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Leckeres Essen und zufriedene Gäste liegen beiden am Herzen: Der Syrer Mohammad Shouaib (l.) und der Lüneburger Michael Röhm sind Köche aus Leidenschaft. Foto: ada
Leckeres Essen und zufriedene Gäste liegen beiden am Herzen: Der Syrer Mohammad Shouaib (l.) und der Lüneburger Michael Röhm sind Köche aus Leidenschaft. Foto: ada

Vom Leben und Arbeiten als Koch in Deutschland und Syrien

Am 28. August verwandelt sich der Marktplatz ab 12 Uhr in eine riesige Tafel. Lüneburger und Flüchtlinge sind eingeladen, bei der Aktion „Essen verbindet“ Leckeres aus verschiedenen Ländern zu probieren. Unternehmer wollen mit der Veranstaltung Lüneburger und Geflüchtete an einen Tisch bringen. Mehr als 80 Firmen, Institutionen und Verbände unterstützen die Aktion und wollen ein Zeichen für ein offenes Lüneburg setzen. Mit dabei sind die Köche Michael Röhm und Mohammad Shouaib. Vorab tauschen sich der Lüneburger und der Syrer über ihre Erfahrungen am Kochtopf aus.

ada Lüneburg. Mohammad Shouaib nimmt einen großen Schluck aus dem Wasserglas. Hinter ihm brummt die Kaffeemaschine, drei Kellner balancieren Tabletts mit Gläsern und Getränken durch „Röhms Deli“, von irgendwoher klingt ein „Was darf ich Ihnen bringen?“ durch das Restaurant. Shouaib versteht die Worte nicht, aber all der Wirbel ist ihm vertraut. Seit elf Jahren ist der 29-Jährige aus Aleppo Koch und teilt damit dieselbe Leidenschaft wie Michael Röhm, der Sekunden später aus der Küche seines Restaurants an der Heiligengeiststraße kommt. Beide Männer haben denselben Beruf und doch so unterschiedliche Lebenswelten.

Die Liebe zum Kochen fand Michael Röhm schon in Kindertagen. Damals waren es die beleibten Köche des benachbarten Hotels, die den Jungen faszinierten. Immer sonntags durfte er einen Blick in die Küche werfen, sich Leckereien wie Pommes frites mit nach Hause nehmen. „Relativ schnell stand fest, dass ich Koch werden will“, sagt Röhm heute. Sein Handwerk lernte er im Maritim Timmendorfer Strand und kochte später in Berlin. 1994 wurde er für seine Leistungen am Herd mit dem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet und machte sich mit dem Restaurant Heidkrug in Lüneburg selbstständig. Heute betreibt er mit dem Röhms Deli sein eigenes, kleineres Restaurant. Seine Motivation für den Beruf sei immer dieselbe geblieben, sagt Röhm, „mit tollen Waren umgehen zu dürfen, die Frische der Lebensmittel, die Kreativität“.

Kreatives Arbeiten

Auch Mohammad Shouaib liebt das kreative Arbeiten. Gemüseschnitzen und Speisen dekorativ zu präsentieren, macht dem Syrer besonderen Spaß. Dabei war an eine Karriere als Koch zunächst gar nicht zu denken. Als Schuljunge begann er in der Küche eines syrischen Restaurants sein Taschengeld mit Tellerwaschen aufzubessern. Fasziniert von dem Handwerk der Köche um ihn herum, fasste er sich irgendwann ein Herz, ging zum Chef und ließ sich in die Kochkunst einweihen. „Ich habe angefangen, das Essen für die Restaurantmitarbeiter zu kochen, später wurde ich Küchenchef.“

Gemüse schneiden, die Gerichte vorbereiten, kochen — das alles so schnell wie nur möglich. Je mehr Mohammad Shouaib zu tun hat, desto mehr Spaß macht ihm die Arbeit in der Küche. „Wenn viele Gäste da sind, geht die Zeit so schnell rum, wenn es aber leer ist, wird es langweilig“, sagt er. Auch Michael Röhm liebt den Trubel: „Wenn man mit Spaß und Sinn bei der Sache ist, kann Stress auch positiv sein. Nichts ist schlimmer als gelangweilt in der Küche herumzustehen.“

Das passiert dem Spitzenkoch aber sowieso nie. Täglich 12 bis 14 Stunden verbringt er damit, Waren zu bestellen, Gerichte zu kreieren und umzusetzen. Und dann ist da ja noch die Sache mit dem eigenen Laden. „Du bist Designer, du bist Arbeitgeber, du bist eigentlich alles, und manchmal ist die Zeit, die für das Kochen bleibt, die wenigste am Tag. Dann muss man sie sich klauen, die Zeit.“

Mohammad Shouaib kam mit einem Boot über das Mittelmeer

Mit schnellen Fingern wischt Mohammad Shouaib über das Display seines Smartphones. Er sucht ein Foto vom Tag, als er sich das letzte Mal richtig viel Zeit zum Kochen genommen hat. Ein paar Sekunden vergehen, ehe er fündig wird. Das Foto zeigt ein Backblech voller Teigtaschen, ein zweites kunstvoll geschnitzte Gemüseblumen. Shouaib lächelt beim Anblick seiner Werke, er ist stolz.

Seit 2014 ist er nun in Deutschland, kam mit einem Boot über das Mittelmeer. Mit dem Krieg hat Shouaib seine Heimat und seinen Beruf verloren. Inzwischen leben auch seine Frau und der dreieinhalb Jahre alte Sohn nahe Lüneburg. Jetzt will Shouaib nur noch zwei Dinge: „Ein ganz normales Leben mit Arbeit, am liebsten natürlich als Koch und Frieden für Syrien.“

Zurzeit kocht der 29-Jährige nur für seine Familie oder die Helfer, die ihm auf seinem Weg begegnet sind. Wie ihm die deutsche Küche gefällt? „Ganz gut, aber es gibt komische Sachen.“ Wie man zum Beispiel Orangen oder Äpfel in einen Salat mischen kann, ist ihm unbegreiflich. Auch die Kombination von süßen und sauren Aromen in einer Speise treffen seinen Geschmack nicht. „Ich mag am liebsten in Wasser gekochte Zucchini, gefüllt mit Hack und Reis“, sagt Shouaib.

Es gibt für sie nichts Schöneres als leckeres Essen und zufriedene Gäste

„Frischer Kabeljau in Senfsauce, ich liebe ihn“, antwortet Michael Röhm auf die Frage nach seinem Lieblingsgericht. Überhaupt sei es frischer Fisch, den er gerne esse, immer in Verbindung mit saisonalen Produkten.

Der eine liebt die klassische arabische Küche, der andere mag es norddeutsch — der eine kam eher zufällig zum Kochberuf, der andere hat eine lange Ausbildung und Jahre als Sterne-Koch hinter sich — der eine arbeitete mit 50 Kollegen, bei dem anderen sind es zehn, aber in einem sind beide gleich: Es gibt für sie nichts Schöneres als leckeres Essen und zufriedene Gäste.

Mehr Informationen auf www.essen-verbindet-lg.de.

Flucht in Zahlen

In Lüneburg sind derzeit 764 Flüchtlinge gemeldet. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien (265 Personen), aus dem Irak (160) und Afghanistan (113). Gut zwei Drittel sind Männer. Fast die Hälfte der Geflüchteten ist älter als 25 Jahre. In Lüneburg sind außerdem 117 Flüchtlingskinder im Alter bis sechs Jahren registriert, 120 im Alter von sieben bis 17 Jahren und 191 junge Erwachsene von 18 bis 24 Jahren. Konkrete Zahlen zu Berufen der Geflüchteten seien aufgrund lückenhafter Angaben schwierig, sagt Sarah Cramer von Clausbruch vom Pressereferat der Stadt. Die meisten Flüchtlinge gaben an, als Handwerker tätig gewesen zu sein, gefolgt von Arbeitern aus dem Bauwesen und dem Textil- und Bekleidungsmarkt.