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Anke Sondermann (l.) leitet die Bahnhofsmission. Sie ist die einzige Angestellte. Gabriele Schlumbohm und die anderen aus dem Team arbeiten ehrenamtlich. Foto: ca
Anke Sondermann (l.) leitet die Bahnhofsmission. Sie ist die einzige Angestellte. Gabriele Schlumbohm und die anderen aus dem Team arbeiten ehrenamtlich. Foto: ca

100 Jahre Bahnhofsmission in Lüneburg

Von Carlo Eggeling

Lüneburg. Eben noch saßen zwei Fahrschüler aus Bienenbüttel am Tisch, jetzt ist es ein Mann, der in der Landeszeitung blättert. Jacke und Hose könnten eine Wäsche vertragen, er brummt vor sich hin. Demnächst läuft der nächste Fernzug ein, dann müssen Anke Sondermann und Ga­briele Schlumbohm raus auf den Bahnsteig, vielleicht benötigt ein Senior Hilfe beim Ein- oder Aussteigen. Im Zweifel können die beiden einen Rollstuhl holen. Alltag in der Bahnhofsmission.

Vor 100 Jahren wurde sie in Lüneburg gegründet. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben: praktische Nächstenliebe. Evangelischer Diakonieverband und katholische Caritas arbeiten zusammen, doch die Religion steht nicht im Vordergrund. „Wir sind gelebte Kirche am Bahnhof“, sagt Anke Sondermann, die die Einrichtung leitet. 15 Ehrenamtliche und ein junger Mann, der ein freiwilliges Jahr absolviert, sind das Rückgrat der Mission. Von Montag bis Freitag stehen sie in jeweils Fünf-Stunden-Schichten jeweils von 8 bis 17.30 Uhr zu zweit bereit, um zu helfen.

Das warme Herz des Bahnhofs

„Wir haben Stammgäste“, erzählt Gabriele Schlumbohm. Die 72-Jährige engagiert sich seit acht Jahren hier. Für die Rentnerin war klar, dass sie im Ruhestand nicht nur zu Hause bleiben wollte. „Wir nehmen uns der Trauer und Verzweiflung der Leute an“, sagt sie. An dem Tisch im Eingang sitzen Menschen, die um einen Angehörigen trauern, Männer und Frauen, die beim Trinken jedes Maß verloren haben, verschreckte oder zornige Leute, die psychisch krank sind. „Die brauchen ein offenes Ohr“, sagt Gabriele Schlumbohm. „Die müssen ihre Sorgen loswerden.“ Die Mission kann auch weitervermitteln: für eine Unterkunft in der Herberge beim Benedikt, zur Drogenberatung oder vielleicht zum Sozialamt.

Die beiden Frauen erzählen die Geschichte eines 17-Jährigen. Der Perser war als Flüchtling nach Deutschland gekommen, in einem Heim gelandet, in dem er fürchterlich litt, weil er sich nicht verstanden fühlte, es war so schlimm, dass er sich das Leben nehmen wollte. Zweieinhalb Stunden haben sie mit ihm verbracht, einen Dolmetscher für Farsi organisiert, dann viel telefoniert und es geschafft, dass der junge Mann in ein anderes Heim ziehen konnte. Das Leben hat wieder eine Zukunft.

Der Leiter des Diakonieverbandes, Gabriel Siller, und sein Kollege Berthold Schweers von der Caritas wissen, dass hier das warme Herz des Bahnhofs schlägt. Siller lobt die Ehrenamtlichen und betont: „Es geht hier nicht ums Koffertragen, sondern um Hilfe.“ Obwohl die elf Frauen und vier Männer natürlich auch beim Gepäck mit anfassen, etwa wenn eine Mutter mit Kindern unterwegs ist und kaum weiß, wie sie von einem Gleis zum anderen kommen soll.

Aktuell helfen sie 3000 Reisenden im Jahr

3000 Reisenden helfen sie über das Jahr, es waren mal 15000 per anno. Diese Schwankungen erklären sich schnell. Die Bahnhofsmission ist ein Spiegel der Weltgeschichte: In Lüneburg gegründet zur Zeit des 1. Weltkriegs, standen den Helfern am Anfang Soldaten bei, nach dem Zweiten Weltkrieg als man sich nach dem Verbot wieder gegründetet hatte, denn während der Nazi-Zeit war die Mission verboten waren Helfer da, als Flüchtlinge und entlassene Kriegsgefangene durch Europa gespült wurden.

Aber auch die Grenzöffnung 1989 war ein besonderes Jahr. So versorgten die Lüneburger einen Sonderzug mit DDR-Bürgern, die über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik ausreisen durften, 700 Menschen waren an Bord. Und aktuell waren es die Flüchtlinge, denen sie beigestanden haben.

Die nächste Herausforderung wird kommen. Das wissen sie hier. Und jeden Tag bringt das Schicksal andere Menschen in den kleinen L-förmigen Raum, direkt neben der Bahnhofsaufsicht. Und das ist auch gut so, finden Anke Sondermann und Gabriele Schlumbohm. Denn dass sie helfen können, empfinden sie als großes Geschenk. Dankbarkeit erleben sie hautnah: Einer der Flüchtlinge, denen sie im vergangenen Winter geholfen haben, ist nun Teil ihres Teams. Er ist Moslem in einer christlichen Einrichtung. Na und?