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Zahnarzt Matthias König (l.) zeigt mit Ikbal Manafly, mit welchen Instrumenten in der Zahnarztpraxis in den 50er-Jahren gearbeitet wurde. Foto: ca
Zahnarzt Matthias König (l.) zeigt mit Ikbal Manafly, mit welchen Instrumenten in der Zahnarztpraxis in den 50er-Jahren gearbeitet wurde. Foto: ca

Zeitreise auf dem Behandlungsstuhl

Von Carlo Eggeling

Lüneburg. Die Dame strahlt auf dem Zahnarztstuhl, der Doktor blickt zufrieden und irgendwie ungemein männlich. Wer das Plakat etwas genauer liest, erfährt: Die Patientin lächelt nicht mehr mit dem eigenen Gebiss. Aber glücklicherweise gibt es Hilfe bei der Reinigung: „Mehr als 10000 Zahnärzte empfehlen Kukident.“ Das Blatt hing einst in der Praxis von Fritz Bocken Am Berge. Die ist umgezogen: Sie hat ihr neues Domizil in der Ausstellung zu den 50er-Jahren im Eselstall des Salzmuseums gefunden. Motto: „Au Backe!“

Pinzetten, Spiegel, Haken und Zahnersatz. Foto: ca
Pinzetten, Spiegel, Haken und Zahnersatz. Foto: ca

Am Sonntag, 21. August, laden die Museumsleute von 10 Uhr an zu einem Tag der offenen Tür ein. In der Sonderausstellung soll dann die Zeit von Petticoat und Tolle wieder aufleben, natürlich mit Käseigel und Kaltem Hund, dem Keks-Kokosfett-Schokolade-Kuchen.

Zahnarzt Bocken praktizierte an der Feld- und an der Bäckerstraße, schließlich zog er an den Berge 45. Nach seinem Tod kam seine gesamte Praxis 1999 ins Museumsdorf Hösseringen, von dort kehrte sie nun an die Ilmenau zurück als neuer Teil der Ausstellung im Salzmuseum.

In Schränken liegen Instrumente ordentlich aufgereiht: Haken, Spatel, Spiegel. Aber auch Zangen und ein „Beinscher Hebel“, der zum Ziehen und Herausbrechen von Zähnen benötigt wird. Matthias König, Zahnarzt in Bienenbüttel, hat geholfen, damit alles möglichst detailgetreu ausschaut. „In so einer Praxis hat mein Vater praktiziert“, erinnert sich der 65-Jährige. „Ich habe als Junge zugeschaut, wie er Gipsabdrücke machte.“ In Ober- oder Unterkiefer angepassten Formen wurde der Gips gegen die Zähne gepresst. „Der Patient musste sich dann vorbeugen und eine Speischale unter den Kopf halten. Speichel lief aus dem Mund.“

König steht neben dem verstellbaren Zahnarztstuhl, da verstellte der Doktor mit dem Fuß die Sitzhöhe mit einer Hydraulikpumpe. Als König 1984 in der Praxis seines Vaters als Zahnarzt begann, stand in einem Raum noch so ein Behandlungsstuhl. Der Kavo-Bohrer, das steht für den Hersteller Kaltenbach-Voigt, wurde mit Strom angetrieben, zwei dünne Stahlseile des Antriebs liegen offen. Es schaut alles deutlich rustikaler aus als heute.

Als Zeichen der Moderne gab es ein Waschbecken, in das der Patient ausspucken konnte. Das Gemisch aus Blut, Zahnresten, Wasser und vielleicht Eiter landete in einer Röhre. „Das wurde dann später ins Klo gekippt und weggespült“, erinnert sich König. Er zeigt auf ein Gefäß: „Da wird Myrrhe-Verdünnung drin gewesen sein.“ Die Tinktur nutzte der Arzt zum Ausspülen. Das Balsamgewächs wirke desinfizierend.

König holt Tuben und Dosen aus den Schränken. Crestin nahm Zahnarzt Bocken einst, um nach einer Behandlung einen Nerv abzutöten, es wirkt auch schmerzlindernd. Den Zahnzement Fixodont benötigte er, wenn er Kronen einsetzte. König hält einen braunen Klumpen in der Hand: „Das ist Abdruckpaste. Erwärmt funktioniert sie wie Knete, erkaltet sie, hat man den Abdruck.“ Diese eigentümliche Masse sei mehrfach verwandt worden. Gereinigt. Wie auch immer man das gemacht hat.

König sagt: „Man könnte noch heute mit dieser Einrichtung arbeiten, aber sie entspricht nicht mehr den Hygienerichtlinien des Robert-Koch-Instituts.“ Eins schafft der Zahnarztstuhl noch immer: ein mulmiges Gefühl. Das hat auch Ikbal Manafly, der Aserbaidschaner arbeitet im Museum und hat die Praxis nach altem Vorbild aufgebaut. Für ein Foto nimmt er Platz. Aber nicht so richtig gern. Wer macht das schon, wenn es heißt: „Ich muss ein bisschen bohren, aber das tut nicht weh.“