Aktuell
Home | Lokales | Der Rangierbahnhof Maschen und seine Harfenspieler
Der Rangierbahnhof Maschen erstreckt sich auf rund 50 Hektar Fläche. Hunderte Mitarbeiter nutzen die Decatur-Brücke, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen. Foto. dth
Der Rangierbahnhof Maschen erstreckt sich auf rund 50 Hektar Fläche. Hunderte Mitarbeiter nutzen die Decatur-Brücke, um zu ihren Arbeitsplätzen zu kommen. Foto. dth

Der Rangierbahnhof Maschen und seine Harfenspieler

Maschen. Uuiiiiiiiiiiiiek. Pfiiiitpfiitpfit. Uuiiiiiiek. Schhsch. Pfffft. Der Waggon rollt. Allein und langsam bergab. Bis er in einem von 48 Gleissträngen zum Stehen kommt, Teil eines neuen Zuges wird. Ein bisschen wie beim Spiel Tetris. „Der Rangierbahnhof Maschen ist eigentlich ganz einfach. Wenn man verstanden hat, wie er funktioniert“, sagt Manfred Stobrave und lächelt zufrieden.

Der 55-Jährige aus Lübeck ist bei DB Cargo Leiter des Produktionsstandortes Maschen, dem größten Rangierbahnhof Europas. Die LZ führte er jetzt über das rund 50 Hektar große Gelände mit rund 300 Gleiskilometern. Hier werden täglich Hunderte Meter lange Güterzüge aufgelöst, neu zusammengefügt und auch auf die Strecke Lüneburg weiter auf die Reise geschickt, beispielsweise nach Süddeutschland, Italien oder Österreich.

Ein Besuch auf dem Rangierbahnhof

700 Meter breit und sieben Kilometer lang

Manfred Stobrave, Leiter des Produktionsstandortes Maschen, hat den Überblick. Foto: dth
Manfred Stobrave, Leiter des Produktionsstandortes Maschen, hat den Überblick. Foto: dth

Betrachtet man den Rangierbahnhof Maschen aus der Luft, fällt die ungewöhnliche Form der insgesamt 700 Meter breiten und sieben Kilometer langen Zugbildungsanlage (ZBA) ins Auge: Markant sind die großen Gleisfelder von jeweils 16 bis 48 angeschlossenen Gleisen nebenein­ander. Der kleine Gleisfächer ist für die Einfahrt, der größere für die Ausfahrt. Sie sind an der schmalsten Stelle durch ein einziges Gleis verbunden, das über einen kleinen, fünf Meter hohen Berg führt. Das Gleis fächert sich dann zum Ausfahrtbereich hin wieder in weitere Gleisstränge auf bishin zu einem rund einem Kilometer langen Feld aus „Harfen“. Stobrave: „Das sind immer acht Gleise.“ Mal acht. Und die Harfenspieler sitzen in zwei fünfstöckigen Stellwerken zwischen zwei Schienenfeldern am Berg und ziehen die Strippen.

Von dem Ein- und Ausfahrtsystem gibt es zwei, für den Verkehr in Süd-Nord- (Hamburg und Skandinavien) und gespiegelt in ähnlicher Größe in Nord-Süd-Richtung (Bremen und Süddeutschland). In alle Himmelsrichtungen sind dabei im Bereich des Rangierbahnhofs Maschen rund 200 E-Loks der DB Cargo im Einsatz. Über 500 Mitarbeiter arbeiten hier und im Gleisbereich rund um die Uhr, täglich bis auf zwei Feiertage. Mit Instandhaltung und Werkstattbetrieb summiert sich die Mitarbeiterzahl sogar auf bis zu 750, sagt Stobrave.

In der Schaltzentrale

Christian Möller arbeitet als Bergmeister, achtet darauf, dass Güterzüge sicher zusammengesetzt werden. Foto: dth
Christian Möller arbeitet als Bergmeister, achtet darauf, dass Güterzüge sicher zusammengesetzt werden. Foto: dth

Rund einen Kilometer bevor ein Zug aus Richtung Süden den Rangierbahnhof Maschen erreicht, kommt er in den Einflussbereich von Fahrdienstleiter Günther Czodrowski. Der sitzt mit dem Rücken vor einer abgedunkelten Fensterfront im dritten Stockwerk, durch die an den Rändern das Sonnenlicht strahlt, und schaut hochkonzentriert auf eine Phalanx aus Monitoren. Tiefer in dem großen Raum erhebt sich eine große graue Schaltwand aus den 1970er-Jahren mit Linien, Lämpchen und Schaltern. „Ich stelle die Signale und Weichen, damit die Lokführer ihr Ziel erreichen“, sagt Czodrowski.

Stobrave erklärt: „Sobald ein Güterzug nach einer Eingangskontrolle, unter anderem der Frachtbriefe, im Einfahrtsbereich der Zugbildungsanlage ankommt, fährt die Streckenlok davor, und von hinten kommt eine sogenannte Berg-Lokomotive.“ Die schiebt die Güterwaggons Stück für Stück auf die kleine Bergkuppe. Ein Mitarbeiter im Gleis läuft vorher am Zug entlang und löst die Bremsen der Waggons und die Kopplungen zwischen jenen Waggons, die nun auf unterschiedlichen Strecken weiterfahren sollen.

„Christian! Nach 44-67 und nach 39-24 und 56!“ knistert die laute Stimme aus dem Funkgerät auf dem Schreibtisch von Bergmeister Christian Möller. Der sitzt in seinem Pilotensessel, nickt wissend und sagt: „Meine Aufgabe ist es, den gesamten Ablaufbetrieb nicht nur zu beobachten, sondern auch zu verantworten aus der Kenntnis, was der Rechner vorgibt und wann ich im Störungsfall eingreifen muss.“

Schlag auf Schlag ab 18 uhr

Eine rote Rangierlok schiebt den Strang Güterwaggons auf den Scheitelpunkt des kleinen, fünf Meter hohen Hügels. Bis die Schwerkraft ihren Dienst tut und zwei Waggons gemächlich in das zweite Gleisfeld rollen. Alle paar Meter sind an den Gleisen Kontakte, die die Geschwindigkeit des Güterwagons neu bemessen, die beeinflusst wird durch Wind, Wetter und Laufeigenschaften des Wagens. Möller: „Es ist immer unterschiedlich.“ Falls doch ein Waggon kurz vor seinem Ziel im Gleis schon im Ablaufbereich stehen bleibt, „haben wir immer noch die Möglichkeit, mit einer Rangierlok runterzufahren und ihn reinzuschieben“. Die Wagen gleich mit der Rangierlok an Ort und Stelle zu bringen, sei hingegen zu zeitaufwändig und kostspielig.

Der nächste Zug in Richtung München ist neusortiert, zusammengekoppelt und abfahrbereit. Ab hier übernimmt wieder die Streckenlok. Stobrave: „Die Züge gehen dann beispielsweise zu einer weiteren Zugbildungsanlage in Süddeutschland, wo dann die Feinverteilung passiert.“

Insgesamt stehen derzeit für den Süd-Nord-Bereich 48 Ausfahrtsgleise zur Verfügung, in der Gegenrichtung nach Süden 40. Stobrave sagt: „Wir haben noch Reserven, könnten acht beziehungsweise 16 Gleise noch zusätzlich aktivieren.“ Damit und durch eine höhere Frequenz könnten die Kapazitäten theoretisch verdoppelt werden. Stobrave: „Wir steigen in den Zeitfenstern mit dem Güterverkehr ein, wenn nicht so viel Personenverkehr auf der Schiene ist. Bei uns beginnt das Leben und Toben ab zirka 16 Uhr mit den ersten Übergaben aus dem Hamburger Hafen beziehungsweise aus Schleswig-Holstein. Und ab 18 Uhr geht es Schlag auf Schlag, dass die Güterzüge auf die Strecke gehen und das eigentlich die ganze Nacht lang.“

Drehscheibedes Nordens

Der Rangierbahnhof Maschen ist der größte seiner Art in Europa und somit die wichtigste Drehscheibe des Nordens. Neben der Funktion als internationales Drehkreuz nach Skandinavien mit direkten Verbindungen zur Zugbildungsanlage (ZBA) in Dänemark und Schweden sowie zur Sammlung und Verteilung von Einzelwagen im Bereich Lüneburg, Hamburg und Schleswig-Holstein hat sie eine Schlüsselfunktion für die Hinterlandanbindung vor allem der großen Nordseehäfen Bremerhaven, Hamburg sowie des Ostseehafens Lübeck.

Bis zu 130 ankommende und abfahrende Güterzüge werden werktäglich in Maschen behandelt. Die maximale Rangierleistung beträgt rund 3800 Wagen pro Tag. Schätzungsweise 60 Prozent der Güterzüge aus dem Hamburger Hafen, Schleswig-Holstein und Skandinavien, die über die Strecke Maschen fahren, werden im Rangierbahnhof behandelt. Die maximalen Güterzuglängen Richtung Süden betragen 740, in Richtung Norden sind es 835 Meter.