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Jennifer Bartel und Axel Eschricht bewundern die Vielfalt im Gemeinschaftsgarten des Bauwagenplatzes. Täglich wartet frisches Gemüse. Foto: t&w

Leben im Bauwagen: Das Paradies am Rande der Stadt

ap Lüneburg. Tür auf und raus in die Natur. Für Tiberius (3) und seinen Bruder Arun (5) ist das Leben auf dem Bauwagenplatz „Fango“ am Lüneburger Stadtrand ein Paradies. Auch die anderen fünf Kinder und 20 Erwachsenen lieben das Leben in der etwas anderen Gemeinschaft. Am Sonnabend, 23. Juli, von 15 Uhr an laden die Bewohner zum Sommerfest mit Musik, Unterhaltung für Kinder, Speisen und Getränken ein.

Jennifer Bartel lebt in einem Bauwagen seit ihrem 16. Lebensjahr. Seit fünfeinhalb Jahren gehört sie zur „großen Familie“ auf dem Wagenplatz Am Wienebütteler Weg. Die 28-Jährige hat gerade ihre Ausbildung als Gemüsegärtnerin abgeschlossen. Das „Fango“-Team sei zu ihrer zweiten Familie geworden, alle vereine der Wunsch nach einem naturverbundenen Leben. „Und die Kinder haben hier immer einen Babysitter.“ So lebe beispielsweise auch ihr Patenkind in unmittelbarer Nähe, „ihr habe ich meinen Bauwagen vermacht, für den Fall, dass ich zum Studieren wegziehe“.

Kein großer Unterschied

Die Vorgärten werden aufgeräumt, die Rasenflächen gemäht, die Bäume beschnitten – die Vorbereitungen für das Sommerfest laufen. Foto: t&w
Die Vorgärten werden aufgeräumt, die Rasenflächen gemäht, die Bäume beschnitten – die Vorbereitungen für das Sommerfest laufen. Foto: t&w

Axel Eschricht wurde von seiner Frau in die Wohnwagensiedlung gelockt, „aber ich fand es sofort schnuckelig“, sagt der 39-Jährige. „Vorher habe ich in Hamburg in einem großen Mietshaus gewohnt, da hat der Garten gefehlt.“ Mittlerweile gehören ihm drei der 30 Bauwagen. Einer für seine beiden Söhne, ein Küchen- und Aufenthaltswagen und ein Schlafabteil, das Kleiderschrank und Büroecke beinhaltet. „Vor der Tür wartet ein Hektar Spielplatz.“ Es ist ein Leben, das ihn glücklich macht zumindest aktuell. „Das heißt nicht, dass ich nie wieder in einem richtigen Haus wohnen möchte.“

So anders sei das Leben im Bauwagen gar nicht, durch Elektrik und Solaranlagen seien diese weitestgehend modern ausgestattet. „Nur das Wasser müssen wir kanisterweise in die Bauwagen schleppen“, sagt er. Für lau gibts die besondere Wohnform nicht. Eschricht sagt: „Man kann wenige Hundert, aber auch an die 10000 Euro ausgeben.“ Für seinen 13 Quadratmeter großen Bauwagen habe er 9000 Euro bezahlt. „Das ist ja nicht geschenkt.“

Mobil Leben

In einem Bauwagen zu leben, bedeute vor allem Ungebundenheit. „Wenn ich keine Lust mehr habe, hier zu sein, klemme ich ihn mir unter den Arm und fahre woanders hin“, sagt Eschricht und lacht. Auf engstem Raum zusammenzuwohnen, bedeute nicht, dass man nie für sich sein kann, wirft Jennifer Bartel ein. „Ich kann mich komplett rausziehen und tagelang niemanden sehen.“

Aber natürlich geht es auch ums Miteinander, durch das auf dem Wagenplatz immer wieder schöne Projekte entstünden. Zum Beispiel der Gemüsegarten. Hier ist Jennifer Bartel in ihrem Element, „während der Ausbildung hatte ich wenig Zeit, mich um meinen Garten zu kümmern“. Jetzt ist das anders. Stolz präsentiert sie die ergiebige Ernte in dem wilden Beet. Tomaten, Zucchini, Salatherzen, Radieschen, Mangold, Kartoffeln und Kürbisse leuchten farbenfroh zwischen den vielen Blumen, die ins Beet gestreut wurden. Auch Himbeerbüsche haben sich ausgebreitet. „Hier wächst kein Unkraut“, stellt die Gärtnerin klar. „Sowas gibt es gar nicht.“ Girsch oder geröstete Brennnesselsamen seien lecker im Salat, aus Ringelblumen ließe sich Salbe herstellen. „Selbst die Kinder wissen ganz genau, was sie essen dürfen und welches Kraut sie auf eine Wunde legen können.“

Sommerfest am Wochenende

Neben dem Garten gehören weitere Teile der Allgemeinheit. Das Tipi, das als „Gemeinschaftszentrale“ dient, der Badewagen, der kürzlich renoviert und mit einer Wanne ausgestattet wurde, der Bürowagen mit Internetanschluss. Für das Sommerfest wird derzeit der gesamte Platz auf Vordermann gebracht. Die Bäume müssen beschnitten, der Rasen gemäht, die Flächen aufgeräumt werden. „Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal eine feste Bühne“, sagt Jennifer Bartel und deutet auf die alten Holzpaletten und dicken Äste, die das Grundgerüst formen. Jeder habe einen Teil dazu beigetragen. „Für die Überdachung nutzen wir alte Lkw-Planen.“ Beim Fest treten mehrere Bewohner als „Platz-Band“ auf. Jennifer Bartel wird trommeln. „Das habe ich hier gelernt, ich bin total aufgeregt.“ Anschließend sorgen Lüneburger DJs für gute Stimmung. Für die jüngeren Besucher stehen Spiele, Schminken und Nägel lackieren auf dem Programm.

„Es ist toll, von Jahr zu Jahr die Entwicklung zu sehen, wir haben es uns hier richtig schön gemacht“, findet Bartel, für die das Fest eine große Bedeutung hat. „Es gibt noch immer viele Klischees über das Leben, das wir hier führen.“ An einem geselligen Abend wolle man der Nachbarschaft zeigen, dass sie keine Hinterwäldler seien. „Wir sind normale Menschen, die auch zur Arbeit müssen.“

Entstehungsgeschichte

Als die Bauwagenplätze an der Uelzener Straße und am Meisterweg geräumt wurden, gründete eine Gruppe junger Leute den Verein Leben(s)wagen. Mehrere Verhandlungen mit der Stadt führten dazu, dass das Gebiet an der Straße nach Vögelsen für eine neue Bauwagensiedlung erschlossen werden konnte. Dafür musste der Verein eine Zuwegung nachweisen, elektrische Leitungen verlegen und für Ab- und Zuwasser sorgen.

Für die Finanzierung hat er ein Darlehen von 50 000 Euro aufgenommen. Seit Oktober 2010 leben die Bewohner nun auf dem Platz, den sie „Fango“ getauft haben. Die jährliche Pacht, die sie an die Stadt zahlen, wird über den Mitgliederbeitrag in Höhe von rund 80 Euro generiert. Außerdem können damit anfallende Kosten wie ein neuer Straßenbelag, Sand für die Kinder oder größere Projekte gedeckt werden. Ein Wagenplatz sei zurzeit unbewohnt, hier könne also noch jemand dazustoßen.