Donnerstag , 8. Dezember 2016
Aktuell
Home | Lokales | Wandertagebuch führt durch die Heide
Der Autor Gerhard Henschel (links) und der Fotograf Gerhard Kromschröder stehen vor dem Haus von Arno Schmidt, das Tor hatte der Hausherr selbst entworfen. Von hier aus wanderte das Duo in zehn Tagen zu dem Domizil von Walter Kempowski. Foto: temmen/nh
Der Autor Gerhard Henschel (links) und der Fotograf Gerhard Kromschröder stehen vor dem Haus von Arno Schmidt, das Tor hatte der Hausherr selbst entworfen. Von hier aus wanderte das Duo in zehn Tagen zu dem Domizil von Walter Kempowski. Foto: temmen/nh

Wandertagebuch führt durch die Heide

Von Frank Füllgrabe
Bad Bevensen. Die Kargheit der Lüneburger Heide hat über die Jahrhunderte viele Reisende in die Depression getrieben. Für den Schriftsteller Arno Schmidt dagegen bedeutete das spröde Land so etwas wie ein Sehnsuchtsort. Hier, in dem Dorf Bargfeld bei Celle, versteckte sich der scheue Autor mit dem großen Namen und den winzigen Auflagen in einem Holzhäuschen. Von hier aus wiederum startete Gerhard Henschel zu Fuß Richtung Nartum, dort wohnte Walter Kempowski. Zehn Tage war Henschel gemeinsam mit dem Fotografen Gerhard Kromschröder unterwegs. Das Ergebnis ist ein Wandertagebuch mit dem beziehungsreichen Titel „Landvermessung“, eine Expedition in die hässliche, schöne, liebenswerte, manchmal skurrile niedersächsische Provinz.

Von Arno Schmidt zu Walter Kempowski

Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, ist Übersetzer, Satiriker und Autor von rund 40 Büchern und vor allem durch seinen mittlerweile sechsbändigen Autobiographien-Zyklus bekannt. Henschel war — schon als Germanistik-Student — mit Kempowski bekannt. „Eine Tour, die in Bargfeld beginnt, sollte in Nartum enden“, riet Kempowski dem seinerzeit 24-Jährigen. Jetzt machte sich Henschel, der heute mit seiner Familie in Bad Bevensen lebt, zusammen mit dem erfahrenen Fotoreporter Kromschröder tatsächlich auf den Weg. Rund 200 Kilometer — „das war gut zu schaffen“, sagt der Schriftsteller, „zumal wir das Gepäck manchmal mit dem Taxi vorausschickten“. Damit hatte das Duo genug Zeit, rechts und links des Wegesrandes zu schauen.

„Elend, Einöd, lungensüchtige Steppe, trostlos, gräßlich, schaurig“ — Reisende, die mit der Kutsche zwischen Celle und Harburg durch die Heide ruckelten, überboten sich in Warnungen vor diesem Landstrich. Einem toten Fuchs, so schrieb 1862 ein Christian Freiherr von Hammerstein, habe „mutmaßlich Weltschmerz das Leben genommen“. Natürlich kreuzten Henschel und „Kromo“ bei ihrer Wanderung auch die Wege von Hermann Löns, der mehr für die Heide empfand. Die Landvermessung führt in die Vergangenheit, zu Kriegsgreuel und zur Gedenkstätte Bergen Belsen, zu großer Geschichte und kleinen Anekdoten, zu malerischen Resthöfen, rustikalen Gastschenken, zu trüber Baumarkt-Zweckarchitektur und zu heftig überdekorierten „Hauseingängen im Niedlichkeitswahn“, zu überwucherten Landmaschinen, dessen Funktion sich dem Laien einfach nicht erschließt, und zu der Erkenntnis, dass die regionale Werbebranche offenbar gern Verse schmiedet: „Fahr nicht fort — kauf im Ort!“

Hauseingängen im Niedlichkeitswahn

Die Wanderer kamen ins Gespräch mit netten Gastwirten und misstrauischen Anwohnern, die — „Man kann ja nie wissen!“ — eine Erklärung verlangten, warum Kromo ihre gnadenlos bis in die Sterilität totgepflegten Eigenheime und harmlose Straßenschilder fotografierte. Den Fotografen und den Autor zeichnet Gespür für unfreiwillige Komik, für das bezeichnende Detail und für die Geschichte hinter der Fassade aus. Dass sie bei der Zimmerbuchung Winsen an der Aller mit Winsen an der Luhe verwechselten, merkten die Reisenden allerdings erst kurz vor Toreschluss.

Und so führt der Trip schließlich doch noch planmäßig zu Haus Kreienhoop, Röhrberg 24 in Nartum, zu Kempowskis weitläufigem Domizil, in dem der Autor Gastgeber von Autorentreffen, Seminaren und Konzerten war — ein auffälliger Gegensatz zu der ärmlichen Schriftsteller-Klause in Bargfeld. Arno Schmidt, der jeden Groschen zweimal umdrehen musste, starb übrigens dennoch als reicher Mann: Kurz vor seinem Tode 1979 schenkte ihm Jan Philipp Reemtsma, ein junger, schüchterner Kunst-Mäzen, 350.000 Mark — der Betrag entsprach dem Literatur-Nobelpreis.

Gerhard Henschel/Gerhard Kromschröder: „Landvermessung“, Edition Temmen, 224 Seiten, 250 Farbfotos, 24,80 Euro