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An Abwasch hat der Mieter nicht mehr gedacht, dreckiges GEschirr stapelt sich. Foto: ca
An Abwasch hat der Mieter nicht mehr gedacht, dreckiges GEschirr stapelt sich. Foto: ca

Vor die Tür gesetzt: die Geschichte einer Zwangsräumung

Lüneburg. Es war der Geruch, der durch die Tür waberte. Dann kam die Gastherme dazu, die musste überprüft werden. Doch der Mieter war nicht zu erreichen, reagierte nicht auf Schreiben, die Nachbarn hatten ihn länger nicht gesehen. Vor einem Dreivierteljahr konnte der Vermieter gemeinsam mit einer Gerichtsvollzieherin in die Wohnung. Sie sahen Verwahrlosung: Berge dreckiger Wäsche, ungespültes Geschirr, überquellender Mülleimer, aber keinen Mieter. „Wir wollten bei Gericht eine Betreuung für den Mann erreichen“, sagt Kai Mahlke*, der für eine Lüneburger Gesellschaft als Mieterbetreuer arbeitet: „Ohne Erfolg.“ Da es trotz mehrerer Versuche wieder keine Reaktion gab, beantragte das Unternehmen die Zwangsräumung. Jetzt ist es so weit. Der Mann muss raus aus dem Mehrfamilienhaus.

Von der Wohnung geht eine Gefahr aus

Eberhard Zehrfeldt arbeitet im Auftrag von Gerichtsvollziehern, um Wohnungen zu räumen. Foto: ca
Eberhard Zehrfeldt arbeitet im Auftrag von Gerichtsvollziehern, um Wohnungen zu räumen. Foto: ca

Für Gerichtsvollzieherin Sandra Syrowatka kein Einzelfall: „Ich habe pro Jahr 15 bis 20 Räumungen. Und ich bin eine von neun Gerichtsvollziehern in Stadt und Landkreis.“ Ungewöhnlich sei nur, dass der Mieter, der auch heute nicht da ist, nicht wegen Mietschulden räumen muss, sondern weil eine Gefahr von der Wohnung ausgeht: der möglicherweise krank machende Dreck und eben der Gasanschluss. Die 53-Jährige hat den Unternehmer Eberhard Zehrfeldt mit der Arbeit beauftragt. Der hat ein halbes Dutzend Männer, einen großen Anhänger und zig Maurerkübel mitgebracht: „Am Ende soll die Wohnung besenrein sein.“ Die Möbelpacker sind einiges gewohnt, doch hier atmen auch sie erstmal durch. Es stinkt, und egal, wohin sie fassen, es klebt.

Die Anweisungen der Gerichtsvollzieherin sind eindeutig und für Zehrfeldt Routine, seit 45 Jahren ist er im Umzugsgeschäft, fast genauso lange betreibt er Zwangsräumungen. Die beiden brauchen nicht viele Worte, um zu wissen, worum es geht. Was noch zu verwenden ist, landet hinten auf dem Anhänger. Vielleicht holt es der Mieter noch ab. Einen Monat lang werden die Sachen aufbewahrt. Dann gehen sie in die Versteigerung oder landen auf dem Müll. Das droht den meisten Dingen, die Julian Bundt und seine Kollegen rausschleppen. Körbe voller versiffter Klamotten, Bettzeug, das ewig nicht gewechselt wurde, Hunderte leere Bierflaschen. Reste eines Lebens, das wohl irgendwann aus dem Lot geriet.

Das Gesetz macht klare Vorgaben

Vor dem Haus stehen Maurerbottiche mit verdreckter Kleidung, die lag überall in der Wohnung verstreut. Foto: ca
Vor dem Haus stehen Maurerbottiche mit verdreckter Kleidung, die lag überall in der Wohnung verstreut. Foto: ca

Sandra Syrowatka sagt: „Das erlebe ich häufig. Es sind Schicksalsschläge, es stirbt ein Angehöriger, eine Scheidung, die Arbeit ist weg. Dann sind Leute überfordert. Eigentlich müsste niemand wohnungslos werden, es gibt so viele Hilfsangebote. Aber man muss sich kümmern. Manche schaffen das nicht.“ So wie der Mann, den sie nun vor die Tür setzt. „Ich kenne ihn seit Jahren. In der Vergangenheit haben wir immer eine Ratenzahlung hinbekommen. Er hatte Arbeit.“ Doch der Kontakt sei abgerissen, keine Reaktion auf amtliche Schreiben. Irgendwann ist dann Schluss. Wäre der arme Kerl vor Ort, könnte sie ihn in Absprache mit der Stadt in die kommunale Unterkunft an der Dahlenburger Landstraße oder in die Herberge zur Heimat bringen. Ihn einfach auf die Straße setzen kann und will sie nicht das verhindern Gesetze.

Neben dem Drama des Mannes gibt es ein anderes: Für den Eigentümer können solche Mieter zu einer Katastrophe werden. Mieterbetreuer Mahlke sagt: „Als großes Unternehmen können wir das tragen, aber jemand, der nur wenige Wohnungen besitzt, kann in existenzielle Not kommen.“ Der monatelange Ausfall der Miete, der je nach Größe der Wohnung beachtliche Summen ausmachen kann, komme ebenso dazu wie Gerichts- und Räumungskosten. Gemeinsam mit der Gerichtsvollzieherin schätzt er: „Das werden schnell 10000 Euro. So können Sie die Wohnung ja nicht mehr vermieten.“ Mit Saubermachen und Streichen sei es oft nicht getan. Verwahrlosung ist teuer.

Sandra Syrowatka arbeitet seit zwölf Jahren als Gerichtsvollzieherin. Das Gesetz macht klare Vorgaben. Bevor jemand seine Wohnung verlassen muss, werden zig Rechtsfragen geklärt. Obwohl juristisch alles eindeutig ist, leicht fällt ihr der Job nicht: „Ich kenne ja auch die Kinder der Schuldner. Die wachsen damit auf.“ Die empfänden das Leben ihrer Eltern als normal: „Manche von denen kommen dann in die nächste Schuldnergeneration.“ Mit den gleichen Problemen: keine Arbeit, keine Perspektive und zu wenig Kraft, dagegen anzugehen.

*Name geändert