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Wolfsberater von Harling übt Kritik am Wolfsbüro.
Gert von Harling aus Lüneburg ist Jäger, Schriftsteller und ehrenamtlicher Wolfsberater in Niedersachsen. Foto: t&w

Wolfsbüro im Visier

Von Dennis Thomas

Lüneburg. Haben es niedersächsische Behörden im Zusammenhang mit der Auswilderung eines Wolfswelpen mit der Wahrheit nicht so genau genommen? Diese Frage treibt seit Wochen den Jäger, Schriftsteller und ehrenamtlichen Wolfsberater Gert von Harling (71) aus Lüneburg um. Wie berichtet, wurde im Sommer ein abgemagerter Wolfswelpe zwischen Soltau und Schneverdingen von einer Familie aufgelesen und in der Wildtierauffangstation Soltau versorgt — mit möglichst wenig menschlichem Kontakt, um eine Prägung zu vermeiden.

Anstatt das Tier jedoch anschließend in ein Wildtiergehege zu geben, entschied sich das Wolfsbüro beim Niedersächsischen Umweltministerium für eine Auswilderung. „In anderen Ländern wurde dies bereits erfolgreich praktiziert“, hieß es von der zuständigen Behörde. Von Harling fragte wiederholt nach konkreten Beispielen. Vergeblich.

Berater hält Landesmitarbeiter für überfordert

Von Harling bezeichnet sich selbst als „bodenständigen Wolfsberater“ und glaubt, das Wolfsbüro sei angesichts von „Canis lupus“ und seiner Welpen überfordert: „Wie anders lassen sich Pressemeldungen erklären, die so falsch sind wie die Potemkinschen Dörfer und in der Substanz so grau in grau wie der Grauwolf.“ Und: „Wissenschaft verlangt Reliabilität, Validität und Kompatibilität. Ich mache weder Zuverlässigkeit, Gültigkeit noch Vergleichbarkeit aus im Fall jenes hilflosen Wolfswelpen, der im Juni 2016 zum Rudel zurückgeführt sein soll.“

Konkret geht es von Harling um folgende Formulierung, die auch zu Nachfragen bei ihm in seiner Funktion als Wolfsberater geführt hätten: „Für Deutschland ist dies der erste Fall, in dem ein junger Wolfswelpe wieder freigelassen wurde, in anderen Ländern wurde dies bereits erfolgreich praktiziert“, so hatte es der zuständige Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLKWN) im Sommer noch erklärt. Auf Nachfrage sei von Harling schließlich vom Wolfsbüro mitgeteilt worden, dass erfolgreiche Freilassungen von aufgepäppelten Welpen beispielsweise aus Polen bekannt seien. Ein späteres Nachfragen nach nachvollziehbaren Beispielen sei aber unbeantwortet geblieben, erklärte der Wolfsberater.

Anfrage zum Wolf beim NLWKN

Jetzt fragte die LZ noch einmal beim NLWKN nach. Die Antwort fiel ähnlich allgemein aus: „Freilassungen von Wolfswelpen hat es beispielsweise in Polen und den USA gegeben. Die Welpen wurden Berichten zufolge vom Rudel angenommen. Das Bundesnaturschutzgesetz sieht vor, dass streng geschützte Tiere, zu denen der Wolf zählt, nach dem Gesundpflegen freigelassen werden.“
Auf weiteres Nachfragen nach konkreteren Angaben hieß es telefonisch beim NLWKN: „Wir haben nur gesagt, dass es Beispiele gibt und wir von Berichten darüber wissen.“ Detaillierte Informationen könnte aber das Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“ liefern.

Die genannte Ansprechpartnerin, Biologin Gesa Kluth, wusste allerdings auch nur von einem Fall aus dem polnischen Beskiden-Gebirge — aus einem Vortrag. Auf den Fall war auch der Lüneburger von Harling gestoßen: „Nach meinen Erkenntnissen ist das knapp 20 Jahre her und war keineswegs ein Erfolg.“ Die LZ hat dazu eine Anfrage bei der zuständigen Organisation „The Association for Nature Wolf“ in Polen gestellt. Eine Antwort steht noch aus.

Expertenrat aus der Lausitz angefordert

Die Behörde weist unterdessen Kritik an der Auswilderung des Schneverdinger Wolfswelpen zurück. Schließlich hätte schnell gehandelt werden müssen, und die Niedersachsen hatten sich dazu Expertenrat auch aus der Lausitz geholt. Auf die Frage, inwiefern rückblickend die Auswilderungsaktion in der Lüneburger Heide ein Erfolg war und der Welpe sich wieder seinem Schneverdinger Rudel angeschlossen habe, schreibt das NLWKN: „Es gibt bislang keine gesicherten Erkenntnisse, ob der Welpe im Rudel wieder aufgenommen wurde. Um die Störung besonders gering zu halten, wurde bislang kein intensives Monitoring durchgeführt.“

Canis lupus breitet sich aus

In Deutschland leben immer mehr Wölfe. Inzwischen gibt es Nachweise für 46 Rudel, 15 Paare und vier sesshafte Einzeltiere, teilte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) gestern in Berlin mit. Das entspricht 120 bis 130 erwachsenen Wölfen. „Wir haben es mit einer deutlichen Steigerung zu tun“, sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. Im vergangenen Beobachtungsjahr waren die Experten von etwa 110 erwachsenen Wölfen und nur 31 Rudeln ausgegangen. Jungtiere spielen in den Daten keine Rolle. Insgesamt sprach Jessel von einer „Erfolgsgeschichte des Naturschutzes“.

Der Wolf war in Deutschland vor 150 Jahren ausgerottet worden. Im Jahr 2000 wanderte dann erstmals ein Wolfspaar aus Polen zu. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: „Potenziell ist ganz Deutschland Wolfserwartungsland“, sagte Jessel. Rein rechnerisch könnten maximal 440 Wolfsrudel Platz finden. „Ich glaube aber nicht, dass wir das jemals erreichen werden“, so Jessel. Größter Feind sei weiter der Mensch. Nur 14 der 147 Wölfe, die seit 2000 in Deutschland tot aufgefunden wurden, seien eines natürlichen Todes gestorben. Der Großteil wurde überfahren, andere abgeschossen. dpa 

7 Kommentare

  1. BNatSchG § 45 (5) „Abweichend von den Verboten des § 44 Absatz 1 Nummer 1 sowie den Besitzverboten ist es vorbehaltlich jagdrechtlicher Vorschriften ferner zulässig, verletzte, hilflose oder kranke Tiere aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen. Die Tiere sind unverzüglich freizulassen, sobald sie sich selbständig erhalten können.“ Es darf sehr bezweifelt werden, dass der Welpe sich selbständig erhalten konnte. Insofern scheint das sehr am Rande der Legalität gewesen zu sein.

  2. Tom Schulze-Helmke

    Das ist ein Witz was der Herr Harling für ein bisschen Aufmerksamkeit veranstaltet. Jeder der sich etwas mit Wölfen auskennt weiß viele Beispiele für erfolgreiche Auswilderung. Die sind auch ganz leicht über das Internet zu erfahren, vorausgesetzt man kann mit einer Tastatur umgehen. Einfach mal eingeben Red Wolf Recovery Program, oder sich das Projekt von dem russischen Biologen Vladimir Bologov anschauen. Über einen verletzten Wolf der nach Behandlung wieder freigelassen wurde gibt es auf Youtube ein Video das zigtausendmal aufgerufen wurde. In unser Facebbookgruppe „Schützt die Wölfe“ wundern wir uns, dass dieses Thema überhaupt in eine Zeitung gelangt.

    • Lieber Herr Tom Schulze-Helmke,
      dass ausgerechnet Sie Herrn v. Harling „Aufmerksamkeitsheischerei“ unterstellen, ist schon amüsant. Sind es nicht Sie selbst, dessen Kommentare sich unter fast jedem einzelnen Beitrag zum Thema Wolf landauf, landab finden lassen.

      Davon abgesehen kann ich Ihre Aussagen zu den erfolgreichen Auswilderungen nicht verifizieren. Auch nach langwieriger Suche im Netz nicht. Ein Video bei Youtube, ein „Red Wolf Recovery Program“ (AUA, denn dazu müsste man schon wissen, was ein „Red Wolf“ genau ist und dann wird es recht peinlich, so ein Beispiel anzuführen) und ein verletzter Wolf … das ist für mich eher jämmerlich bei Millionen Treffern bei der google-Suche zum Thema Wolf.

      Im Gegenteil: da beim Thema Wolf immer wissenschaftliche Expertise verlangt wird, sollte auch in diesem Fall ausschließlich die wissenschaftliche Dokumentation gleichgelagerter Fälle (Auswilderung von Wolfswelpen) zugrunde gelegt werden. Jedenfalls keine Quellen, deren Verifizierung mehr als unsicher ist.

      Was allerdings langsam mehr als auffällig ist:
      immer und immer wieder läuft alles hierzulande beim Thema Wolf auf das Wolfsbüro LUPUS und Frau Kluth und Frau Reinhardt hinaus. Ein „Institut“, das keineswegs wissenschaftlich ist, sondern ein Privatunternehmen, das mit dem Wolf seine Existenz und den Lebensunterhalt seiner Mitarbeiter bestreitet. Somit eines Unternehmens, dessen Wohl und Wehe von der Existenz des Wolfes hierzulande abhängt.

  3. Herr Schulze-Helmke weiß das natürlich ganz genau, dass ein einzelner Welpe wieder in der Nähe eines Rudels ausgewild ert wurde – das hatte eigentlich vorher nicht funktioniert. Auch hier dürfte das kaum möglich gewesen sein.

  4. Warum ist der Welpe eigentlich aus dem Rudel geflogen?

    • Fragen Sie in der Facebookgruppe die oben genannt wurde nach, dort kann man mit Google umgehen und im Internet lernt man alles über Wildtiere.
      Leider verhalten sich Wildtiere nicht immer wie es ihnen Google oder der Nabu unterstellen.

  5. Wäre Jäger und Wolfsberater von Harling engagierter Veganer und Tierschützer, würde man seinen Druck auf die Tränendrüse bezüglich des Wolfswelpen zumindest, wenn auch schwerlich, gerade eben noch nachvollziehen können.

    Mit den Ansichten des Jägers von Harling hat sich übrigens der renommierte Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky näher beschäftigt:

    „Lateinstunde bei Gert G. von Harling“
    http://woelfeindeutschland.de/lateinstunde-bei-gert-g-von-harling/

    Komisch, denn da wird offenbart, dass der neuerdings plötzlich so besorgte „Wolfswelpenschützer“ von Harling seinen UNMUT darüber, dass der Wolf in Deutschland NICHT BEJAGT werden darf, ausgerechnet auf der einschlägigen Plattform „Wolf-nein Danke“ zum Ausdruck gebracht hat, von der Ulrich Wotschikowsky sagt: „Dort wird gegen Wölfe und ihre Freunde gehetzt, was das Zeug hält. Von Harling wird gewusst haben, warum er sich ausgerechnet dieses Podium für das Jägerlatein aussucht, das er über Wölfe verzapft. “ (a.a.O.).

    Von Harling habe sich dort darüber beklagt, dass man Wölfe in Deutschland nicht bejagen dürfte, während diese selbst „fröhlich mordend“ durch unsere Wälder ziehen und vom Schalenwild keine reproduktionsfähigen Reste übrig lassen würden.

    Ist es von daher nicht rührend, wie sehr sich Herr von Harling nun öffentlich um das Schicksal eines einzelnen, kleinen, wildlebenden Wolfswelpen sorgt? Als Zugehöriger zu einem kleinen Personenkreis von 0,4% der Bevölkerung, der in Deutschland jährlich rund 5 Mio. Wildtiere in unserer heimischen Natur tötet?

    Nein, das ist nicht zum Aushalten. Man reiche mir bitte ein virtuelles Taschentuch für meine Tränen der Rührung und bitte eines an Herrn Harling. Zum Fortwischen seiner Krokodilstränen. Danke.