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Diese beiden Grafiken zeigen die Rohstoffkreisläufe, die innerhalb des Cradle-to-Cradle-Konzepts eine zentrale Rolle spielen. Darin wird zwischen Verbrauchs- und Gebrauchsgütern entschieden. Die einen sind einer Abnutzung ausgesetzt und sollten daher für biologische Kreisläufe gestaltet sein, die anderen sind keiner Abnutzung ausgesetzt, können daher kontinuerlich in technischen Kreisläufen zirkulieren. Foto: C. Buchner/Cradle to Cradle e.V.
Diese beiden Grafiken zeigen die Rohstoffkreisläufe, die innerhalb des Cradle-to-Cradle-Konzepts eine zentrale Rolle spielen. Darin wird zwischen Verbrauchs- und Gebrauchsgütern entschieden. Die einen sind einer Abnutzung ausgesetzt und sollten daher für biologische Kreisläufe gestaltet sein, die anderen sind keiner Abnutzung ausgesetzt, können daher kontinuerlich in technischen Kreisläufen zirkulieren. Foto: C. Buchner/Cradle to Cradle e.V.

Dritter Cradle-to-Cradle-Kongress in Lüneburg:

Von Anna Paarmann
Lüneburg. Wenn Produkte so konzipiert wären, dass sie anschließend wiederverwertet werden könnten, wäre Abfall kein Abfall mehr. „Cradle to Cradle“, das Konzept dahinter, ist vor 25 Jahren entstanden. Mitbegründer ist der ehemalige Leuphana-Professor Dr. Michael Braungart. Der Wissenschaftler kehrt nächstes Jahr an die Lüneburger Uni zurück, wird aber schon am Wochenende für den 3. Cradle-to-­Cradle-Kongress gemeinsam mit anderen prominenten Gästen dort referieren.

Der Kongress im vergangenen Jahr war auch schon in Lüneburg. Was ist seitdem passiert?
Prof. Dr. Michael Braungart: ­Cradle to Cradle hat sich zu einem freundlichen Tsunami in Deutschland entwickelt. Mit der Selfie-Generation wächst ein Jahrgang heran, der stolz auf sich sein will, Anerkennung über soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram sucht. Diese Leute wollen nicht dumm sein. Und Abfall zu produzieren, ist dumm. Wenn ich in Schulen über das Konzept spreche, kann ich aus 400 Abiturienten immer mindestens 50 für Cradle to Cradle gewinnen. Traditionelle Tätigkeitsfelder verlieren zunehmend an Ansehen.

Ist eine Welt ohne Müll denn überhaupt möglich? Erfordert das nicht auch viel Toleranz und Umdenken?
Braungart: Sie müssen das anders denken. Wenn ich sage, denken Sie nicht an ein rosa Krokodil, woran denken Sie dann? Immer noch an ein rosa Krokodil. Denken Sie nicht an Müll, sondern daran, dass alles nutzbar sein könnte. Es geht um Innovation, Qualität und Schönheit, darum aufzuzeigen, wie Produkte in der Zukunft aussehen können. Wir vermarkten keine besseren Büromöbel, sondern zehn Jahre gesundes Sitzen. Cradle-to-Cradle-Produkte sind außerdem in der Herstellung 20 Prozent günstiger.

Rückblickend, haben Sie mit einem solchen Interesse für Cradle to Cradle gerechnet?
Braungart: Nicht während meiner Lebenszeit. Echte Veränderungen brauchen schließlich Zeit. Heute sind schon 6500 Produkte auf dem Markt, die nach dem Prinzip hergestellt werden. Da hat sich eine Dynamik entwickelt, die ich nicht erwartet hatte. Es gibt keine Designschule mehr in Europa, die Cradle to ­Cradle nicht lehrt.

Auf der Rednerliste am Sonnabend stehen namhafte Gäste. Was erwarten Sie von dem Tag?
Braungart: Menschen aus der früheren traditionellen Umweltbewegung treffen auf neue Lifestyle-Leute. Die Ziele sind die gleichen, die Methoden sind neu. Wir wollen Pioniere feiern. Dr. Franz Alt hat mir vor 40 Jahren gezeigt, wie viel die Böden verlieren, wenn man Mais anbaut. Das wurde inzwischen begriffen. Denn weniger schlecht ist nicht gleich gut.

Was ist Ihr Highlight am Sonnabend?
Braungart: Ich freue mich sehr über Sarah Wiener, weil sie auf gutes Essen achtet. Bei gutem Essen kann man sich gut unterhalten und zuhören. Und es freut mich dass „Die Ärzte“ Cradle to Cradle gut finden. Und Trigema-Chef Wolfgang Grupp kommt mit seinem Sohn. Das ist toll, weil seine Schwester und er das Unternehmen eines Tages übernehmen werden. So treffen wir auch die nächste Generation.

Sie kehren ja nächstes Jahr an die Lüneburger Uni zurück. Gemischte Gefühle?
Braungart: Nein, ich freue mich sehr. Ich bin lang genug in der Weltgeschichte umhergereist, habe in acht Jahren an 17 angesehenen Universitäten gelehrt. Ich will jetzt die Welt nach Lüneburg einladen. Deshalb brauche ich ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, Labore, Ausstellungsflächen, Seminarräumen und Designer. Die Prototypen müssen ja auch tatsächlich umgestaltet werden. Für einige Immobilien habe ich schon geboten, auch bei der Stadt angefragt.

Kongress an der Leuphana: Freitag und Sonnabend, 23. und 24. September, findet in Lüneburg der 3.Cradle-to-Cradle-Kongress statt. Unter den prominenten Gästen sind unter anderem Dr. Ernst Ulrich Weizsäcker, Präsident des Club of Rome, der Journalist Dr. Franz Alt, Fernsehköchin Sarah Wiener, Trigema-Chef Wolfgang Grupp und Bela B, Mitglied der Band „Die Ärzte“.

Den Auftaktvortrag hält Prof. Dr. Michael Braungart am Freitag um 18 Uhr in Hörsaal 2 auf dem Campus in der Scharnhorststraße. Am Sonnabend startet der Kongress um 9.30 Uhr. Anmeldungen und weitere Informationen unter www.c2c-kongress.de im Internet.

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Zur Person

Sustainable Cosmetics Summit 2014 ParisProf. Dr. Michael Braungart ist am 7. Februar 1958 in Schwäbisch Gmünd geboren. Nach dem Chemie- und Verfahrenstechnik-Studium in Konstanz und Darmstadt hat er in Hannover promoviert. Parallel hat der 58-Jährige beim Aufbau des Bereichs Chemie von Greenpeace Deutschland mitgewirkt, diesen auch zwei Jahre lang geleitet. 1994 kam der Chemiker nach Lüneburg, um Stoffstrommanagement zu lehren. Seit 2008 ist Braungart Professor für den Cradle-to-Cradle-Studiengang an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Er ist verheiratet mit Niedersachsens ehemaliger Umweltministerin Monika Griefahn (SPD), die beiden haben drei Kinder. ap