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Christian Brei (l.) und Prof. Dr. Achatz von Müller betreuen die Startwoche im zweiten Jahr. Mit der Entwicklung des Projekts, das der Einführung der Studenten in die Universität dient, ist das Duo zufrieden. Foto: t&w
Christian Brei (l.) und Prof. Dr. Achatz von Müller betreuen die Startwoche im zweiten Jahr. Mit der Entwicklung des Projekts, das der Einführung der Studenten in die Universität dient, ist das Duo zufrieden. Foto: t&w

Projektleiter skizzieren Hintergründe der Startwoche an der Leuphana

Von Anna Paarmann
Lüneburg. Die Startwoche wird immer wieder als „Leuchtturm der Leuphana“ bezeichnet. Sie dient als Orientierungs- und Kennenlern-Woche für 1500 Studenten, die jetzt ihr erstes Semester an der Lüneburger Universität antreten. Gesellschaftliche Vielfalt, Diversität, steht in diesem Jahr im Zentrum. Seit ­April laufen die Vorbereitungen. Unmittelbar daran beteiligt sind Christian Brei, der die Universitäts- und Lehrentwicklung leitet, und Prof. Dr. Achatz von Müller, akademischer Leiter des College. Beide sind jetzt im zweiten Jahr für die Startwoche zuständig, haben die Projektleitung von dem ehemaligen Vizepräsidenten Holm Keller übernommen.

Im LZ-Interview sprechen sie über die Entwicklung der Startwoche, die Themenauswahl und die Herausforderung für die Studenten.

Ist das nun eigentlich die zehnte Auflage einer Startwoche?
Christian Brei: In diesem Format, ja. 2006 hat schon eine Startwoche im mittleren Format stattgefunden, davor waren es Einführungstage. Seit 2007 gibt es diese „volle Woche“.

Was hat sich seitdem getan? Wie hat sich die Startwoche entwickelt?
Brei: Das Wichtigste ist, dass es gelingt, die Erstsemester-Studien ernst zu nehmen. Und zwar durch eine große, gesellschaftliche und zugleich akademische Frage. Wir arbeiten nicht nur in einer Kultur der Einführung, sondern möchten die Studenten in ihren Ideen, Perspektiven und Fragen ernst nehmen. Die Startwoche hat außerdem immer eine Kommunikation mit der Region hergestellt. Das ist wichtig. Mit der Zeit hat sich aber das Auftreten der Uni in der Startwoche selbst verändert. Wir haben in diesem Jahr erstmals jeweils zwei Vertreter aller Fakultäten an Bord. Das bedeutet, dass Diversität von verschiedenen fachlichen Perspektiven beleuchtet werden kann.

Diversität ist ein weit gefasster Begriff. Was ist der Hintergrund einer solchen Themenauswahl?
Prof. Dr. Achatz von Müller: Die Startwoche hatte vor ein paar Jahren noch keine akademische Verbindung zum restlichen Studium. Die Studenten haben kritisiert, dass die Startwoche zu sehr für sich stehe, ein abgeschlossenes Projekt sei. Wir mussten also eine Klammerfrage finden, um die Startwoche mit dem Leuphana-Semester, dem Entree-Semester, zu verbinden. So kamen wir dann auf Dilemmata Problemfelder, die nie ganz eindeutig mit Win-win-Positionen zu lösen sind. Die Studenten müssen abwägen, welche Vorteile sie gewinnen können, ohne allzu viele Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Diversität ist ein solches Dilemma. Wir haben da einen Hebel gefunden. Darauf sind wir stolz, denn er funktioniert. Die Kritik der Studenten ist nun auch fast völlig verschwunden.

Was wäre ein Beispiel für ein Projekt im Diversitäts-Feld?
von Müller: Ist es vernünftig, Flüchtlinge gemischt in einem bürgerlichen Stadtquartier anzusiedeln? Die Antwort lautet: Ja, natürlich. Es schafft Integrationsvoraussetzungen, aber es schafft gleichzeitig auch Widerstände. Widerstände, von denen wir alle wissen. Angst vor der Überfremdung, Furcht der Frauen zum Beispiel. Es gibt Probleme in diesem Fremdheitskonzept. Es schafft aber auch ganz wunderbare Voraussetzungen zur Lösung dieser Probleme.

Was wird von den Studenten in der Startwoche gefordert?
von Müller: Sie sollen in Kleingruppen versuchen, bestimmte Fragen zu lösen. Dabei sind sie nicht allein. An bestimmten Stellen werden sie merken, dass sie mehr Informationen, methodisches Wissen benötigen. Wir hoffen, dass sie so neugierig darauf werden, was sie eigentlich in einer Universität zu erwarten haben.

Inwiefern fordert Diversität die Studenten im ersten Semester? Wie groß ist Ihrer Meinung nach die He­rausforderung?
Brei: Diversität ist ein hochaktuelles Thema. Wir haben es gemeinsam mit studentischen Vertretern gefunden, entwickelt und durchdacht. Eine Universität, die so viele neue Studenten empfängt, sollte sich einem solchen Thema stellen. Die Erstsemester-Studenten sollten die Chance erhalten, die gesellschaftliche Dramatik zu erkennen. Wenn ich an die Pöbler in Dresden denke, ist das eine ziemlich erschreckende Erfahrung. In Teilen der deutschen Bevölkerung ist offensichtlich der Dialog abgebrochen. Diversität ist als Thema kein Spaziergang, aber es ist wichtig, dass sich Universität und auch Studenten dazu positionieren. Niemand erwartet, dass die Probleme gänzlich gelöst werden, es soll ein Beitrag sein. Und wenn wir Glück haben, verfolgt eine Gruppe ihren Ansatz auch im Anschluss an die Startwoche weiter.

von Müller: Ich kenne noch einen schönen Trick. Diversität ist ein wesentliches Muster akademischen Denkens. Moderne Wissenschaft funktioniert nicht eindimensional, sondern interdisziplinär und kooperativ. Die Methoden wechseln ständig. Dadurch werden immer wieder neue Fragestellungen aufgeworfen. Eine Diversitätsfrage kann also ein hochaktuelles und dramatisches Problem in der Gesellschaft bezeichnen, gleichzeitig aber auch in wissenschaftliches Denken einführen.

Die Startwoche kann aber auch zu Überforderung führen. Universität ist Neuland. Wie bewältigen Sie diese Hürde?
von Müller: Wir provozieren die Wissenschaftler, die sich an der Startwoche beteiligen. Sie müssen sich verständlich ausdrücken, den Neuankömmlingen so die Möglichkeit geben, sich einzuhören. Wir setzen ihnen die Notwendigkeit vor Augen, ihre Inputs verständlich zu formulieren. Wir wollen kein Wissenschafts-Kauderwelsch. Die Studenten sollen nicht denken: „Wo bin ich denn hier gelandet? Ich versteh gar nichts.“ Sie sollen sich willkommen fühlen. Es gibt einen abgerissenen Dialog zwischen Elite und Nicht-Elite. Darauf muss die Universität intensiv reagieren. In dem Moment, wo ich als Kulturwissenschaftler mit einem Physiker oder Mediziner spreche, verstehe ich bestimmte Dinge auch nicht. Ich erwarte aber Übersetzungsfähigkeit. Diese müssen wir trainieren, alle miteinander. Dabei kann die Startwoche helfen.

Nun ist ja im Sommer 2015 der Innovations-Inkubator ausgelaufen, der zu guten Teilen auch die Startwoche finanziert hat. Müssen Sie jetzt ein Sparprogramm fahren?
Brei: Nein. Wir haben immer ein reguläres Budget für die Startwoche gehabt, den Kernbetrieb auch stets daraus finanziert. Das hat sich nicht verändert. Aus den Inkubatormitteln konnten wir damals zusätzliche Angebote machen. 2011 hatten wir beispielsweise eine große Gesundheits-Konferenz in Lüneburg. Die Sprecher haben gleichzeitig auch bei der Startwoche auf dem Podium gestanden. Es hat also dabei geholfen, interessante Gäste und Redner nach Lüneburg zu holen, die gleichzeitig bei anderen Aktivitäten des Inkubators eingebunden waren. Die Ebene ist tatsächlich weggefallen. Die Startwoche selbst ist aber nicht kleiner geworden und auch keine Sparversion.

Ablauf der Startwoche

1500 Erstsemester-Studenten werden auf 110 Gruppen aufgeteilt, um ein gesellschaftlich relevantes Projekt zu entwickeln. Ihnen stehen 50 Experten, 110 Tutoren und 30 Mentoren zur Seite. Die offizielle Startwoche läuft von Montag, 10. Oktober, bis Freitag, 14. Oktober.
Tag 1: Theoretische Einführung in das Thema Diversität aus der Perspektive der vier Fakultäten
Tag 2: Arbeit in Kleingruppen: Reflexion, Debatte, Zuspitzung auf einen Themenbereich
Tag 3: Idee für eigenen Beitrag entwickeln
Tag 4: Kampagne für das Projekt planen, als Medium zum Beispiel ein eigener Film
Tag 5: Präsentation in der Mensa, im Anschluss Erstsemester-Party