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Wenn Rücken und Psyche leiden

Von Antje Schäfer
Lüneburg. Rückenschmerzen oder Knieprobleme quälten im vergangenen Jahr viele Lüneburger Arbeitnehmer. Ein Grund dafür, dass der Krankenstand bei Erwerbstätigen in der Region Lüneburger Heide 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozentpunkte auf 4,2 Prozent gestiegen ist. Er liegt damit knapp über dem Landesdurchschnitt von 4,1 Prozent. Das geht aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport hervor, der Zahl und Dauer von Krankschreibungen darstellt. Spitzenreiter bei den Fehltagen sind die Nachbarkreise Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Eine Sonderanalyse ergab zudem, dass Frauen in der Region Lüneburg häufiger krankgeschrieben waren als Männer, die jedoch hingegen länger fehlten.

Häufigste Ursache für Fehltage waren erneut Muskel-Skelett-Erkrankungen. „Sie machen 21,7 Prozent am Gesamtkrankenstand aus, sprich jeder fünfte Fehltag ging auf ihr Konto“, sagt Simone Prüß von der DAK-Gesundheit, die Eckdaten des Reportes mit dem Lüneburger Allgemeinmediziner Dr. Heinz Jarmatz vorstellte. Auf Platz zwei rangieren psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände. Hier gab es einen Anstieg um 7,5 Prozent auf 19,2 Prozent — macht am Gesamt-Krankenstand einen Anteil von knapp einem Fünftel. Einen erheblichen Anstieg um 23,4 Prozent gab es bei den Atemwegserkrankungen, die auf Platz drei rangieren. Unter anderem zurückzuführen auf die zwei großen Erkältungswellen im Jahr 2015, wie Dr. Jarmatz erläutert.

Ein weiteres Ergebnis: Bei 3,9 Prozent der Erkrankungsfälle handelte es sich um Langzeiterkrankungen, die immerhin für 46 Prozent der Fehltage in der Region Lüneburg verantwortlich sind. In den überwiegenden Fällen waren Arbeitnehmer zwischen einem Tag und sieben Tagen krankgeschrieben.

In den Fokus nahm der Report zudem den geschlechterspezifischen Krankenstand und den Grund für Krankschreibungen bei Frauen und Männern. Eine beim IGES Institut in Auftrag gegebene Studie ergab: Frauen fehlen häufiger im Job als Männer. In der Region Lüneburg lag ihr Krankenstand elf Prozent höher (landesweit waren es 15 Prozent). „Die Studie zeigt aber auch, dass Frauen und Männer von ganz unterschiedlichen Krankheiten betroffen sind“, so Simone Prüß.

Bei Männern in der Region kam es zu einem Drittel mehr an Fehltagen als bei Frauen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als möglichen Grund dafür benennt Dr. Jarmatz: Bei subjektiven Beschwerden würden Männer ängstlicher reagieren und deshalb schneller einen Arzt aufsuchen. „Bei psychischen Problemen wie Depressionen haben Frauen hingegen 60 Prozent mehr Ausfalltage, landesweit sind es sogar 64 Prozent“, sagt Simone Prüß. Auch aufgrund von Krebsleiden sind Frauen häufiger als Männer krankgeschrieben — bedingt dadurch, dass Brustkrebs im Vergleich zu anderen Krebsarten häufiger und bereits in jungen Jahren auftritt. Die häufigste Krebsart bei Männern, der Prostatakrebs, trete in der Regel erst ab dem 60. Lebensjahr auf.

Da die Statistik sich ausschließlich auf Erwerbstätige beziehe, würden diese Fälle nicht mit erfasst, so Prüß. Dr. Jarmatz appelliert eindringlich an Frauen, in frühen Jahren regelmäßig zur Vorsorge zu gehen. Obwohl Frauen einen höheren Krankenstand haben, schleppen sie sich jedoch häufiger als Männer zur Arbeit. Die Befragung auf Landesebene ergab, dass immerhin 70 Prozent der Frauen mindestens einmal krank bei der Arbeit waren, bei den Männern waren es 50 Prozent. Begründet wurde das damit, man wolle die Kollegen nicht hängen lassen. Mehr Frauen als Männer gaben an: Trotz Beschwerden sei man arbeitsfähig.

Gesetzgeber gefordert

Psychische Erkrankungen haben zugenommen. Ein Großteil seien Erschöpfungsdepressionen, sagt Dr. Heinz Jarmatz. Eine Ursache sei das Arbeiten im Schichtbetrieb und zunehmender Druck am Arbeitsplatz. Dadurch steige die Anfälligkeit zum Beispiel für Schlafstörungen und Ausgebranntsein. Speziell bei Frauen führe zudem die soziale Funktion — Beruf, Kinder- und Angehörigenbetreuung unter einen Hut bringen zu müssen — oft zu chronischer Überlastung. Um das zu verändern, müsste an gesundheitspolitischen Stellschrauben gedreht werden. „Die Genehmigung von Haushaltshilfen zum Beispiel müsste niedrigschwelliger sein.“ Auch weist der Mediziner auf das Ergebnis des Reports hin, wonach Frauen sich häufiger krankmelden als Männer, um ein krankes Kind zu versorgen. Derzeit ist es so, dass jedes Elternteil im Krankheitsfall des Kindes bis zu einem Alter von zwölf Jahren jeweils zehn Tage zur Betreuung zustehen. Aus Sicht von Jarmatz müsste die Altersgrenze höher angesetzt werden.