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Nehmen Gäste versehentlich Zimmerschlüssel mit, ist es ärgerlich für Hoteliers, die diese ersetzen müssten. Aber auch in Lüneburg nutzen schon einige Hotels das elektronische System - die Plastikkarten kosten im Einkauf nicht einmal 50 Cent. Foto: nh
Nehmen Gäste versehentlich Zimmerschlüssel mit, ist es ärgerlich für Hoteliers, die diese ersetzen müssten. Aber auch in Lüneburg nutzen schon einige Hotels das elektronische System - die Plastikkarten kosten im Einkauf nicht einmal 50 Cent. Foto: nh

Hotelzimmer als Selbstbedienungsladen

rast Lüneburg. Ein Bademantel, aufgestickt der Hotelname ein tolles Souvenir, mögen sich die denken, die ihn einfach in ihren Koffer packen. Aus den Lüneburger Hotels wird so einiges gestohlen, das Mitnehmen von Seifen, Stiften und Duschgels sehen viele als Kavaliersdelikt, ist aber Diebstahl, wenngleich er in der Regel nicht angezeigt wird. Vor Jahren ist aus einem Lüneburger Hotel sogar eine Schuhputzmaschine, aus einem anderen eine alte Truhe verschwunden. Auf der anderen Seite haben es die Hoteliers mit der Vergesslichkeit ihrer Gäste zu tun, die lassen vom Ladekabel bis zum Schmuck alles liegen.

Lüneburg erlebt aktuell die Tourismus-Hochsaison, bis auf Bayern und Baden-Württemberg haben alle Bundesländer Ferien. Und einige der Gäste nehmen Überraschendes mit nach Hause. Seminaris-Direktor Klaus Anger: „Wir haben gerade unseren Brandschutz erneuert, in der Phase wurden zwei Brandmelder aus Zimmern gestohlen.“ Selbst Terrassenstühle vor dem Restaurant seien schon verschwunden, und von den Fahrrädern einer Gästegruppen seien drei Sättel abmontiert worden: „Wer braucht denn die?“ Beliebt seien auch die Batterien von Fernbedienungen.

Top Diebesgut

Der Wellness Heaven Hotel Guide hat international 937 Hotliers gefragt, welche Gegenstände am häufigsten gestohlen werden. In Lüneburg wird laut einigen Hoteliers „extrem wenig“ mitgenommen, vor allem hätten es Gäste auf Kleinigkeiten wie Fläschchen aus der Minibar abgesehen. Grafik: www.wellness-heaven.de
Der Wellness Heaven Hotel Guide hat international 937 Hoteliers gefragt, welche Gegenstände am häufigsten gestohlen werden. In Lüneburg wird laut einigen Hoteliers „extrem wenig“ mitgenommen, vor allem hätten es Gäste auf Kleinigkeiten wie Fläschchen aus der Minibar abgesehen. Grafik: www.wellness-heaven.de

Vom Bademantel bis zur Minibar

Bademäntel gehören im Seminaris entgegen dem internationalen Trend nicht zum begehrten Diebesgut, Anger: „Wir nehmen eine Pfandgebühr dafür, das hält die Gäste wohl davon ab.“ Bestickt mit dem Hotelnamen sind auch die Bademäntel im Bergström, Direktorin Cornelia Meyer sagt: „Da kommt mal hin und wieder ein Bademantel weg. Pfand nehmen wir nicht, das ist Service für unseren Wellness-Bereich.“ Handtücher würden hier kaum verschwinden. Auch Peter Baars, Chef des Park-Hotels, kann keinen Handtücher-Schwund beklagen: „Sie sind nicht bestickt, also keine interessanten Souvenirs.“

Auch sonst würden sich seine Gäste artig benehmen. Handtücher sind allerdings, obwohl nicht bestickt, im Hotel Zum Roten Tore gefragt, Senior-Chef Hans Winterberg: „Auch unsere Info-Mappen werden eingesteckt, selbst Nichtraucherschilder haben ihren Reiz.“ Großartige Verluste hat das Hotel „einzigartig“ nicht zu verbuchen, Empfangschefin Mathilde Béhar: „Es sind allerdings schon zwei Mal unsere ,Nicht stören-Schilder abhanden gekommen.“

Einige Gäste greifen auch schon mal in der Minibar zu, vergessen das Bezahlen. Klaus Anger: „Da schmeckt ihnen vor allem eine Schweizer Schokoladenmarke.“ Wie er hat auch Cornelia Meyer feststellen müssen: „Manche sind so dreist, dass sie die Alkohol-Fläschchen austrinken, sie danach mit Wasser füllen und den Verschluss wieder zudrehen.“ Duschzeug dagegen gehöre nicht zu den Rennern auf der Beuteliste, Meyer sagt allerdings: „Es werden schon mal kleine Duschgel-Fläschchen mitgenommen das macht auch Sinn, wenn sie bereits angebrochen waren.“

Schaden hält sich in Grenzen

Ein teures Paar Stiefel, der Teddy eines Kindes, Schlüssel oder Wecker gehören zu den Fundsachen, die Hoteldirektor Klaus Anger im „Raum der Vergesslichen“, der Fundsachenkammer, des Seminaris zeigt. Foto: be
Ein teures Paar Stiefel, der Teddy eines Kindes, Schlüssel oder Wecker gehören zu den Fundsachen, die Hoteldirektor Klaus Anger im „Raum der Vergesslichen“, der Fundsachenkammer, des Seminaris zeigt. Foto: be

Da sich die Werte des Gestohlenen in Grenzen halten, verzichten die Hoteliers in der Regel auf Anzeigen wegen Diebstahls. Die Vergesslichkeit der Gäste spiegelt sich in der, wie Anger sagt, „Asservatenkammer“ des Seminaris-Hotels wider: „Hier haben wir eine wohl größere Auswahl als jedes Geschäft: Handys, Ladegeräte, Laptops, Tablets, Kleidung.“ Hauptsächlich Kleidungsstücke und Ladekabel bleiben auch im Hotel einzigartig und im Park-Hotel liegen, Hans Winterberg vom Roten Tore listet zudem Brillen, Schuhe, Regenschirme und Pillenboxen auf, die Bergström-Hausmädchen fanden auch Bücher, teuren Schmuck und Pässe.

Die Hotels bewahren die Fundstücke mindestens sechs Monate lang auf, das Team von Cornelia Meyer „macht einmal im Jahr Tabula rasa“, und im Hotel „einzigartig“ liegen die Sachen mindestens ein Jahr lang. Das Vergessene wird den Gästen nur auf Anfrage zugeschickt und das aus gutem Grund. Klaus Anger formuliert es so: „Wir wollen ja nicht, dass eine Frau ihren Mann fragt: ,Warum warst Du da eigentlich in dem Hotel?“ Und Cornelia Meyer ergänzt: „Wir wissen ja nicht, ob derjenige offiziell bei uns war.“ Die meisten Beherbergungsbetriebe verschicken die Sachen nach Anfrage als Service kostenfrei.

Es gibt aber auch Gäste, die den Verlust von Sachen beklagen, die sie aber gar nicht vergessen haben. Peter Baars: „Eine Frau behauptete, sie habe ihren Ring bei uns vergessen, den fand sie aber später bei sich daheim wieder.“ Und Cornelia Meyer kennt die Geschichte eines weiblichen Gasts, der behauptete, ein Zimmermädchen habe einen billigen Lippenpinsel eingesteckt: „Hat es natürlich nicht.“

Die Vorlieben der Nationalitäten

Das Unternehmen Wellness Heaven, das für seinen Guide regelmäßig 18 Hoteltester im Einsatz und deutsche, österreichische und italienische Hotels neben Häusern auf den Malediven im Fokus hat, hatte im Mai und Juni 937 Hoteliers befragt, welche Gegenstände am häufigsten entwendet wurden. Dabei gab es auch interessante Ergebnisse bei den Vorlieben der Nationalitäten.

Es stellte sich etwa heraus, dass der deutsche Hotelgast einem eher langweiligen Diebstahlverhalten folgt: Neben Handtüchern und Bademänteln lässt er in erster Linie Kosmetik mitgehen. Viel genussorientierter geht es da schon bei den Österreichern zu: Geschirr und Kaffeemaschinen tauchen weit oben in der Diebstahlskala auf — vom korrekten Esswerkzeug und den Zubereitungsvarianten für den „kleinen Braunen“ kann man in der Alpenrepublik offenbar nicht genug zu Hause stehen haben.

Italiener bevorzugen Weingläser als Souvenir, bei Schweizern rangiert der Haarföhn weit oben im Ranking. Der Franzose hingegen liebt es schon etwas spektakulärer: Er vertritt die Nation, die mit Abstand am häufigsten Fernsehgeräte und Fernbedienungen mitgehen lässt. Holländische Gäste sehen in ihren Mitbringseln vor allem den praktischen Nutzen: Zu ihren Favoriten zählen Glühbirnen und Toilettenpapier.

Die Sache mit dem Zimmerschlüssel

Ein großes Ärgernis ist es für die Hoteliers, wenn ihre Gäste versehentlich die Zimmerschlüssel mit nach Hause nehmen. Werden die nicht zurückgeschickt, müssen sie für teures Geld ersetzt werden. Doch einige Lüneburger Hotels haben längst auf Schlüsselkarten umgestellt, die Plastikmodule kosten laut Seminaris-Chef Klaus Anger nicht mal 50 Cent das Stück und sind auf die Dauer des Aufenthaltes eines Gastes kodiert, der abgereiste Gast kann damit nicht mehr ins Zimmer kommen.

Überraschenderweise hat man hier wie auch im Bergström oder dem „einzigartig“ die Erfahrung gemacht: Rund die Hälfte der Gäste, die die Karten versehentlich mitgenommen haben, schicken sie dem Hotel zurück. Im Hotel Zum Roten Tore gibt es noch die richtigen Zimmerschlüssel, die allerdings verschwinden nicht. Den Grund nennt Hans Winterberg: „Die sind so groß und so schwer, die steckt man sich nicht einfach so ein.“