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Der 59-jährige Angeklagte betritt Saal 21 im Lüneburger Landgericht, dort erwartet ihn sein Verteidiger Kurt-Peter Bulang (l.). Foto: phs
Der 59-jährige Angeklagte betritt Saal 21 im Lüneburger Landgericht, dort erwartet ihn sein Verteidiger Kurt-Peter Bulang (l.). Foto: phs

Prozess um erschlagenen Lehrer fortgesetzt

Von Rainer Schubert
Lüneburg. Er hat einen Lehrer im Keller dessen Celler Hauses mit einem Feldstein und einer Stange erschlagen. Das hat ein 59 Jahre alter Flüchtling aus Afghanistan am Dienstag zum Prozessauftakt vor der 4. Großen Strafkammer am Landgericht gestanden, ihm wird Totschlag vorgeworfen. Als Motiv nannte der Angeklagte: Der 55-jährige Lehrer, der sich ehrenamtlich als Übersetzer in der Flüchtlingsarbeit engagierte, habe seine zur Tatzeit 20 Jahre alte Tochter heiraten wollen — ihm als Vater sei der Altersunterschied aber zu groß gewesen, es sei zum Streit gekommen. Ein Motiv, das ihm das Gericht aber offensichtlich nicht abkauft. Denn weder die Tochter noch seine Ehefrau, auch nicht Menschen aus seinem Umfeld hatten je von einer geplanten Ehe gehört.

Mit Stein auf Kopf des Opfers eingeschlagen

Es war der 9. Februar 2016. Als der als zuverlässig geltende Lehrer mit iranischen Wurzeln nicht zu den ersten Vertretungsstunden in seiner Celler Gesamtschule auftauchte, fuhren der Konrektor und eine Kollegin zu seinem Haus — und machten eine grausame Entdeckung: Im Keller lag die Leiche des Kollegen in einer großen Blutlache, das Gesicht war eingeschlagen, nicht mehr zu erkennen.

Nach seiner Festnahme Tage später sagte der Mann aus Afghanistan bei der Haftrichterin aus, er habe im Streit den Mann geschubst und mit einem im Keller liegenden Stein auf den Kopf des Opfers eingeschlagen, ihn auch mit einer Stange getroffen. Am Dienstag allerdings präsentierte er dem Gericht eine völlig andere, deutlich harmlosere Variante: Der Lehrer habe angefangen, ihn geschubt, dann erst habe er ihn geschubst, der Lehrer sei zu Boden gegangen und habe dann mit einem Stein nach ihm, dem Angeklagten, geworfen. Erst dann sei er auf den Lehrer losgegangen.

Vorangegangen war, so die Darstellung des Angeklagten, eine wochenlange Auseinandersetzung um die von dem Lehrer geforderte Hochzeit mit der Tochter gewesen. Der Lehrer habe ihn erniedrigt und unter anderem gedroht, er könne dafür sorgen, dass der Vater in seine Heimat Afghanistan ausgewiesen werde, dessen Familie aber in Celle bleibe: „Da habe ich nur noch rot gesehen.“ Am Abend vor der Tat habe der Lehrer ihm eine letzte Frist gesetzt, sei dann zu dessen Haus gegangen: „Ich wollte ihm meine Tochter nicht geben und sagte: ,Du kannst ihr Großvater sein“, erzählte der sechsfache Familienvater, dessen Ehefrau selbst knapp 20 Jahre jünger ist als er. Der Angeklagte verstrickte sich in etliche Widersprüche, sodass der Vorsitzende Richter Franz Kompisch ihm vorhielt: „So wies hier läuft, wird das nichts. Bleiben Sie bei Ihrer Geschichte, dass es nur um Ihre Tochter ging?“ Er blieb dabei.

Mann verstrickt sich in Widersprüche

Die Fragen der Richter zielten auf ein mögliches anderes Motiv, Kompisch: „Fühlten Sie sich von dem Opfer aus Ihrer Rolle als Familienoberhaupt rausgedrängt?“ Der 59-Jährige antwortete mit „Ja“, er habe aber zunächst keine Probleme mit dem Mann gehabt. Kennengelernt hatten sie sich, als die Flüchtlingsfamilie im Dezember 2015 nach Celle kam: Die krebskranke Ehefrau kam für 20 Tage in eine Klinik, der Dolmetscher war jeden Tag am Krankenbett, um etwa fürs Klinikpersonal zu übersetzen.

Und nach ihrer Entlassung war er jeden Abend zu Gast in der Wohnung der afghanischen Familie, übersetzte dort beispielsweise für ein spezielles Pflegepersonal, blieb danach auch mal zum Essen. Die Beziehung war so eng, dass ein Iman in einer Zeremonie den Dolmetscher zum „Bruder“ der Frau weihte. Der Angeklagte: „Nach islamischem Glauben muss man ,Bruder werden, wenn man mit Frauen sprechen oder für sie übersetzen will.“ Die Frage, ob er eifersüchtig auf den Lehrer gwesen sei, beantwortete der 59-Jährige mit einem Nein.

Die Anklage geht davon aus, dass der 59-Jährige im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit gehandelt hat, er soll unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung leiden. Wird er verurteilt, könnte das Gericht neben der Freiheitsstrafe auch eine Unterbringung in der Psychiatrie anordnen. Der Prozess wird fortgesetzt.