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Dr. Jürgen Kaiser untersucht einen kleinen Jungen, nachdem er bei dessen Schwester eine schwerwiegende Durchfallerkrankung diagnostiziert hat. Foto: nh
Dr. Jürgen Kaiser untersucht einen kleinen Jungen, nachdem er bei dessen Schwester eine schwerwiegende Durchfallerkrankung diagnostiziert hat. Foto: nh

Eine Rollende Klinik für die Ärmsten

Lüneburg. Jeder Mensch hat das Recht auf medizinische Versorgung unabhängig von seiner Herkunft, seiner Religion, politischen Meinung oder sonstigen Unterscheidungsmerkmalen. Das ist die Überzeugung der Organisation German Doctors, die ehrenamtliche Arzteinsätze in Slums und ländliche Regionen vieler Entwicklungsländer koordiniert. Für German Doctors erneut im Einsatz war jetzt der Lüneburger Dr. Jürgen Kaiser. Er versorgte bedürftige Patienten in abgelegenen Regionen der philippischen Insel Mindanao.

In den kleinen Bergdörfern herrscht große Armut

Mindanao ist die südlichste Insel der Philippinen. In den kleinen Bergdörfern leben die Menschen in großer Armut, die medizinische Versorgung ist vielerorts nicht gewährleistet. Ziel der German Doctors ist es, „eine langfristige basismedizinische Versorgung zu gewährleisten“, sagt Kaiser, der dort nach 2012 zum zweiten Mal für acht Wochen im Einsatz war. Zum Auftakt war er zwei Wochen in einer der beiden Kliniken tätig, die die Organisation in Valencia und Buda vor Jahren aufgebaut hat. Wichtig, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, was dort geleistet werden kann.

Danach ging es los mit der „Rolling Clinic“. Ein Jeep, an Bord medizinisches Equipment, Medikamente und Kondome auch ein zusammenklappbarer Zahnarztstuhl war dieses Mal dabei. Kaiser, eine Zahnärztin, ein Fahrer sowie eine Übersetzerin steuerten damit zehn Tage lang täglich ein Dorf tief im Inneren der Insel an. Zum Teil ging es in unwegsame Regionen. „Dann mussten wir zu Fuß weiter oder auf Motorcross-Rädern, auf denen alles Notwendige in Kisten verpackt war, obendrauf saßen wir.“ Bei den einzelnen Anlaufstellen waren im Vorfeld schon an Bäumen Zettel angebracht, dass der German Doctor kommt. Bis zu drei Stunden Fußmarsch nehmen manche Patienten in Kauf, damit sie oder ihre Kinder medizinisch versorgt werden. Denn Busse gibt es in der unwegsamen Region kaum, und eine Fahrt mit einem Motorcross-Fahrer können sich die meisten nicht leisten.

Sprechzimmer im Freien

Als Sprechzimmer dient meist die spartanische Terrasse eines Hauses oder ein Holzüberstand, die Seiten werden mit Tüchern verhüllt. Davor warten bis zu 100 Patienten, die ihren Doctor mit einem Lied begrüßen. Bevor die Sprechstunde beginnt, hält eine Dolmetscherin einen Vortrag, zum Beispiel zu Hygiene, Familienplanung und Kinderernährung. „Unterernährung bei Kindern ist ein massives Problem. Ist die Situation lebensbedrohlich, kommt das Kind in eine unserer Kliniken, danach wird Zusatznahrung gestellt.“ Vor Ort gebe es zudem Healthworker (Gesundheitshelfer), die alle zwei Wochen zur Gewichtskontrolle einladen und wenn nötig, unterstützende Maßnahmen ermöglichen.

Hauterkrankungen, Lungenentzündungen, die unbehandelt zum Tode führen, schwere Durchfallerkrankungen und Tuberkulose all das führt die Menschen zu Kaiser. Medikamente wie Behandlung sind kostenlos. Der Mediziner legt über jeden Patienten eine Karteikarte an, damit der nächste German Doctor informiert ist. Dann bekommt der Kranke abgezählt zum Beispiel Tabletten mit. Kaiser, der bis zu seiner Rente 34 Jahre eine Praxis als Allgemeinmediziner in Lüneburg hatte, sagt: „Es ist wichtig, dass man als Arzt Erfahrung hat, wenn es um Dosierungen geht.“ Denn oft kommt der nächste Mediziner erst Monate später wieder, bei nicht ausreichender Medikation kann das zum Beispiel bei Lungenentzündungen fatale Folgen haben. Bei Tumoren muss der Arzt auch ohne Diagnose-Geräte entscheiden, ob der Patienten noch behandelbar oder sich eine Schmerztherapie empfiehlt. Auch die Kosten dafür werden von der Organisation übernommen.

Hälfte der Flugkosten tragen Mediziner aus eigener Tasche

Die German Doctors arbeiten nicht nur unentgeltlich, sie tragen auch die Hälfte der Flugkosten. Vor Ort wird ihnen Unterkunft, eine Isomatte und eine Schöpfkelle fürs Wasser zum Duschen gestellt. „Das geht viel besser als eine schlecht laufende Dusche“, sagt Kaiser pragmatisch. Was ihn motiviert: „Man kann mit wenig Aufwand viel erreichen. Und die Patienten geben einem viel zurück.“ Dann erzählt er von dem jungen Mädchen, dass er bei seinem ersten Einsatz in Mindanao getroffen hatte. Die damals 15-Jährige hatte nach einem Motorradunfall einen Oberschenkelbruch, musste operiert werden. „Damals, als sie das erste Mal als Patientin zu mir kam, waren die Fäden nach Wochen noch nicht gezogen. Und man hatte ihr gesagt: bloß nicht bewegen. Das hätte unweigerlich dazu geführt, dass das Bein versteift wäre. Ich habe dann die Fäden ausgebaggert und anschließend mit ihr geturnt.“ Die Übungen habe sie dann anschließend regelmäßig gemacht. „Als ich jetzt wieder in der Region war, hat man mir erzählt, dass die junge Frau wieder wunderbar laufen kann.“ Eine kleine Stellschraube also mit großer Wirkung.

Der Lüneburger Arzt weiß aber auch: „Begrenzender Faktor für die Arbeit der German Doctors ist das Spendenaufkommen.“ Wer helfen möchte, findet weitere Informationen unter www.german-doctors.de im Internet. Von Antje Schäfer