Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Die Polizei trainiert wie hier vor drei Jahren im Schulzentrum Embsen, wie sie auf einen Amoklauf reagiert. Foto: A/t&w
Die Polizei trainiert wie hier vor drei Jahren im Schulzentrum Embsen, wie sie auf einen Amoklauf reagiert. Foto: A/t&w

Es gibt keine absolute Sicherheit

ca Lüneburg. Es war ein Wochenende der Gewalt: eine Mordserie in München, ein Sprengstoffanschlag eines Selbstmörders in Ansbach, in Reutlingen bringt ein Mann eine Frau mit einem Dönermesser um und schlägt auf andere Passanten ein, in einem Me­tronomzug geht ein 22-Jähriger mit einem Messer auf Reisende los es bleibt das Gefühl, dass Täter überall zuschlagen und jeden treffen können. Die Bilder kennt selbstverständlich auch Lüneburgs Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu. Doch er weiß auch, gegen solche Täter kann sich die Gesellschaft schwer schützen.

Lüneburgs Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu.
Lüneburgs Polizeichef Hans-Jürgen Felgentreu.

„Es gibt kein festes Raster, auf das wir uns einstellen könnten. Wir können nicht so tun, als ob wir allesverhindern könnten.“
Hans-Jürgen Felgentreu Leitender Polizeidirektor

Gleichwohl hat die Polizei reagiert. Aus Hannover sei aufgrund der aktuellen Lage die Weisung gekommen, dass Streifenwagen mit schweren Schutzwesten und Maschinenpistolen auszustatten seien, sagt der Leitende Polizeidirektor und ergänzt: „Es gibt aber keine konkreten Hinweise auf eine Bedrohungslage in der Region.“
Reagieren können er und seine Crew ohnehin nur begrenzt. „Es gibt ja bei den Taten kein festes Raster, auf das wir uns einstellen könnten, es waren unterschiedliche Situationen. Und wir können nicht präventiv Personal einsetzen und so tun, als ob wir alles verhindern könnten. Das wäre eine Scheinsicherheit.“ So könne ein terroristischer Hintergrund ebenso plötzlich Wirklichkeit werden wie die tödlichen Attacken eines psychisch Kranken.

In der Vergangenheit hat die Führungsetage in Lüneburg immer wieder auf eine gute Ausbildung ihrer Kräfte gesetzt. Es gibt sogenannte Systemische Einsatztrainings, auch das Vorgehen bei einem Amoklauf probt die Polizei. Im Herbst 2013 war beispielsweise das Schulzentrum Embsen Bühne für so ein Szenario. Die Übung, bei der die LZ dabei sein konnte, erinnerte beklemmend an Mordserien wie 2002 an einer Schule in Erfurt oder das Drama von Winnenden 2009.

Der Polizeichef und seine Mitarbeiter sprechen mit Veranstaltern, die Feste planen, etwa am Wochenende das Festival e-Venschau. Sie beraten zu Fragen wie Einlasskontrollen und Sicherheitskonzepten. Und selbstverständlich sei die Polizei bei großen Veranstaltungen mit entsprechenden Kräften vor Ort. Doch Felgentreu weiß auch, dass man an Grenzen stößt. Für kommenden Monat ist in Lüneburg ein Friedensmahl geplant: „Sollen wir da Beamte mit Maschinenpistolen auf den Marktplatz stellen? Das widerspräche dem Sinn des Festes.“

Die Polizei sei bekanntlich angemessen präsent etwa bei Jahrmärkten und Stadtfesten. Bislang waren die Themen dort eher alkoholbedingte Schlägereien und sexuelle Übergriffe.

Der erfahrene Polizist weiß, dass seine Leute eher unerwartet in gefährliche Situationen geraten. Etwa wenn sie bei prügelnden Ehepaaren eingreifen und plötzlich angegriffen werden oder Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle aggressiv reagieren und sogar Waffen zücken.

So setzen Felgentreu und seine Führungscrew darauf, ihre Mitarbeiter immer wieder zu schulen und zur Eigensicherung aufzufordern. Für die allgemeine Sicherheitslage bleibt ein Appell: „Wir sind gerüstet.“ So gut es eben geht. Gleichwohl solle sich die Gesellschaft nicht in ein „terroristisches Bockshorn jagen lassen, dann haben die Täter erreicht, was sie wollen“. Man müsse mit einem gewissen Risiko leben.

Das sagen Veranstalter von regionalen Festivals

A Summer’s Tale – heißt es vom 10. bis 13. August auf dem Turniergelände in Luhmühlen. Der Veranstalter FKP Scorpio Konzertproduktionen, der unter anderem auch das Hurricane Festival in Scheeßel veranstaltet, erklärt: „Grundlegend werden Taschen und sonstiges Gepäck beim Betreten des Campingplatzes kontrolliert, die Besucher selbst werden anschließend beim Gang auf das Veranstaltungsgelände durch Schleusen separiert und mittels Bodycheck auf gefährliche und verbotene Gegenstände geprüft.

An allen Einlässen und auf dem Veranstaltungsgelände ist Sicherheits- und Ordnungsdienstpersonal positioniert, um eingreifen zu können, sobald dies notwendig wird. Ein solches Eingreifen ist in den seltensten Fällen durch aggressives Verhalten oder Schlägereien begründet, vielmehr helfen unsere Mitarbeiter Besuchern, die beispielsweise ohnmächtig werden oder sich den Fuß verknackst haben. Es muss deshalb auch gesagt werden, dass all diese Maßnahmen gegen schwer bewaffnete Angreifer, die egal aus welcher Motivation heraus Veranstaltungen stürmen, wenig ausrichten können.

Dennoch wollen wir unseren Gästen auch zukünftig die größtmögliche Sicherheit bieten und reflektieren deshalb unsere bisherigen Arbeitsweisen immer wieder und stellen uns so auch auf entsprechende Bedrohungen ein. Im Zuge dessen bilden unsere leitenden Verantwortlichen in Zusammenarbeit mit diversen Sicherheitsunternehmen und der Polizei eine Arbeitsgruppe, um entsprechende Informationen und Handlungsempfehlungen zusammenzutragen und gewonnene Erkenntnisse in die Umsetzung vor Ort im Rahmen der Sicherheitskonzeption einfließen zu lassen.

Nicht zuletzt sind bei Großveranstaltungen dieser Art bereits etliche Polizeikräfte unmittelbar vor Ort, auf Zufahrtsstraßen im Umland und an Bahnhöfen im Einsatz, so dass auch eine polizeiliche Absicherung bereits gegeben ist.“

e-Ventschau: Claus Leo, Sprecher des Teams der e-Ventschau, sieht das Fest am Freitag und Sonnabend, 29. und 30. Juli, als keinen gefährdeten Ort an: „Nein, es gibt keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen. Die Veranstaltung ist nicht städtisch, und bei unserer Größenordnung müssen wir wohl auch nicht damit rechnen, da in den Blickpunkt zu geraten.“ ↔oc/ff