Aktuell
Home | Lokales | Alt-Superintendent Christoph Wiesenfeldt schreibt eine Kirchengeschichte
Dr. Christoph Wiesenfeld beschäftigt sich mit der Geschichte der evangelischen Kirche in Lüneburg seit der Reformation. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er in einem Heft zusammengefasst. Foto: t&w
Dr. Christoph Wiesenfeld beschäftigt sich mit der Geschichte der evangelischen Kirche in Lüneburg seit der Reformation. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er in einem Heft zusammengefasst. Foto: t&w

Alt-Superintendent Christoph Wiesenfeldt schreibt eine Kirchengeschichte

ca Lüneburg. Wie viel Ansehen und Macht jemand hat, lässt sich an seinem Platz ablesen. Wo darf er in einem Umzug mitmarschieren? Klar, je weiter vorn, desto bedeutender ist man. Und so wurmte es die Lüneburger Geistlichkeit, dass sie bei der Einführung eines Superintendenten hinter den Vertretern des Rates durch die Stadt stapfen musste. Immer wieder, erstmals wohl 1672, mahnten Pastoren beim Rat, dann beim Landesherren an, ihnen den Vortritt zu lassen. Doch die Herren der Kirche, die im sogenannten geistlichen Ministerium zusammengeschlossen waren, blitzten in Celle immer wieder ab. Der Kurfürst wies die Pastoren an, „nicht durch unnötigen Zank und Streit allerhand Skandal und Ärgernis“ anzurichten. Man solle einen „fried- und christlichen Betrag“ leisten und der Gemeinde „mit guten Exempeln vorleuchten“.

Diese Episode um den sogenannten Präzedenzstreit, die für den nicht immer einfachen Umgang zwischen Kirche und Rathaus steht, erzählt Lüneburgs ehemaliger Superintendent Dr. Christoph Wiesenfeldt in einem fingerdicken Werk zur „Kirche in der Stadt das geistliche Ministerium Lüneburg“. In den vergangenen drei Jahren hat er in alten Akten geforscht, welche Rolle die Kirche nach Einführung der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an der Ilmenau spielt.

Eine wissenschaftliche Arbeit, die einen Überblick gebe, habe er nicht gefunden. Er habe einen Teil der Unterlagen in Stadtarchiv und Kirchenbüro ausgewertet, sagt Wiesenfeld.

Kirche war anders organisiert als heute. Ein Steuersystem, das Geld in die Schatullen klimpern ließ, gab es nicht. Der Rat bezahlte Geistliche und Unterhalt der Gotteshäuser. Wer bezahlt, bestimmt: Also ernannte der Rat Pastoren und ihren Oberen, den Superintendenten. Deshalb war für die Geldgeber klar, wer bei dem Einführungsmarsch vorne zu laufen hatte.

Kirchen standen unter Aufsicht der Stadt

„Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keine eigene Kirchengemeinde in Lüneburg“, sagt Wiesenfeldt. Die Kirchen standen unter Aufsicht der Stadt, aber: „In die Lehre und die Gestaltung des Gottesdienstes hat der Rat sich nicht eingemischt.“

Mit Johannis und Nicolai war der Rat schon lange über ein Patronat verbunden. Lamberti spielte auch eine Rolle für den Rat. Hier allerdings gab es eben auch Zuwendungen der Saline, denn das 1861/62 abgerissene Gotteshaus war eben die Kirche der Salinenherren und ihrer Arbeiter.

Während sich die Herren an der einen Stelle stritten, waren sie sich in vielen anderen Punkten einig. Zwar berief der Rat die Pastoren, doch erst nach einem Gespräch mit dem geistlichen Ministerium, in dem der Aspirant „Eignung und Bekenntnistreue“ nachweisen musste, konnte er seinen Dienst antreten. Ministerium hatte eine andere Bedeutung als heute. Der Begriff leitete sich damals von ministri verbi ab, den Dienern des Wortes, also den Pastoren.

Wiesenfeldt erzählt, dass sich über die Jahrhunderte eine enge Beziehung zwischen Bürgern und Geistlichen entwickelte, die findet sich heute wie einst in dem hohen sozialen Engagement wieder: „Angesichts sozialer Nöte musste sich die Kirche breiter aufstellen und konnte dabei auf eine lange Tradition aufbauen. Viele Vereine und wohltätige Anstalten entstanden, die sich aus freiwilligen Beiträgen finanzierten. Zum Teil bestehen sie noch heute wie der Herbergsverein und die Kühnausche Stiftung.“

In der Mitte des 19. Jahrhunderts organisierte sich Kirche anders. Das Bürgertum wurde selbstbewusster. Später gab es zentrale Einrichtungen, man setzte auf mehr Eigenständigkeit, es bildeten sich Kirchengemeinden mit eigenen Vorständen.

Es ist ein besonderes Stück der lokalen Geschichte, das Wiesenfeldt beschreibt. Daher wäre es gut in den Lüneburger Blättern aufgehoben, die seit Jahrzehnten die Stadthistorie beschreiben. Wiesenfeldt sagt es gebe Gespräche, vielleicht erscheint sein Beitrag dort.