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Prof. Dr. Daniel Lang (v.l.), Prof. Dr. Ute Stoltenberg und Heinz-Jürgen Rickert sind drei von fünf Lüneburger Vertretern, die in Expertenteams berufen wurden. Foto: t&w
Prof. Dr. Daniel Lang (v.l.), Prof. Dr. Ute Stoltenberg und Heinz-Jürgen Rickert sind drei von fünf Lüneburger Vertretern, die in Expertenteams berufen wurden. Foto: t&w

Wenn Schule das Lernen verlernt

Von Anna Paarmann

Lüneburg. Umdenken in den Schulen, Weiterbildungen für Lehrer, Netzwerke mit Partnern aus der Praxis: Das „Weltaktionsprogramm“ legt Kernziele und Handlungsfelder fest, die dabei helfen sollen, nachhaltige Entwicklung bis 2030 strukturell in der Bildung zu verankern. Für die Umsetzung hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka vor einem Jahr die „Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ins Leben gerufen. Ihr gehören 37 Partner aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft an. Sechs Fachforen mit jeweils rund 15 Experten aus ganz Deutschland begleiten den Prozess. Lüneburg ist mit fünf Mitgliedern überproportional stark vertreten.

Von der Universität wurden drei Personen aus der Fakultät Nachhaltigkeit vorgeschlagen und berufen: Prof. Dr. Daniel Lang für das Fachforum „Hochschule“, Dr. Verena Holz für „Non-formales und informelles Lernen/Jugend“ und Prof. Dr. Ute Stoltenberg für „Schule“. Prof. Dr. Gerd Michelsen wurde nachträglich ins Fachforum „Hochschule“ berufen, um die Idee der Nachhaltigkeit stärker als bislang an den Hochschulen zu integrieren.

Fragen der Nachhaltigkeit

„An der Leuphana sind wir mit unserem Leuphana-Semester im Bachelor-Studium schon sehr weit“, sagt Michelsen. „Unsere Studenten müssen sich bereits im ersten Semester grundlegend mit Fragen der nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft auseinandersetzen.“ Auch Heinz-Jürgen Rickert, Bundeskoordinator der Unesco-Projektschulen, sitzt im Fachforum „Schule“. Neben den genannten existieren noch Fachforen für „frühkindliche Bildung“, „berufliche Bildung“ und „Kommunen“.

Ute Stoltenberg beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema ihre Erklärung für die breite Lüneburger Beteiligung: „Das ist ein Ergebnis unserer Arbeit.“ Mit der Zusammensetzung innerhalb der Expertenteams ist die Seniorprofessorin zufrieden: „Eine repräsentative Mischung.“ So seien beispielsweise Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Elternvertreter, Schulleiterverbände, Ländervertreter, Hochschulen und weitere Bildungsträger vertreten.

Den Weg vom Projekt zur Struktur nennt Rickert den Prozess. Erst müsse eine Basis geschaffen werden, auf der gearbeitet werden könne. In Bildung für nachhaltige Entwicklung stecke viel Potenzial für eine gesellschaftliche Veränderung. „Es bedeutet nicht nur, neue Themen in der Schule zu behandeln, sondern den Menschen dazu zu befähigen, anders zu arbeiten, zu denken und zusammenzuarbeiten“, erklärt Stoltenberg. Das müssten vor allem die zuständigen Länderministerien verstehen. „Es reicht nicht, den Begriff Klimawandel ins Curriculum des Fachs Geographie zu schreiben.“

Wissenschaft in einen realen Kontext bringen

Dass das eine fundamentale, aber positive Veränderung für Schulen und andere Bildungseinrichtungen bedeute, darauf weist auch Rickert hin. Denn Schulen würden häufig außerhalb der gesellschaftlichen Realität agieren, „dabei sind sie Teil des öffentlichen Raums“. Ebenso wie eine Universität oder ein Kindergarten Teil der Stadt seien. Stoltenberg formuliert es so: „Manchmal verlernt Schule das Lernen.“ Lehrer seien im Bereich der nachhaltigen Bildung kaum versiert. „Nach unseren Weiterbildungen sind sie sehr motiviert.“ Dass Weiterbildungen verbindlich werden, daran wollen die Lüneburger Experten alles setzen.

Probleme dürften außerdem nicht mehr fächerweise angegangen werden, eine Zusammenarbeit sei notwendig. „Man muss aus dem Spartendenken herauskommen“, regt Dr. Verena Holz an, seit 2007 an der Leuphana. „Es ist wichtig, möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Bereichen an Bord zu haben, wenn man Bildung für nachhaltige Entwicklung ganzheitlich verankern will.“ Außerdem müsse die Schule mehr mit der Praxis zusammenarbeiten. „Nur dann kann sie Probleme in der Realität bearbeiten“, erklärt Daniel Lang, maßgeblich am Wettbewerb „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+“ beteiligt. Er hat erlebt, wie Studenten auf die Straße gehen, kritisch hinterfragen und sich überlegen, wie Wissenschaft in einen realen Kontext gebracht werden kann.

Bundesweiter Aktionsplan

Ihre Handlungsfelder und Ziele haben die Lüneburger Vertreter schon formuliert. Diese werden in einem bundesweiten Aktionsplan zusammengetragen, der 2017 auf der Frühjahrssitzung der Plattform verabschiedet werden soll. Stoltenberg: „Wir erwarten, dass die Ministerien auf Länderebene sich zusammensetzen und daraus Konsequenzen ziehen.“ Schließlich sei man an strukturellen und langfristigen Veränderungen interessiert. „Mit der Welt soll wirklich anders umgegangen werden.“ Sie würden nicht mutlos, nur weil manche Schritte kleiner ausfallen als gedacht. Lang betont: „Wir leben in einer Zeit, die sich dramatisch wandelt. Wir können sie aktiv mitgestalten. Bildung für nachhaltige Entwicklung wird niemandem übergestülpt, aber jeder Einzelne muss den Beitrag, den es leisten kann, erkennen.“

UN-Dekade
Mit dem Ziel, nachhaltige Entwicklung als Leitbild in allen Bildungsbereichen zu verankern, wurde die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Zehn Jahre lang engagierten sich weltweit Menschen, um herauszufinden, wie diese Vorhaben umgesetzt werden können. Denn durch neue Bildungschancen soll allen die Chance gegeben werden, sich Wissen und Werte sowie Verhaltensweisen und Lebensstile anzueignen und zu entwickeln. Die deutsche Umsetzung der Dekade hat für rund 2000 Projekte, 49 Maßnahmen und 21 Dekade-Kommunen eine Auszeichnung erhalten. Nach dem Ende der UN-Dekade 2014 wurde ein fünfjähriges „Weltaktionsprogramm“ angeknüpft.