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Mann von der Telefonseelsorge am Telefon
Matthias Wittkämper, der mit einer halben Stelle auch neuer Pastor in der Kirchengemeinde Embsen-Betzendorf ist, leitet die Telefonseelsorge. Foto: be

Telefonseelsorge: Hilfe beim Weg aus der Krise

Von Rainer Schubert

Lüneburg. Die Frau kann ihre psychischen Probleme nicht mehr bewältigen, spielt mit dem Gedanken, Tabletten zu schlucken und sich damit umzubringen. Sie will sich zuvor allerdings noch jemandem mitteilen, ruft die Telefonseelsorge an. Durch ein langes, intensives und einfühlsames Gespräch gelingt es dem Gesprächspartner, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. 30 Fälle, in denen es um Selbstmordgedanken ging, beschäftigten allein im vergangenen Jahr die Telefonseelsorge Soltau, in der auch die Anrufe aus dem Kirchenkreis Lüneburg auflaufen. Nur in einem Fall konnte nicht mehr geholfen werden, der Anrufer hatte die Tabletten längst geschluckt.

Vor genau 60 Jahren wurde die erste Telefonseelsorge in Berlin ins Leben gerufen, seit zehn Jahren leitet Pastor Matthias Wittkämper die Soltauer Zentrale: „2015 haben unsere 70 Ehrenamtlichen, darunter 16 aus Lüneburg, 9563 Anrufe angenommen.“ Er sucht jetzt Verstärkung für sein Team.

Probleme in der Familie oder Partnerschaft

Es sind verschiedene Gründe, die Menschen dazu bewegen, die Seelsorge kostenfrei unter der Telefonnummer (0800)1110111 (evangelische Seelsorge) oder der Nummer(0800)1110222 (katholische) anzurufen. Wittkämper: „Die häufigsten sozialen Gründe sind Probleme in der Familie oder Partnerschaft, gefolgt von Einsamkeit und Isolation sowie gestörten Alltagsbeziehungen zu Nachbarn und Freunden. Der Arbeitsbereich mit Kollegen und Vorgesetzten spielt hier kaum eine Rolle.“ Bei den Partnerschaftsproblemen würde allerdings immer mehr die Arbeit Auslöser sein: „Die Welt ist mobiler geworden, Menschen müssen zu weit entfernten Arbeitsplätzen fahren, so verlängern sich die Alleinsein-Phasen für den Partner. Das sorgt für Spannungen.“

Bei den körperlichen und seelischen Problemen listet Wittkämper auf: „Die meisten Anrufer hier haben depressive Stimmungen, gefolgt von den Klagen über Behinderungen oder Erkrankungen sowie von Ängsten unterschiedlichster Art.“

Soldaten kamen nach Einsatz völlig verändert zurück

„Selbst die Flüchtlingskrise beschäftigt uns“, sagt der Pastor: „Sozialarbeiterinnen und andere Helfer, die zum Beispiel mit Beschimpfungen umgehen müssen, schütten ihre Herzen aus. Sie helfen zwar anderen, aber keiner fragt sie, wie es ihnen geht. Wir sind froh, da zur Verfügung stehen zu können.“ Und dann gab es noch Anrufe von Soldaten-Angehörigen: „Ihre Partner waren in Afghanistan stationiert, dort einer permanenten Angstsituation ausgesetzt. Sie kamen völlig verändert zurück in ihre Familien.“

Im vergangenen Jahr waren 65 Prozent der Anrufer weiblich: „Das heißt nicht, dass Männer weniger Probleme haben. Ihr Anteil steigt, sie trauen sich eben heute eher als noch vor Jahren.“ Die meisten der Anrufer sind zwischen 50 und 59 Jahre alt, 54 Prozent aller Hilfesuchenden leben alleine.

Als Matthias Wittkämper, der seit August mit einer halben Stelle auch in der Kirchengemeinde Embsen-Betzendorf arbeitet, vor zehn Jahren nach Soltau kam, gab es in einem Jahr rund 14000 Anrufe: „Die Zahl ist zurückgegangen, dafür sind die Gespräche heute deutlich länger und intensiver.“

„Es landet niemand in der Warteschleife“

Die Seelsorge hat mit Wittkämper und der Verwaltungsangestellten Beate Hüners zwei hauptamtliche Mitarbeiter, die sich eine Stelle teilen und die von der Landeskirche und dem Kirchenkreis Soltau finanziert werden. Alle anderen Kosten müssen durch Zuweisungen der Landeskirche, Zuschüssen von Landkreisen und Spenden gedeckt werden.

Wer schnelle Hilfe bei der Telefonseelsorge sucht, bekommt sie laut Wittkämper auch: „Haben wir bereits ein Gespräch laufen, schaltet ein neues Computersystem den Hilfesuchenden in Millisekundenschnelle an eine andere Telefonseelsorge weiter. Wir selbst bekommen so auch Anrufe von Sylt bis München. Es landet niemand in der Warteschleife.“

Die Ausbildung

Wer ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge einsteigen will, benötigt drei Voraussetzungen: Er muss gut zuhören können, Geduld haben und verschwiegen sein. In einer über ein Jahr laufenden und 120 bis 140 Stunden umfassenden Ausbildung arbeiten die Helfer an einem neuen Hör- und Sprechverhalten: „Unsere Arbeit besteht zu 80 Prozent aus Hören und zu 20 Prozent aus Sprechen“, sagt Leiter Matthias Wittkämper. Der Gesprächspartner müsse sich zurücknehmen und dem Anrufer Raum geben können, seine Not zu schildern, um dann gemeinsam einen Weg aus der Krise zu finden. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche gehört nicht zu den Voraussetzungen.

Der Lehrgang findet einmal monatlich, jeweils sonnabends, in Munster sowie an vier Kompakt-Wochenenden statt. Der nächste Kursus startet am 11. Februar 2017, die Bewerbungsphase dafür läuft bereits. Mehr Informationen unter Telefon(05192)7550. rast