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Neue Partei, aber nicht neu in der Politik: Prof. Dr. Gunter Runkel (l.) und Stephan Bothe haben sich bereits vor ihrer Mitgliedschaft in der AfD jeweils in einer anderen politischen Partei engagiert. Foto: t&w
Neue Partei, aber nicht neu in der Politik: Prof. Dr. Gunter Runkel (l.) und Stephan Bothe haben sich bereits vor ihrer Mitgliedschaft in der AfD jeweils in einer anderen politischen Partei engagiert. Foto: t&w

Die Abtrünnigen: Parteiwechsel zur AfD

us Lüneburg. Eigentlich hatten sie eine politische Heimat, aber dann wechselten sie zur AfD. Wer sind diese Politiker, die ihrer alten politischen Überzeugung und Partei den Rücken kehrten? Die LZ hat zwei Mitglieder befragt. Die Alternative für Deutschland, davon gehen eigentlich alle politischen Kenner in Lüneburg aus, wird in den nächsten Rat einziehen und womöglich die alten Kräfteverhältnisse ins Wanken bringen. Die Themen der AfD provozieren in der Bundespolitik. „Schießbefehl“, „Islam-Kritik“ oder Antisemitismus-Äußerungen, das sorgt für Schlagzeilen. Die einen fühlen sich vor den Kopf gestoßen, die anderen applaudieren. Die Partei polarisiert.

Stephan Bothe

„2006 bin ich in die CDU eingetreten“, sagt Stephan Bothe. Damals hoffte der heute 32-Jährige auf eine „moderne, konservative Wende auf Grundlage der alten Werte und Traditionen“. Heute, zehn Jahre später, ist er Vorsitzender des 80 Mitglieder zählenden AfD-Kreisverbands Lüchow-Dannenberg/Lüneburg. „Vielleicht wäre ich auch Sozialdemokrat geworden. Mit Willy Brandt, Helmut Schmidt und Oskar Lafontaine hätte ich gut leben können“, sagt Bothe. Doch am Ende waren es zu viele Punkte, die ihn an den eta­blierten Parteien zweifeln ließen: Ob Agenda 2010, Riester-Rente, die Aufnahme Griechenlands in die EU, Schengen-Abkommen, die „linksliberale Wende“ der CDU, die Abgabe staatlicher Souveränität an die EU oder zuletzt die ungesteuerte Zuwanderung „das war nicht meine Politik“.
2009 trat er aus der CDU wieder aus, vier Jahre später in die frisch gegründete AfD ein. „Mit der Politik gegen die EU habe ich mich hundertprozentig identifizieren können“, sagt Bothe. Weniger indes mit dem „Hass und der Wut“, die sich mit der Flüchtlingskrise zum Teil auch innerhalb der eigenen Partei breit machten. „Man muss mit den Menschen reden, statt drauf einzuschlagen“, sagt der zweifache Familienvater, der wegen seiner AfD-Mitgliedschaft privat selber „gewaltige Ausgrenzungen“ erfahre. Grenzen hält er dennoch für wichtig, „und zwar dort, wo Antisemitismus oder Rassismus das Wort geredet wird“. Politik sei dann gefährlich, wenn sie diktatorische Züge annehme.

Prof. Dr. Gunter Runkel

Auch auf Prof. Dr. Gunter Runkel übte anfangs die SPD anziehende Wirkung aus. 1966 trat Runkel, damals 19-jährig, in die Partei ein, der gebürtige Lahnsteiner war von der Politik Willy Brandts überzeugt. Doch die jahrzehntelange Mitgliedschaft in der SPD endete nach dem SPD-Parteitagsbeschluss zur Aufnahme der Türkei in die EU. Von der Politik verabschiedete er sich dann für längere Zeit, konzentrierte sich auf seine berufliche Laufbahn, die ihn 1974 an die Hochschule nach Lüneburg führte, wo der Soziologe bis zu seiner Pensionierung 2012 lehrte.

Politische Leidenschaft entfachte ab 2010 wieder in Runkel, der sich den Freien Wählern zuwandte, wo er auch den späteren AfD-Gründer Bernd Lucke kennenlernte. Nachdem beide 2013 als Kandidaten der Freien Wähler für den Einzug in den Niedersächsischen Landtag antraten, die Partei aber an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, gründete Lucke kurz darauf die AfD, der sich auch Runkel anschloss.

Im Mai 2013 war er dann an der Gründung des AfD-Landesverbands Niedersachsen beteiligt, durchgeführt in der Uni Lüneburg. Heute ist er Vorsitzender des AfD-Stadtverbands Lüneburg.

Runkel, der sich selbst eine liberal-sozial-konservative Grundhaltung attestiert, stört nicht nur die „verfehlte Euro-Rettungspolitik“. Er beklagt auch eine „Einschränkung der Demokratie durch die EU“, die er ebenso wenig legitimiert sieht wie den Europäischen Gerichtshof und die Europäische Zentralbank, beim Europäischen Parlament kritisiert er eine „ungleiche Stimmenverteilung“ zu Lasten Deutschlands.

Runkel fordert „Verantwortungs- statt Gesinnungspolitik“, kritisiert die „übertriebene Moralisierung der Politik“, die zu großen Problemen in der Flüchtlingspolitik und zur Isolierung Deutschlands in Europa führe und Argumente für den Brexit geliefert habe. Vorbild für Einwanderungspolitik ist für ihn Kanada: „Dort gibt es klare Kriterien: Aufgenommen werden diejenigen Qualifizierten, die gebraucht werden und somit dem Land nutzen.“