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Dr. Uwe Barge (r.) und Reiner Baumgart begutachten die Verbissschäden an einer Buche. Foto: kre
Dr. Uwe Barge (r.) und Reiner Baumgart begutachten die Verbissschäden an einer Buche. Foto: kre

Verbiss kommt auf die Karte

Von Klaus Reschke
Göhrde. Der deutsche Wald ist vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt. Erst war es der „saure Regen“, jetzt sind es der Klimawandel — und der Hunger von Rot- und Rehwild: „Sehen Sie“, sagt Dr. Uwe Barge und deutet auf eine kleine Buche, deren Terminaltrieb abgefuttert wurde. Der Leiter des Forstamtes Göhrde muss nicht lange suchen, um weitere Bäumchen zu finden, die ebenfalls an- und abgeknabbert wurden. Für Hirsch und Reh sind die jungen Triebe im Wortsinn ein gefundenes Fressen, für die Förster und Waldbesitzer ein enormer Schaden. Denn der starke Verbiss hemmt das Wachstum der Pflanzen und führt zu unerwünschten Wuchsformen.

Der Wildverbiss ist zu einem Problem geworden. So sehr, dass das Land für die Wälder der Niedersächsischen Landesforsten im vergangenen Jahr erstmalig eine sogenannte Verbiss-Inventur angeordnet hat. Jetzt liegen die Ergebnisse vor — mit zum Teil alarmierenden Ergebnissen: „Mehr als die Hälfte der Verjüngungsflächen weisen Wildschäden auf, die das Erreichen waldbaulicher Ziele erschweren oder gar verhindern“, erläutert der Regionale Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten, Reiner Baumgart.

Dr. Barge zeigt sich von dem Ergebnis wenig überrascht: „Die hohen Wildbestände sind ein Problem“, sagt der Forstamtsleiter. Die Landesforsten reagieren, haben ihre Jagdstrategie neu ausgerichtet, um die ökologischen und ökonomischen Waldschäden deutlich zu reduzieren. Die Jagd, so heißt es jetzt, „dient der Umsetzung waldbaulicher Ziele!“

Feuer frei also auf Hirsch und Reh? Was aus Sicht so mancher Tierschützer gar nicht gut ankommt, dient letztlich aber nicht nur dem Wald, sondern auch dem Wild selbst. „Eine angepasste Wilddichte ist zwingende Voraussetzung für die Laub- und Mischwaldvermehrung, für die natürliche Waldverjüngung und den Schutz seltener und bedrohter Pflanzenarten“, bestätigt Reiner Baumgart und fügt hinzu: „Strukturreiche, gemischte Bestände bieten nicht nur mehr Äsung, sondern den Tieren auch mehr Deckung.“

Jetzt müssen die Forstwirte häufig noch einen meterhohen Wildzaun um die Aufforstungsflächen ziehen, um die jungen Bäume vor Verbiss zu schützen. Eine Lösung, mit der auch Dr. Barge alles andere als zufrieden ist. „Ein Zaun gehört nicht in den Wald. Der ist eine unnatürliche Barriere“, findet der Amtsleiter. Die Schutzmaßnahme entziehe dem Wild wichtige Äsungsfläche, „außerdem werden die Kulturkosten verdoppelt.“

Die Wachstumsröhren, die man auf einigen Aufforstungsflächen entdecken und die die jungen Pflanzen gegen Verbiss schützen sollen, sind laut Dr. Barge ebenfalls keine Alternative: „Viel zu teuer und für den Pflanzenschutz nur bedingt geeignet. Denn bei Sonneneinstrahlung heizen sich die Röhren auf und die Bäumchen können Schaden nehmen.“

Neben dem ökonomischen Schaden, den ein massiver Wildverbiss anrichtet, sieht Dr. Barge aber auch ökologische Probleme: Neben den Hauptbaumarten wie Eiche, Buche, Fichte oder Kiefer stehen auch Weide, Birke oder Eberesche auf dem Speiseplan der Waldbewohner. Die Folge: Manche Baum- und Straucharten kommen ohne Schutz gar nicht mehr über Äserhöhe hinaus. Dadurch veschwindet aber mittelfristig die typische Kraut- und Strauchschicht. „Wir nennen das eine schleichende Entmischung“, sagt Dr. Barge. „Ökosystemverträgliche Wilddichte“ heißt daher das Zauberwort, das die Forstbehörden anstreben.

Schälschäden

Noch dramatischer als der Verbiss sind so genannte Schälschäden durch Rot-, aber auch Dam- und Muffelwild: Die Tiere nagen an den Bäumen, ziehen dabei ganze Bahnen ab. In die verletzte Baumrinde dringen Pilze ein, Fäulnis ist die Folge. Die Stämme werden brüchig, können bei Sturm oder Schneelast umstürzen. 2015 wurden im Harz und Solling die Schälschäden erstmals kartiert, dieses Jahr folgen Lüneburger Heide, Weserbergland und Kaufunger Land. kre