Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Jan Bade muss viele Merkmale eines Apfels beachten, um dessen Sorte zu bestimmen. Dazu zählt auch der Geschmack. In 80 Prozent der Fälle gelingt es dem Pomologen auch. Er ist bundesweit als Fachmann für die Obstlehre gefragt. Foto: t&w
Jan Bade muss viele Merkmale eines Apfels beachten, um dessen Sorte zu bestimmen. Dazu zählt auch der Geschmack. In 80 Prozent der Fälle gelingt es dem Pomologen auch. Er ist bundesweit als Fachmann für die Obstlehre gefragt. Foto: t&w

Fest rund um den Apfel

Lüneburg. Jan Bade hält den Apfel ins Licht, dreht ihn hin und her und beißt genüsslich hinein. Dann schneidet er die runde Frucht auf, inspiziert die Kerne. Der 49-Jährige ist Pomologe von Beruf. Ein Fachmann im Bereich der Obstbaukunde. Anhand von Reife, Form, Farbe, Stiel, Kernhaus und Geschmack kann er die Sorte eines Apfels bestimmen. „Das klappt in 80 Prozent der Fälle“, sagt der Obstspezialist, der eigentlich den Beruf eines Schornsteinfegers und Zimmermanns erlernt hat. Sein Fachwissen hat er jetzt in Lüneburg unter Beweis gestellt: Beim Apfelfest in der Kleingartenkolonie „Am Schildstein“.

Bundesweit nur wenige Obstspezialisten

Von der Sorte Jan Bade gibt es nicht viele in Deutschland. „Drei oder vier andere“, weiß er. Deshalb ist der Pomologe auch bundesweit im Einsatz. In Lüneburg und Amt Neuhaus. Nächste Woche in Hessen. Drei bis vier Monate im Jahr verbringt der gebürtige Hamburger mit der Sortenbestimmung. Bade führt auch einen eigenen Betrieb in Kaufungen bei Kassel. 1000 verschiedene Äpfel- und Birnensorten gibt es dort zu entdecken, außerdem Pflaumen, Kirschen und vieles mehr. Jan Bade schneidet Obstbäume im ganzen Land zurecht, gibt außerdem jede Menge Fortbildungen. „Der Großteil meiner Ernte dient Ausbildungszwecken, als Übungsmaterial für andere.“ Denn unter seinen Früchten seien viele Raritäten dabei. „So eine Frucht ist etwas Besonderes. Man denkt nicht unbedingt daran, sie essen zu wollen.“

FIsabel (v.l.) und Kevin Medina gehen Klaus Otto Dierßen zur Hand. Er ist Mitglied im Streuobstwiesenverein, produziert frischen Apfelsaft mit einer historischen Saftpresse, die ein Landwirt in seiner Scheune stehen hatte. Foto: t&w
FIsabel (v.l.) und Kevin Medina gehen Klaus Otto Dierßen zur Hand. Er ist Mitglied im Streuobstwiesenverein, produziert frischen Apfelsaft mit einer historischen Saftpresse, die ein Landwirt in seiner Scheune stehen hatte. Foto: t&w

Die Sortenbestimmung hat er sich über Jahrzehnte hinweg angeeignet. Seit zehn Jahren ist er hauptberuflich als Pomologe tätig, „davor wars ein Hobby“. Lernen könne er nur die Sorten, die auch in Baumschulen verkauft werden. „Denn die haben schon eine Verbreitung gefunden“, erklärt er. Er hat viele Bücher gewälzt, weiß daher eines ganz genau: „Wenn ich aus einem Apfel zehn Kerne herausnehme und sie einpflanze, dann wachsen daraus zehn Apfelbäume, dessen Sorte ich niemals bestimmen kann.“ Für einen Laien unverständlich. Er ergänzt: „Das sind alles Unikate, die noch keine Verbreitung gefunden haben.“ Interessant sind für Jan Bade nur die alten Apfelsorten. Von 2000 habe er eine Beschreibung, „es gibt aber etwa 5000 verschiedene Sorten“. Für die Bestimmung seien Merkmale, aber auch eine bestimmte Menge an Früchten entscheidend. „Ich bilde dann einen Querschnitt.“

Marmelade, Kompott oder Apfelkuchen

Hunderte Besucher hat es jetzt bei Nieselregen in die Kleingartenkolonie verschlagen. Der Großteil hat Äpfel aus dem Garten mitgebracht, fragt Jan Bade um Rat. Isabel (11) und Kevin Medina (13) sind jedoch an einem anderen Stand hängen geblieben. Sie helfen Klaus Otto Dierßen mit der antiken Saftpresse. „Wir schreddern die Früchte“, erklärt die Schülerin. Der dunkle Apfelsaft läuft in eine große Holzwanne. „Aus den Äpfeln in unserem Garten machen wir Marmelade, Kompott oder Apfelkuchen“, sagt Kevin stolz.

Damit können sich auch die Besucher des Apfelfestes stärken. Neben selbstgemachten Apfelringen mit Vanillesoße und Bratwürsten für diejenigen, die es lieber herzhaft mögen, hat der Lüneburger Streuobstwiesenverein, der das Fest nun zum 4. Mal organisiert, erstmals auch einige Gärten geöffnet. „Das ist eine Initiative aus der Kolonie selbst“, erklärt Carmen Magdalena Deutschmann. In 13 Gärten warten Kunstwerke, Blumen, Bienen und vieles mehr. Deutschmann hat auch ihren „Sortengarten“ geöffnet, stellt ihre Äpfel jedem zum Mitnehmen zur Verfügung. Etwa 300 Gärten hat die Kolonie zu bieten. „Wir wollen die spießige Vorstellung vom Kleingarten knacken“, sagt die Obstliebhaberin. „Die Menschen hier schätzen ihre Rückzugsorte, können ihre Kultur frei ausleben.“

Von Anna Paarmann