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1:0 für Amazon gegen die Bundesliga-Clubs  zu diesem Ergebnis kommt die Lüneburger Online-Agentur web-netz. Grafik: webnetz
1:0 für Amazon gegen die Bundesliga-Clubs zu diesem Ergebnis kommt die Lüneburger Online-Agentur web-netz. Grafik: webnetz

Bundesliga-Vereine verschlafen elektronischen Handel

ahe Lüneburg. Nach mehr als 50 Jahren ohne Meisterschale in der Hand würden die Fußballfans der Königsblauen diese Tabelle natürlich sofort unterschreiben: der FC Schalke 04 auf Platz 1, der schwarz-gelbe Erzfeind aus Dortmund „nur“ auf Rang 5. Veröffentlicht hat die Rangfolge die Lüneburger Online-Agentur web-netz. Sie hat untersucht, wie die Profivereine der ersten drei Ligen ihre Onlineshops in Suchmaschinen vermarkten und dabei festgestellt: Die Clubs überlassen in Sachen eCommerce, also dem elektronischen Handel, das Feld fast gänzlich großen Händlern und verschenken so Millionen.

Es soll ja auch im Norden Fans geben, die es mit Borussia Mönchengladbach halten. Wenn ein solcher Anhänger sich nun mit Fanartikeln eindecken will, sind bei hiesigen Geschäften die Angebote in Schwarz-Grün eher rar gesät. Also schaut er im Internet, gibt bei Google zum Beispiel die Kombination „Gladbach Schal“ ein. Dann aber landet er nicht etwa zuerst im offiziellen Fanshop des Vereins, sondern bei Amazon. Der Gladbach-Shop taucht auf der ersten Seite der Treffer überhaupt nicht auf. Also wird der Fan seinen Schal wohl am ehesten bei Amazon kaufen. Und weil die Zwischenhändler mitverdienen wollen, bleibt weniger für den Verein übrig. Angesichts der vielen Millionen, die in der Branche umgesetzt werden, geht den Clubs damit eine Menge Geld durch die Lappen.

Das wunderte selbst die Lüneburger Internet-Experten von web-netz, die bei ihrer dreimonatigen Analyse, an der fünf Mitarbeiter beteiligt waren, eigenen Angaben zufolge 43470 mögliche Suchanfragen analysiert haben. „Wir waren selbst überrascht, wie viel Potenzial die Vereine derzeit verschenken. Deswegen sind wir mit der Analyse auch so sehr ins Detail gegangen“, sagt Agentur-Inhaber Patrick Pietruck. Denn was nutzt das beste Merchandising-Angebot im eigenen Vereinsshop, wenn der potenzielle Kunde es nicht findet? Petrucks Eindruck: Während sich Suchmaschinenoptimierung und Suchmaschinenmarketing mittlerweile im gesamten Mittelstand als Marketing­instrumente etabliert hätten, scheine die Fußballbranche kollektiv im Dornröschen-Schlaf zu sein. Dabei brauche es gar keinen großen Personal- und Finanzaufwand, um das Potenzial auszuschöpfen.

Selbst wenn man den Umsatz außer Acht lasse, wirke die Passivität der Vereine nachlässig den eigenen Fans gegenüber. Denn wer seinen Verein durch den Kauf von Merchandising-Artikeln unterstützen möchte, wird weder durch Google-Anzeigen noch durch gute Rankings in den Suchmaschinenergebnissen in den Vereins-Onlineshop geführt. Der Service am Fan, der seinen Lieblingsclub doch eigentlich so gut wie möglich unterstützen möchte, bleibt auf der Strecke: „Markenpflege geht anders.“

Wie groß das Potenzial ist, zeigt, dass allein im Jahr 2015 mehr als 8,6 Millionen kaufrelevante Suchanfragen für die 53 Vereine der 1., 2. und 3. Liga bei Google gestellt worden seien, Bayern München und Borussia Dortmund liegen hier mit weitem Abstand vor allen anderen. Die Rechnung ist denkbar einfach: Je mehr dieser Suchanfragen am Ende direkt beim Vereins-Fanshop landen, desto höher sind dessen Einnahmen. Zwar verdienen die Clubs auch mit, wenn ihre lizensierten Merchandising-Produkte bei Händlern wie Amazon verkauft werden, doch über diesen Weg bleibt weit weniger für sie übrig.

Ein Verein, der es nahezu perfekt beherrscht, dass sein eigener Fanshop bei einer relevanten Suchanfrage gleich mehrfach oben auf der ersten Ergebnisseite bei Google auftaucht, ist Schalke 04, dem die Lüneburger Marketing-Experten eine Ausschöpfung des Potenzials von 100 Prozent bescheinigen. Der HSV liegt in der Rangfolge nur auf Platz 37, damit wäre er drittklassig. Er schöpfe gerade mal 1,1 Prozent seines Potenzials bei der Suchmaschinenoptimierung aus. Erstaunlich auch: Nur 12 der 53 Vereine schalten Werbeanzeigen bei Google.

Ihre „Suchmaschinen-Potenzialanalyse“ haben die Lüneburger an alle 53 Profivereine geschickt. Und dort stößt die Untersuchung durchaus auf Interesse. Pietruck verrät: „Wir haben schon mehrere Anrufe der Vereine bekommen, zum Beispiel von Dortmund, Leverkusen und Wolfsburg, die wissen wollen, was sie besser machen können.“ Ein Erstligist wolle die Lüneburger in der kommenden Woche auch konkret damit beauftragen, die „eigene Performance“, wie Pietruck es nennt, zu verbessern. Ein Zweitligist zählt bereits seit Anfang des Jahres zu den Kunden der Lüneburger, die an der Neugestaltung der Internetseite des Clubs mitwirken.

Doch nicht alle scheinen so aufgeschlossen. „Vom HSV, der ja extrem schlecht abschneidet, haben wir eine böse E-Mail bekommen.“ Dabei hätten er und seine Kollegen die Hamburger schon im Frühjahr darauf aufmerksam gemacht, dass im Bereich Internet offenbar einiges im Argen liege. Pietruck mutmaßt: „Das gefällt offenbar nicht jedem.“

Rangfolge

1. Schalke 04 (100 Prozent Potenzialausschöpfung)
2. FC Bayern (88,4 Prozent)
3. VfB Stuttgart (68,8 Prozent)

11. Bremen (15,7 Prozent)
14. St. Pauli (10,8 Prozent)
17. Hannover (8 Prozent)
29. Osnabrück (2,3 Prozent)
30. Wolfsburg (2,30 Prozent)
37. HSV (1,1 Prozent)
38. Holstein Kiel (1 Prozent)
43. Hansa Rostock (0,4 Prozent)
50. Braunschweig (0 Prozent)

2 Kommentare

  1. Und wenn man eine „online Agentur in Lüneburg“ sucht, dann erscheinen die Untersucher der Ausschöpfung von Internetpotenzialen erst auf Platz 5. Da nutzt wohl jemand sein eigenes Potenzial nicht vollständig aus… 😉
    Aber gut das man andere untersucht, mit fünf Mitarbeitern in dreimonatiger Arbeit. Wenn die jetzt wieder Zeit haben, dann einfach auch mal an sich selbst denken… 😉

    • Hi fuchur, die Nr. 1 in der organischen Google-Suche (Pos. 1-4 sind Google AdWords Anzeigen) reicht aufgrund der guten Auftragslage erstmal aus. Auch das gehört zu gutem Online-Marketing: Kanäle, Maßnahmen und Budgets gezielt einsetzen.