Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Das erste Vererdungsbeet der Amelinghausener Kläranlange ist jetzt ausgebaggert und die Klärschlamm-Erde als Dünger für die Landwirtschaft per LKW abtransportiert worden. Foto: t&w
Das erste Vererdungsbeet der Amelinghausener Kläranlange ist jetzt ausgebaggert und die Klärschlamm-Erde als Dünger für die Landwirtschaft per LKW abtransportiert worden. Foto: t&w

Klärschlamm aus der Heide an die Elbe

Von Dennis Thomas
Amelinghausen. Die Amelinghausener Klärschlamm-Erde landet jetzt auf Ackerflächen im und am Rande des Biosphärenreservats bei Bleckede. Das sei zulässig, betont die Landwirtschaftkammer (LWK) Niedersachsen. Es ist das vorerst letzte Kapitel in der Diskussion über die Verwertung der Klärschlamm-Erde aus dem ­Heideort. Bis Donnerstag wurde das erste Klärschlamm-Vererdungs-Beet am Amelinghausener Klärwerk geräumt und per Lkw-Kolonne nach Bleckede gebracht, bestätigt Bauamtsleiter Michael Göbel auf LZ-Nachfrage. Alleiniger Abnehmer der rund 1900 Kubikmeter Klärschlamm-Erde sei ein dort ansässiger Landwirt. Vor allem luden die Lkw in der Nähe von Radegast ihre in der Konsistenz an Komposterde erinnernde Fracht ab.

Grenzwerte nach Verordnung werden eingehalten

Zuvor hat die LWK sowohl die Klärschlamm-Erde als auch die für die Ausbringung vorgesehenen Ackerflächen beprobt auf verschiedene Nährstoffe und Schwermetallbelastung. Die Grenzwerte nach der Klärschlamm- sowie der strengeren Düngemittelverordnung werden eingehalten, heißt es. Der Cadmium-Wert, das hatten schon frühere Proben des Wasserversorgers Purena ergeben, lag bei der Klärschlamm-Erde nur knapp unter dem Grenzwert, bestätigt die LWK. Allerdings sei unter anderem der Phosphat-Bedarf der geplanten Fruchtfolge auf den Böden ein beschränkender Faktor, dürfe nicht die maximal zulässige Menge von fünf Tonnen Trockenmasse pro Hektar in drei Jahren aufgebracht werden, sondern nur zwischen zwei und 3,5 Tonnen.

7304369„In Nordost-Niedersachsen werden zirka 90 Prozent des anfallenden Klärschlamms in der Landwirtschaft verarbeitet“, sagt Jürgen von Haaren, Leiter der Fachgruppe Ländliche Entwicklung bei der LWK. „Klärschlamm ist ein wichtiger Phosphat-Träger und es ist sinnvoll, das wieder in den Kreislauf einzubringen.“ Phosphor gilt als wichtiger Bestandteil allen Lebens und die warnenden Expertenstimmen mehren sich, dass die Phosphat-Reserven der Welt zur Neige gehen. Deshalb muss Phosphor dem Naturkreislauf zurückgegeben werden.

Auch das Umweltministerium in Hannover spricht in der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Frühjahr von einem „essentiellen Nährstoff“, „dessen natürliche Vorkommen voraussichtlich in zirka 300 Jahren verbraucht sein werden.“

Doch bei der Ausbringung von Klärschlammresten werden nicht nur Phosphor, sondern wahrscheinlich auch Arnzeimittelrückstände auf den Acker gegeben (LZ berichtete). Und als größter Verursacher für Arzneien im Abwasser gelten die privaten Haushalte. „Das ist ein Punkt, der auch bei uns diskutiert wird“, sagt von Haaren. „Da muss man aber mit der Pharmaindustrie sprechen, damit vermehrt Medikamente mit abbaubaren Wirkstoffen hergestellt werden.“ Derzeit schätzt von Haaren allerdings die Notwendigkeit, Phosphor für die Landwirtschaft zu erhalten, höher ein, als die Nachteile durch mögliche Arnzeimittelrückstände. Allerdings gelten in der Wissenschaft die Folgen einer Jahrzehnte andauernden Wirkstoffaufnahme, auch von Kleinstmengen, als ungeklärt.

Wirtschaftliche und technisch ausgereifte Alternativen fehlen

Die Amelinghausener Grünen hatten sich in den vergangenen Monaten zunächst gegen eine Ausbringung der Klärschlamm-Erde und für eine Verbrennung ausgesprochen. Jedoch gibt es offenbar derzeit weder wirtschaftliche noch technisch ausgereifte Alternativen, die bei einer Verbrennung auch eine akurate Rückgewinnung des lebenswichtigen Stoffes Phosphor ermöglichen.

Nun landet der Amelinghausener Klärschlamm in der Elbtalaue. Tatsächlich wäre eine Ausbringung im sogenannten Schutzgebietsteil C des Biosphärenreservats verboten, sagt von Haaren. Die von der LWK begutachteten Äcker befinden sich aber außerhalb dieser Kategorie, versichert der Fachgruppenleiter. Eine grundsätzliche Einschränkung gäbe es aber: „Klärschlamm kann Krankheitskeime enthalten. Deshalb darf er beispielsweise nicht auf Feldern ausgebracht werden, auf denen Speisekartoffeln und Gemüse angebaut wird“, sagt von Haaren. Spätestens nach einem Jahr sei davon auszugehen, dass die Krankheitskeime im Boden abgetötet seien. Diese Karenzzeit gelte aber zum Beispiel nicht für den Anbau von Zuckerrüben, Raps oder aber Getreide.

Hintergrund

Die Samtgemeinde Amelinghausen war 2002 die erste Kommune im Kreis Lüneburg, die Klärschlamm im ökologischen Vererdungsverfahren verarbeitet hat. Chemische Zusatzstoffe sind in Amelinghausen nicht eingesetzt worden. Deshalb könnte auch für die Heidjer eine Übergangsfrist bis Ende 2024 gelten, um die Klärschlämme weiter in der Landwirtschaft zu verwerten.

Denn derzeit stimmen Berliner Ministerien sowohl die Änderung der Klärschlamm- als auch der Düngemittelverordnung ab. Verschiedene Verbände setzen sich aber dafür ein, die geplanten Schwellenwerte anzuheben. Sollten bislang Kläranlagen ab 10000 Einwohnerwerten ihren behandelten Klärschlamm nicht mehr landwirtschaftlich verwerten dürfen, soll die Regelung künftig erst ab 50000 Einwohnerwerten gelten, so eine Forderung. Diskussionsbedarf besteht aber auch noch bei einer verpflichtenden Klärschlammverbrennung und der Phosphorrückgewinnung. dth

Regionale Verwertungsquote deutlich über Bundesdurchschnitt

Mit einer Verwertungsquote der anfallenden Klärschlämme von 90 Prozent liegt die Region Nordost-Niedersachsen gegen den Trend deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) wurden im Jahr 2014 noch 26 Prozent des bundesweit anfallenden Klärschlamms in der Landwirtschaft eingesetzt und rund zwölf Prozent im Landschaftsbau.

Der Anteil des in der Landwirtschaft, beim Landschaftsbau sowie bei sonstiger stofflicher Verwertung eingesetzten Klärschlamms verringerte sich von 42 Prozent im Jahr 2013 auf 40 Prozent im Jahr 2014. Langfristig sei ein deutlich rückläufiger Trend bei der Verwertung von Klärschlamm in der Landwirtschaft zu beobachten. Von 2007 bis 2014 ist sie um rund 20 Prozent zurückgegangen, heißt es.

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland mehr als 1,8 Millionen Tonnen Klärschlamm (Trockenmasse) von öffentlichen Abwasserbehandlungsanlagen entsorgt. Wie Destatis weiter mitteilt, ist die Menge des entsorgten Klärschlamms im Vergleich zum Vorjahr um 1,2 Prozent gestiegen. Mit rund 1,1 Millionen Tonnen (60 Prozent) wurde der überwiegende Teil des Klärschlamms verbrannt. Dies entspricht einer Steigerung von 4,8 Prozent gegenüber 2013. lz