Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Wer hat in der Hand, was wir essen? Kritiker der Monsanto-Übernahme durch die Bayer AG fürchten, dass in Zukunft der neue Konzern allein in der Hand hat, was die Menschheit isst und was auf den Feldern der Welt wächst. Foto: phs
Wer hat in der Hand, was wir essen? Kritiker der Monsanto-Übernahme durch die Bayer AG fürchten, dass in Zukunft der neue Konzern allein in der Hand hat, was die Menschheit isst und was auf den Feldern der Welt wächst. Foto: phs

Alle Macht in Bayers Händen

Lüneburg. Es ist ein historischer Deal: Für 66 Milliarden Dollar kauft die Bayer AG den US-Saatgutkonzern Monsanto und wird damit weltweit zur Nummer eins im Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutz. Bayer-Chef Werner Baumann nennt die Übernahme eine „außergewöhnliche Möglichkeit“. Für den Lüneburger Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), ist der Deal eine „Kampfansage an die Zivilgesellschaft“. Was genau seine Sorgen sind und warum der Kampf David gegen Goliath trotzdem Sinn macht, darüber spricht Janßen im LZ-Interview.

Interview

Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), fordert eine von Konzernen unabhängige Pflanzenzucht. Foto: phs
Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), fordert eine von Konzernen unabhängige Pflanzenzucht. Foto: phs

Herr Janßen, Bayer übernimmt den US-Saatguthersteller Monsanto. Was bedeutet das für uns als Lüneburger Verbraucher?
Georg Janßen: Ohne die weltweite Arbeit von Bauern und Gärtnern mit Saat- und Pflanzgut gibt es keine Lebensmittel. Wenn jetzt drei multinationale Konzerne das Saatgutmonopol haben, können sie bestimmen, was auf die Teller kommt auch auf unsere. Das hat ein gewisses Erpressungspotenzial, deshalb kämpfen wir für Vielfalt auf den Äckern und auf den Tellern.

Was bedeutet der Milliarden-Deal für Lüneburgs Bauern?
Janßen: Mein Opa pflegte zu sagen, wer die Saat hat, hat das Sagen. Deshalb ist es so wichtig, sich nicht in die vollständige Abhängigkeit der Saatgutkonzerne zu begeben. Wenn jetzt die Nummer eins beim Pestizidmarkt die Nummer eins beim Saatgutmarkt übernimmt, müssen wir uns als Bauern fragen, wohin soll die Landwirtschaft sich bewegen? Wir wollen, mehr in Richtung umweltschonenden Ackerbau gehen, die eigenständige bäuerliche Saatgutarbeit weiter vorantreiben, in dem wir das jahrhundertealte Recht auf Nachbau von Saatgut wahrnehmen. Und wir wollen eine Stärkung der ökologischen Pflanzenzüchtung, die unabhängig von den Chemiekonzernen umwelt-, klima- und ressourcenschonend enorm wichtige Arbeit leistet. Diese muss von Bundes- und Landesregierungen sehr viel stärker finanziell unterstützt werden.

Nach Bekanntgabe des Deals haben Sie die Übernahme als Kampfansage an die Zivilgesellschaft bezeichnet. Was genau meinen Sie damit?
Janßen: Die Kampfansage von Bayer und dem Saatgutriesen Monsanto liegt darin, dass sie die Lebensmittelerzeugung vom Acker des Bauern bis zum Teller des Verbrauchers in den Griff bekommen wollen. Der internationale Saatgut- und Lebensmittelmarkt verspricht Macht und enorme Profite. Warum sollten wir als Zivilgesellschaft zulassen, dass unsere Lebensgrundlagen in die Hände weniger Konzerne gelegt werden? Wir wollen selber darüber bestimmen.

Und wie wollen Sie sich dagegen wehren? In Ihrer Stellungnahme zu der Übernahme kündigten Sie an: „Wir sind aber vorbereitet.“
Janßen: Seit Ende der 1980er-Jahre führen wir den Kampf für eine gentechnikfreie Landwirtschaft. 2006 sagte die Monsanto-Geschäftsführerin: „Herr Janßen, regen Sie sich nicht auf, ab 2010 wächst überall in Europa Gentechnikmais.“ David hat Goliath erfolgreich in die Suppe gespuckt. Die AbL, zusammen mit anderen Bauern- und Verbraucherorganisationen in Europa, hat die Absichten der Gentechnikkonzerne durch intensive politische Informationsarbeit und breite Proteste durchkreuzt. Mittlerweile setzt der Lebensmitteleinzelhandel auf Produkte ohne Gentechnik und verzeichnet damit einen wachsenden Markt.

Was wäre Ihr Wunsch an die Bayer AG?
Janßen: Das Leben ist kein Wunschkonzert, es geht um handfeste Interessen. Wir kämpfen für eine bäuerliche und ökologischere Zukunftslandwirtschaft, der Bayer-Konzern will noch höhere Erträge mit noch größerer Intensität und begründet dies scheinheilig mit dem Hunger der Welt. Die Vereinten Nationen stellen in ihren Jahresberichten immer wieder fest, dass genügend Lebensmittel auf der Welt erzeugt werden, aber es mangelt an gerechter Verteilung und freiem Zugang zu Wasser, Boden, Saatgut und Bildung.

Angenommen, Sie wären Bayer-Chef. Was würden Sie mit Ihrer neuesten Errungenschaft Monsanto machen?
Janßen: Die kritische Bauern- und Verbraucherbewegung fordert, Saatgut zu einer gesellschaftlichen Zukunftsfrage zu machen. Auch die Bundesregierung und die Länderregierungen müssen die Pflanzenzuchtforschung wieder als gesellschaftliche Frage behandeln und zum Teil in öffentliche Hände legen statt sie multinationalen Konzernen zu überlassen. Da ich nicht Bayer-Chef bin, sondern glücklicherweise AbL-Bundesgeschäftsführer, werde ich mich weiter aktiv im Kampf um das Saatgut beteiligen.