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Marianne Krause hinter der Theke ihres Kaufhauses im Wendland (Schnega), das sie seit 54 Jahren leitet. Das Geschäft mit seinem vielfältigen Sortiment ist eine wahre Fundgrube. Foto: pw
Marianne Krause hinter der Theke ihres Kaufhauses im Wendland (Schnega), das sie seit 54 Jahren leitet. Das Geschäft mit seinem vielfältigen Sortiment ist eine wahre Fundgrube. Foto: pw

Ein Kaufhaus im Wendland für fast alles

pw Schnega. Marianne Krause mag 78 Jahre alt sein, doch das bedeutet noch lange nicht, dass sich die Seniorin aus Schnega im Wendland in den Ruhestand zurückzieht. Wie seit mehr als 50 Jahren öffnet sie jeden Wochentag — außer mittwochs, dann ist Ruhetag — ihr Geschäft an der Langen Straße 24. Dort befindet sich das „Kaufhaus Krause“, das zu seinen Glanzzeiten als das „Hettig des Südkreises“ galt — und das das einstige Lüchower Kaufhaus mittlerweile schon um einige Jahre überlebt hat.

Die Geschichte des Schnegaer Kaufhauses ist auch eine Reise in die neuere deutsche Geschichte. Bis zum Ersten Weltkrieg befand sich in dem Geschäft eine Schlachterei. Doch der Besitzer fiel bei Verdun. Seine Witwe, die drei Kinder hatte, fand in dem Klempner Wilhelm Krause einen Mieter für die Geschäftsräume. Er und Helene, die Tochter seiner Vermieterin, kamen sich näher; das Paar heiratete und eröffnete 1923 neben dem Handwerksbetrieb das bis heute existierende Kaufhaus Krause, „aber das hielt sich damals in sehr kleinen Grenzen“, erinnert sich Marianne Krause.

Die 1938 Geborene war als Kind allein mit Hilfe eines Fluchthelfers, den die noch lebende Tante organisiert hatte, 1945 aus Ostpreußen ins Kreisgebiet geflüchtet und 1957 nach Schnega gekommen, um auf dem Rittergut als Hauswirtschaftsleiterin zu arbeiten. Bei einer Tanzveranstaltung lernte sie ihren späteren Mann kennen, den sie 1960 heiratete. Zwei Jahre später pachtete die junge Familie den Betrieb der Schwiegereltern. Während Günther Krause in seinem Handwerksbetrieb gleich drei Berufe ausübte — er hatte einen Meistertitel als Klempner, Installateur und Heizungsbauer –, übernahm und erweiterte Marianne Krause den Laden. Bald hatte sie so viel zu tun, dass sie eine Verkäuferin anstellte und mehrere Lehrlinge ausbildete.

„In meiner Kindheit waren Verlobungs- und Hochzeitstische das Hauptgeschäft“, erinnert sich Tochter Cornelia Krause. Zum großen Sortiment des Kaufhauses gehörten und gehören bis heute Haushaltswaren, Porzellan, Spielzeug, Schreib- und Elektrowaren. Aber auch, wer eine Dichtung oder eine Waschbeckenarmatur sucht, wird in dem Schnegaer Geschäft fündig. „Wir hatten einmal 3500 verschiedene Artikel“, erinnert sich Marianne Krause an zeitintensive Inventuren in der Vergangenheit.

Warenbestand abzuverkaufen

Sie hatte an der Landfrauenschule in Hildesheim eine Ausbildung zur ländlichen Hauswirtschafterin absolviert. Das für den Geschäftsbetrieb nötige kaufmännische Wissen hat sie sich später praktisch nebenbei erobert. „Ich bin da so reingewachsen“, sagt die 78-Jährige, die neben dem Laden in Schnega 30 Jahre lang auch ein Geschäft in Clenze betrieben hat. Außerdem habe sie selbstverständlich jeden Tag in der Mittagspause für ihre Familie gekocht und dem Vater den Rücken freigehalten, erzählt Tochter Cornelia Krause. Als Obermeister war dieser 30 Jahre lang in der Prüfungskommission und hat auch an der Berufsschule ausgebildet.

Für sie und ihren Bruder sei die Arbeit der Mutter praktisch gewesen, sagt Cornelia Krause: „Wenn wir was von unserer Mutter wollten, sind wir in den Laden gekommen, da war und ist sie immer.“ Aber den Laden einmal selber zu führen, sei für sie ebenso wenig eine Option gewesen wie für ihren Bruder, den Betrieb des verstorbenen Vaters zu übernehmen: „So ein langer Arbeitstag, von sieben Uhr morgens bis 20, 21 Uhr, das wollte ich nicht“, sagt Cornelia Krause, die den Schnegaer Kindergarten Tipitou leitet.

Für Marianne Krause war das ganz normal. Heute öffnet sie vor allem, um „den Warenbestand abzuverkaufen“, sagt die Schnegaerin. Auch wer auf der Suche nach etwas Besonderem, mittlerweile schwer zu Bekommendem ist, hat gute Chancen, bei der 78-Jährigen fündig zu werden. Eine kleine Hängelampe oder Sicherungen für die Puppenstube? Schlittschuhe zum Anschnallen an die Winterstiefel? Die Tasse einer bestimmten Geschirrserie? Marianne Krause kommt hinter der großen Theke hervor und zaubert unfehlbar das gewünschte Stück hervor.

Schließlich führt sie das Kaufhaus seit 54 Jahren, den größten Teil ihres Lebens. Und das macht das „Kaufhaus Krause“ auch zu einem großen Teil ihres Lebens.