneburg (NWV)
  • 1852: Übernahme der naturwissenschaftlichen Sammlung der ehemaligen Ritterakademie (Taube-Sammlung) durch den NWV und Ausstellung im Michaeliskloster
  • 1861: Umzug in die Räume der Druckerei König (An der Münze/Waagestraße)
  • 1873: Umzug in den Neubau des Johanneums
  • 1891: Umzug ins neu gebaute Wandrahm-Museum
  • 1937: Umzug ins Logenhaus (Hindenburgstraße) und Neu-Konzipierung der Ausstellung in ein „Heidemuseum
  • 1943: Auszug und Aufteilung der Sammlung auf einen Ausstellungsraum der Firma F.C. Meyer (Große Bäckerstraße 6/7), das Wandrahm-Museum und die alte Ziegelei in Rettmer
  • 1945: Im Februar wird das Museum von Bomben getroffen, besonders trifft es die naturkundliche Sammlung, Zerstörung der Teil-Sammlung in Rettmer durch Inbrandsetzung des Ziegelei-Ofens durch britische Soldaten
  • 1947: Rest-Sammlung wird in der Pädagogischen Hochschule eingelagert 1957: Umzug in einen Raum im Alten Kaufhaus
  • 1959: Zerstörung der Sammlung durch Kaufhaus-Brand
  • 1990: Eröffnung des Naturmuseums an der Salzstraße mit neuer Sammlung
  • 2010: Schließung des Naturmuseums und Einlagerung der Sammlung ins neue Museumsmagazin in Oedeme
  • 2015: Eröffnung des Museums Lüneburg mit neuem Anbau und Ausstellung der Sammlungen des NWV und des Museumsvereins