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In Lüneburg sind immer mehr organisierte Kriminelle am Werk, um Räder zu stehlen. Foto: t&w
In Lüneburg sind immer mehr organisierte Kriminelle am Werk, um Räder zu stehlen. Foto: t&w

Der organisierte Fahrrad-Diebstahl

Von Carlo Eggeling

Lüneburg. In aller Seelenruhe knacken Täter mit einer Handflex im Radspeicher am Bahnhof Schlösser und schieben die Räder nach draußen. Die LZ hatte im April darüber berichtet, jetzt griff das TV-Magazin Panorama das Thema mit Video-Aufnahmen aus Lüneburg auf und verfolgte die Spur geklauter Räder nach Polen und in andere osteuropäische Staaten. Die Recherchen des ARD-Teams untermauern, was Fahnder schon lange erzählen: Es gibt organisierte Banden, die Drahtesel mit Kleintransportern über Grenzen schaffen und sie dort für kleines Geld verkaufen.

In Lüneburg gestohlen, in Essen auf dem Flohmarkt

Eben solche Banden sind auch an der Ilmenau unterwegs. Die Lüneburger Polizei hat vor Jahren mit einer Ermittlungsgruppe reagiert. Dort berichten Danika Budde und Svenja Schüller von Taten aus den südlichen Stadtteilen. Dort sind Täter in Schuppen eingebrochen, um Velos mitzunehmen. Auch gab es kürzlich einen Fall, bei dem in Lüneburg gestohlene Tretmühlen auf einem Flohmarkt in Essen aufgetaucht sind. Die Polizei stellte sie sicher und konnte bis auf wenige Ausnahmen auch die eigentlichen Besitzer ermitteln.

Aus Sicht der Polizei werden zwar etwas weniger Fahrräder gestohlen als im Vorjahr, doch noch immer greifen Diebe zu. Und manche sind ziemlich dreist. Anfang der Woche war laut Mitarbeitern im Radspeicher ein Mann unterwegs, der Sättel und Fahrradcomputer von den abgestellten Velos abbaute. „Der hat sich nicht stören lassen, obwohl Kunden zu ihren Rädern gegangen sind“, berichtet ein Angestellter. Das Ganze ist wieder gut oder so gar noch besser dokumentiert als im Frühjahr, denn die Stadt hat als Eigentümer der Anlage leistungsstärkere Überwachungskameras installiert. Trotzdem konnte die Polizei den Täter noch nicht identifizieren: Die Aufnahmen zeigen, dass sein Gesicht zum Teil vermummt ist.

Radspeicher soll besser gesichert werden

Im Mai kam Ermittlern Kommissar Zufall zur Hilfe. Eine Streife der Bundespolizei stellte nachts drei Rumänen, die Räder aus dem Radparkhaus in ihren Kleinbus geladen hatten. Das bei Bleckede lebende Trio kam in Untersuchungshaft. Inzwischen hat das Amtsgericht die Osteuropäer zu Bewährungsstrafen verurteilt. Nach Erkenntnissen der Polizei sind sie in ihre Heimat zurückgekehrt.

Dass am Bahnhof dringend etwas passieren muss, hat die Stadt erkannt. Wie berichtet, soll der Radspeicher durch neue Zugangssperren besser gesichert werden. Die Vorbereitungen dafür laufen.

Die Polizei sieht drei Tätergruppen am Werk: Menschen, die ein Rad klauen, mit dem sie etwa nach einer Kneipennacht nach Hause strampeln, Junkies, die mit dem Diebstahl ihre Sucht finanzieren und eben die organisierten Gruppen. Waren eine Zeitlang Sperrmüllsammler im Fokus, hat durch Kontrollen aber ergeben, dass die eher selten zu den Dieben zählen: „Die haben mal Räder dabei, die ausgemustert am Straßenrand standen.“

Gruppen grasen Stadtteile ab

Es seien eigenständige Truppen, die Straßenzüge und Radanlagen abgrasen. Fachleute wissen, dass mancher von den Drahteseln, wie eben im Lüneburger Fall, auf dem Flohmarkt in Essen oder an der Hamburger Billestraße landet, um von da aus weiter verschoben zu werden.
Doch die Polizei kann nicht mal eben auf die Gelände und kontrollieren. „Dafür brauchen wir Gerichtsbeschlüsse und auf den Gewerbegrundstücken sitzen zig Firmen“, berichtet ein Beamter.

Auch ein anderes Instrument fehle: Das Fahrrad mag in Deutschland kodiert und registriert sein, aber die Daten gehen nicht in internationale Fahndungsdatenbanken ein. Das freut Diebe, die Räder dann beispielsweise in Polen verkaufen. Legal.