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Sie sind Ansprechpartnerinnen für ausländische Wanderarbeiter in der Region: (v.l.) Dr. Katarzyna Zentner, Roza Tanka und Eliza Yankova. Ihr Büro haben sie im Gewerkschaftshaus an der Heiligengeiststraße. Foto: ca
Sie sind Ansprechpartnerinnen für ausländische Wanderarbeiter in der Region: (v.l.) Dr. Katarzyna Zentner, Roza Tanka und Eliza Yankova. Ihr Büro haben sie im Gewerkschaftshaus an der Heiligengeiststraße. Foto: ca

Wenn Unternehmen betrügen . . .

ca Lüneburg. Mit Deutschland verbinden die Wanderarbeiter die Hoffnung auf gutes Geld und geordnete Verhältnisse. Doch oft werden sie enttäuscht, wenn sie aus Polen, Ungarn oder Bulgarien in die Bundesrepublik kommen. Eliza Yankova weiß von bulgarischen Mitarbeitern der Logistikbranche und Bauarbeitern, die sechs Monate ohne Lohn geschuftet haben. „Deutsche Arbeitgeber streiten ab, die Leute überhaupt zu kennen“, sagt sie. Die Hintermänner in der Heimat seien nur schwer zu greifen. Die Opfer arbeiteten nach einem „Vorschuss“ oftmals weiter in dem Glauben, irgendwann doch noch ihr Geld zu bekommen.

Eliza Yankova arbeitet für die gewerkschaftsnahe Beratungsstelle Arbeit und Leben. Die Bulgarin, ihre ungarische Kollegin Roza Tanka und die aus Polen stammende Leiterin Dr. Katarzyna Zentner haben ihr Büro im Gewerkschaftshaus an der Heiligengeiststraße. Die Beratungsstelle für mobile Arbeitnehmer sowie drei weitere in Niedersachsen werden, wie berichtet, vom Wirtschaftsministerium in Hannover bezuschusst.

Die drei Frauen kennen viele Beispiele von Arbeitnehmern, die aus dem europäischen Ausland kommen und betrogen werden. In der Landwirtschaft setzen Bauern auf Erntehelfer, die aktuell Blaubeeren pflücken. Auch ihnen steht der Mindestlohn zu. Doch statt 8,50 Euro pro Stunde erhielten die Kollegen oftmals nur sechs. Begründung der Chefs: „Wir bezahlen je Kilo.“ Und die Menge habe der Mann dann eben nicht gebracht.

Beliebt sei es auch, Unterkünfte teuer in Rechnung zu stellen, berichtet Zentner. Für die Koje in einem Zweibettzimmer in einem Container würden schnell 200, 300 Euro fällig. Und das ist nicht alles: In den Zimmern schlafen statt zwei schon mal vier bis sechs Helfer.

Auf Baustellen arbeiten Handwerker als Selbstständige. Zumindest auf dem Papier. Denn eigentlich hat sie ein Subunternehmer beauftragt, der sie bezahlt. Oder eben nicht. Oftmals wissen die Kollegen nicht, dass sie sich selber krankenversichern müssten. Das böse Erwachen kann es dann nach einem Unfall geben: Ärzte wollen Bares von dem Betreffenden sehen. Auch bei der häuslichen Pflege von Senioren, die Familien für Oma und Opa organisieren, werde oftmals gegen Vorschriften verstoßen.

Bisher haben 40 Männer und Frauen um Hilfe gebeten.

Die Erfahrung der Beraterinnen zeigt, dass die Arbeiter oft in ihren Heimatländern von Agenturen angeworben werden. Da werde von vermeintlich gut meinenden Landsleuten viel versprochen, was sich in Deutschland dann als falsch herausstelle.

Seit 2013 arbeitet die Beratungsstelle in Hannover, pro Woche wenden sich im Schnitt etwa 15 Arbeitnehmer an die Helfer an der Leine. Lüneburg ist dem Büro angegliedert, die Zweigstelle arbeitet seit April und betreut den Nordosten des Landes. Bisher haben 40 Männer und Frauen um Hilfe gebeten.

Das Trio macht Druck. „Wenn wir Unternehmen haben, die nicht korrekt arbeiten, schaffen wir Öffentlichkeit“, sagt Dr. Zentner. Sie steht dann schon mal mit Reportern auf der Matte. Das helfe in vielen Fällen: Generalunternehmer eines Bauprojekts beispielsweise wirken auf die Unterfirmen ein, zu zahlen. Auch Prozesse vor Arbeitsgerichten können zum Erfolg führen.

Dass es sie gibt, habe sich herumgesprochen: über soziale Netzwerke im Internet, über Betroffene, über Gewerkschaften und Kirchen, auch die Konsulate der jeweiligen Länder setzen auf Aufklärung.

Lüneburgs DGB-Chef Dr. Matthias Richter-Steinke begrüßt und fördert den Austausch mit den Beraterinnen: Aus Betrieben und ihren Personalvertretungen könnten Tipps kommen, die Missstände aufzeigen. Genau diese Form von Öffentlichkeit wünschen sich auch die Beraterinnen, die mit ihrem Kleinbus direkt zu Brennpunkten fahren und Betroffene auf Russisch, Polnisch, Ungarisch und Bulgarisch ansprechen können sowie Kontakt zu Beratern herstellen können, die andere Sprachen beherrschen.

Sie sind für eine Terminabsprache in ihrem Büro an der Heiligengeiststraße zu erreichen unter Tel.(04131) 9275095.