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Die Wollhandkrabbe kann ziemlich groß werden. Sie wanderte wohl Anfang des 20. Jahrhunderts aus Südostasien nach Mitteleuropa ein - im Ballastwasser großer Schiffe. Foto: rg
Die Wollhandkrabbe kann ziemlich groß werden. Sie wanderte wohl Anfang des 20. Jahrhunderts aus Südostasien nach Mitteleuropa ein - im Ballastwasser großer Schiffe. Foto: rg

Wollhandkrabben gelten als Delikatesse

Von Rouven Groß
Gorleben. Jin Lan Ye lächelt. Beherzt reißt sie der knallrot gekochten Krabbe, die vor ihr auf einem Teller liegt, ein Bein ab, knackt mit ihren Zähnen die harte Schale, bricht sie vorsichtig auf und zieht das zarte Krebsfleisch heraus. „Man isst das immer mit den Fingern, niemals mit Messer und Gabel“, sagt die junge Chinesin, tunkt das von der Schale befreite Krebsbein in Sojasauce und lässt es in ihrem Mund verschwinden.

Für Jin Lan Ye aus Gartow im Nachbarlandkreis Lüchow-Dannenberg ist der Fang aus der Elbe eine Delikatesse. Viele andere denken beim Anblick der Wollhandkrabbe zuerst an einen Schädling. Vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Tiere im Ballastwasser von Schiffen aus Südostasien nach Mitteleuropa eingeschleppt, verbreiteten sich unter anderem in der Elbe rasant — und galten lange als Feind der Flussfischer. Inzwischen haben Elbfischer wie der Hohnstorfer Eckhard Panz oder sein Kollege aus Gorleben, Christian Köthke, aus dem Fang der Krabben ein wirtschaftliches Standbein gemacht.

Vor allem die Zubereitung der Krabben ist eine Herausforderung

Vor allem die Zubereitung der Krabben ist eine Herausforderung, doch in Gartow lebt mit Jin Lan Yes Vater ein Experte. In seiner Heimat China sind Wollhandkrabben eine Delikatesse — wie sie dazu werden, dabei ließ er sich über die Schulter schauen. Um es vorwegzunehmen: Die Tiere leben noch, wenn sie in den großen Topf mit heißem Wasser geworfen werden. Wichtig dabei, erklärt der Experte: Nachdem die Tiere gewaschen und ihre Scheren zum Schutz vor Verletzungen zugebunden werden, wird eine nach der anderen ins sprudelnd kochende Wasser geworfen. Auf keinen Fall alle auf einmal, damit das Wasser nicht zu stark abkühlt und der Tod der Tiere unnötig hinausgezögert wird.

„Den Topf muss man immer mit einem Deckel verschließen“, sagt Jin Lan, „sonst verlieren die Krabben ihre Beine, und das soll nicht sein“. 15 bis 20 Minuten müssen sie nun in dem sprudelnden Wasser kochen, dann können sie serviert werden. „In China gibt es dazu meist eine Suppe, getrunken wird Reiswein oder Bier“, erklärt die junge Chinesin.

Gefangen hat die Wollhandkrabben, die schließlich als Delikatesse vor Jin Lan Ye auf dem Teller liegen, der Gorlebener Elbfischer Christian Köthke. Seit einigen Jahren schon fängt er neben Aal, Zander, Hecht und Karpfen in der Elbe und im Laascher See auch gezielt Wollhandkrabben. „Meine Krabben gehen an einen Händler, der sie dann weiterverkauft. Vor allem innerhalb Deutschlands an Chinesen und chinesische Restaurants, aber es gehen wohl auch welche in den Export“, erzählt Köthke.

Gefangen werden die Wollhandkrabben mittels Reusen

Gefangen werden die Wollhandkrabben mittels Reusen. „Ihre Saison sind der August und der September, aber auch im Oktober und November kann man noch größere Exemplare rausholen“, erläutert der Elbfischer. Im Herbst ziehen die geschlechtsreifen Tiere den Fluss hinunter in das salzwasserhaltige Mündungsgebiet der Elbe, um sich dort zu paaren und Eier abzulegen — und um dort zu sterben.

Die Nachfrage nach den einstigen Schädlingen ist inzwischen so groß, dass Köthke deutlich mehr verkaufen könnte. „Wenn ich denn mehr fangen würde.“ Doch seit einigen Jahren scheint die Wollhandkrabben-Population zu schrumpfen. Warum, weiß auch Köthke nicht. „Möglicherweise überfischt“, vermutet er. „Das ist schon seltsam: Früher wussten wir nicht, wohin mit dem Schädling, der hierher eingeschleppt wurde und den wir kubikmeterweise aus dem Fluss holten, und jetzt ist es fast schon bedauerlich, dass es wieder weniger Wollhandkrabben gibt. So kanns gehen.“