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Seit drei Wochen bohrt Coca-Cola in Ochtmissen. Der Lärm, spärliche Informationen und die Verunstaltung einer Ausgleichsfläche sorgt für Unmut bei Anwohnern. Foto: t&w
Seit drei Wochen bohrt Coca-Cola in Ochtmissen. Der Lärm, spärliche Informationen und die Verunstaltung einer Ausgleichsfläche sorgt für Unmut bei Anwohnern. Foto: t&w

Bohrer in Ochtmissen geht auf die Nerven

Von Ulf Stüwe
Lüneburg. Hans Walter Westermann reichts. „Seit fast drei Wochen wird neben unseren Grundstücken gebohrt, von morgens bis spät in den Abend, das ist eine Zumutung!“, empört sich der Ochtmisser. Er ist Anwohner der Straße In der Kemnau, unweit seines Grundstücks bohrt Coca-Cola für einen weiteren Grundwasserbrunnen. Der Lärm ist nicht das Einzige, was den Ochtmisser ärgert.

„Die Bohrarbeiten finden auf einer Ausgleichsfläche statt, die vor einigen Jahren für viel Geld hergestellt wurde“, schimpft Westermann. Dabei seien auch die Anwohner zur Kasse gebeten worden. „Jetzt sieht es dort aus wie auf einem Schlachtfeld. Wer genehmigt sowas?“ Ihn ärgert auch, dass die Anwohner von der Stadt nicht über die Arbeiten informiert wurden: „Es kam lediglich ein Mitarbeiter der Bohrfirma vorbei, der an der Haustür klingelte und sagte, dass demnächst gebohrt würde.“ Von einem Bauarbeiter am Bohrfeld erfuhr er, dass dort drei Bohrungen stattfänden, 250, 150 und 50 Meter tief.

„Sämtliche Bohrungen, auch die in Ochtmissen, haben wir mit der Stadt abgestimmt. Ein entsprechender Gestattungsvertrag liegt vor“, erklärt Ulrike Meier, Pressesprecherin von Coca-Cola. Zusätzlich sei eine Begehung der Fläche mit dem städtischen Bereich Forsten und Wald erfolgt. Nach Beendigung der Arbeiten werde man die Fläche wieder einebnen und neu einsäen lassen.

Wie berichtet, plant Coca-Cola einen dritten Mineralwasserbrunnen, um die Nachfrage nach seinen „Vio“-Produkten abzusichern. Derzeit darf das Unternehmen 350.000 Kubikmeter Grundwasser pro Jahr fördern — die könnten bereits von jedem einzelnen der beiden bestehenden Brunnen gefördert werden. Warum dennoch ein dritter Brunnen benötigt wird, erklärt Meier damit, dass man sich vor dem Hintergrund zunehmender Nachfrage „beizeiten für künftiges Wachstum wappnen“ wolle. Dafür spricht auch, dass in Lüneburg derzeit Vorarbeiten für eine Erweiterung stattfinden, wie Meier bestätigt. Ein Ausbau sei aber noch nicht beschlossen.

Unternehmen erwägt eine Erweiterung

Welche Fördermengen Coca-Cola anpeilt, will das Unternehmen nicht verraten: „Eine genaue Aussage dazu können wir erst nach Fertigstellung der Erkundung, Abschluss der Pumpversuche und Analyse der Ergebnisse machen.“ Die Bohrungen — für den Brunnen sowie für Messstellen für die Beobachtung von Grundwasserständen, die Auswirkung der geplanten Förderungen sowie künftige Beweissicherungsverfahren — sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Erst nach danach soll entschieden werden, ob ein Antrag auf wasserrechtliche Genehmigung für den dritten Brunnen gestellt wird.

Hans Walter Westermann hätte sich bereits jetzt Aufklärung gewünscht, was vor seiner Haustür passiert: „Warum darf Coca-Cola unser Grundwasser abpumpen und damit Geld verdienen? Was sind die Folgen für uns und die Natur? Wer trägt Verantwortung, wenn Risse in unseren Häusern entstehen?“ Weder von der Stadt noch vom Ochtmisser Ortsbürgermeister habe er dazu etwas gehört.

Ortsbürgermeister Jens-Peter Schultz weist die Kritik zurück. „Ich habe in der letzten Ortsratssitzung über die geplante Bohrung informiert und auf meiner Facebookseite.“ Doch mehr, als in der Zeitung stehe, könne er dazu nicht sagen. Von der Stadt habe er ebenfalls nichts erfahren, „ich fühle mich selbst verarscht“.

Die Stadt entgegnet, sie habe im Umweltausschuss berichtet, ebenso habe es Informationen im Ortsrat Ochtmissen gegeben. Zudem sei Coca-Cola verpflichtet worden, die Öffentlichkeit zu informieren. „Es tut uns leid, wenn Anwohner dennoch das Gefühl haben, nicht ausreichend informiert worden zu sein oder diese Informationen sie nicht erreicht haben“, sagt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck. Im Übrigen müssten Bohrungen dieser Art nur angezeigt werden. Die Auswirkungen einer Förderung würden später in einem wasserrechtlichen Verfahren „unter intensiver Beteiligung der Öffentlichkeit geklärt“, sagt Moenck. Nicht erlaubt aber seien Arbeiten nach 20 Uhr.

Gespräch am Bohrturm

Lüneburg. Die Stadt reagiert auf die in der LZ laut gewordene Kritik an den Bohrarbeiten in Ochtmissen. Am Freitag will sie das Gespräch mit Anwohnern führen. „Es ist üblich bei den Verantwortlichen der Stadt, die Sorgen der Bürgern ernst zu nehmen und das direkte Gespräch zu suchen, wenn sie sich an die Verwaltung wenden“, sagt Umweltdezernent Markus Moßmann. Mit Ortsbürgermeister Jens-Peter Schultz steht er ab 15 Uhr vor Ort für Fragen und Informationen zu den Bohraktivitäten von Coca-Cola zur Verfügung. us

4 Kommentare

  1. „Die Bohrarbeiten finden auf einer Ausgleichsfläche statt, die vor einigen Jahren für viel Geld hergestellt wurde“

    Tja, so läuft das wohl wenn der Wirtschaft der rote Teppich ausgerollt wird – da fragt man sich, warum
    man überhaupt Ausgleichsflächen für Bodenversiegelung schafft, wenn diese dann sowieso nicht geschützt werden?
    Bei wie vielen Ausgleichsflächen lief oder läuft das so ähnlich ab?

    „Nach Beendigung der Arbeiten werde man die Fläche wieder einebnen und neu einsäen lassen.“

    Naja ,außer die Stelle ist für den 3.Brunnen geeignet, oder?

    „Erst nach danach soll entschieden werden, ob ein Antrag auf wasserrechtliche Genehmigung für den dritten Brunnen gestellt wird.“

    Wird doch bei Einreichung gleich automatisch genehmigt – man will doch einem Weltunternehmen wie Coca-Cola keinen Stock zwischen die Beine werfen. Und VIO-(Grund)Wasser ist doch neben dem Rote-Rosen-Trauerspiel eine überlebensnotwendige Werbung für Lüneburg, da wir ja hier scheinbar touristisch aus dem letzten Loch pfeiffen.

  2. Christoph Stannik

    Nur etwa 150 Meter noerdlich von den Bohrungen In der Kemau, auf der Suedseite des Voegelser Strasse, war die alte Ochtmisser Schuttkuhle . Neben Schutt vom Abbruch des Lueneburger Eisenwerks in den 1970ern wurden dort auch vereinzelt Autos und andere Kommerzmuell abgeladen. Seitdem ist natuerlich schon reichlich Grundwasser in Richtung Elbe durchgeflossen, aber falls Coke wirklich einen Brunnen In der Kemau haette wuerde der wohl auch Grundwasser aus dem Bereich der alten Schuttkuhle ansaugen. Prost!

  3. Ich empfinde es als ein Unding das hier ein Allgemeingut (Grundwasser) von einem Unternehmen kostenlos(!) abgebaut werden darf und dann in alle Welt verschickt wird. Das betrifft natürlich nicht nur Coca Cola sondern auch sämtliche anderen Unternehmen die Wasser der Allgemeinheit entziehen ohne eine Gegenwert zu schaffen.

    Man sollte mal darüber nachdenken ob es nicht sinnvoller wäre, wenn die ganzen Saft/Softdrink/Selter Unternehmen nur noch eine Art Pulver bzw. die Kohlensäure mit Markenspezifischen Zusätzen verkaufen dürfen. Der Verbraucher kann das ganze dann zuhause Mixen.

    Funktioniert ja prinzipiell wie man bei McDonalds und Burgerking usw. sehen kann, die haben ja auch keine Getränke sondern nur eine Art Syrup der vor Ort mit Wasser vermengt wird und mit Kohlensäure versetzt wird.

  4. Für mich grenzt es eh an einen Geniestreich einfaches Grundwasser in Flaschen zu füllen und dann teuer zu verkaufen. Aber es hat mich auf eine Idee gebracht.

    Ich habe einen Brunnen auf dem Grundstück aus dem Wasser reinster Güte „sprudelt“. Ich habe es in einem Labor untersuchen lassen. Jetzt muss ich nur noch einen Lieferanten für die Flaschen finden und dann… Geh ich an die Börse und mache Coca-Cola Konkurrenz. Danke Coke für die Idee und den Mut das Wasser, das in allen Lüneburger Haushalten aus dem Hahn kommt teuer zu verkaufen.