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Die meisten Windkraftanlagen im Ostkreis wurden im Boomjahr 2002 genehmigt. Jetzt ist der Westkreis dran  mit höheren Anlagen. Foto: t&w
Die meisten Windkraftanlagen im Ostkreis wurden im Boomjahr 2002 genehmigt. Jetzt ist der Westkreis dran mit höheren Anlagen. Foto: t&w

Windkraft-Boom kommt vor Drosselungsplänen

Lüneburg. Der nächste Boom beim Windkraft-Ausbau steht auch im Landkreis Lüneburg bevor, allen Diskussionen über eine künftige Drosselung des Windenergie-Zuwachses zum Trotz. Derzeit stehen im Landkreis Lüneburg insgesamt 70 Windkraftanlagen, die es zusammen auf eine elektrische Nennleistung von 117,8 Megawatt bringen. Bis 2018 könnte sich die bloße Zahl der Windräder nach jetzigem Stand um gut die Hälfte erhöhen und die elektrische Leistung sogar verdoppeln. Die derzeit im Entwurf befindliche Verordnung der Bundesnetzagentur, wonach in Norddeutschland Netzausbaugebiete definiert werden, in denen der Windkraft-Zuwachs gebremst werden soll (LZ berichtete), käme für jene Anlagen nicht mehr zum Tragen, heißt es auch beim Landkreis Lüneburg.

44 neue Anlagen im Verfahren

Nach Auskunft von Landkreis-Sprecher Hannes Wönig laufen beim zuständigen Fachdienst des Landkreises derzeit zehn Genehmigungsverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG). Dabei geht es um insgesamt 44 neue Anlagen mit Nennleistungen von jeweils 2,3 bis 3,3 Megawatt. Insgesamt kämen die 44 Windräder auf eine elektrische Nennleistung von 125 Megawatt. Zwar sollen einige neue Anlagen auch alte Windräder, beispielsweise beim Amelinghausener Ortsteil Etzen, ersetzen, jedoch wesentlich höher ausfallen und eine vielfach höhere elektrische Leistung haben. Zusätzlich sind weitere Anlagen im Antragsstadium, zu denen gestern noch keine genaueren Daten vorlagen.
Lüneburgs Kreisrätin Sigrid Vossers sagt: „Die laufenden Anträge für Windkraftanlagen sind von der möglichen Drosselung durch die Bundesnetzagentur nicht berührt. Unser Ziel, 100 Prozent-Erneuerbare-Energie-Region zu werden, bleibt weiter bestehen. Nicht zuletzt hat der Landkreis Lüneburg mit den Windvorrangflächen die Voraussetzung geschaffen, dass Energieerzeugung aus Windkraft dauerhaft ihren Platz im Landkreis Lüneburg findet. Wir sehen unser Ziel nicht beeinträchtigt, denn Windkraft ist nur einer von vielen Wegen, Energieautarkie zu erreichen.“ Dabei würden bereits 180 Megawatt ausreichen, um rechnerisch 120000 bis 145000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Noch alte Konditionen für aktuelle Windkraft-Projekte

Kritischer sieht die Drosselungs-Pläne der Bundesnetzagentur Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). „Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss weitergehen. Die neue Verordnung wäre verzichtbar, wenn Überkapazitäten bei Atom- und Kohlekraftwerken schneller abgebaut würden“, erklärte Wenzel zum Entwurf der neuen Verordnung der Bundesnetzagentur zu Netzausbau und Windkraft.

Wenzel weiter: „Nichtsdestotrotz ist der weitere Netzausbau dringend erforderlich. Dabei geht es um eine langfristige Anpassung der notwendigen Kapazitäten.“ Von der neuen Verordnung ist Niedersachsen nach derzeitgem Stand nur mit einem Teil der Landesfläche betroffen. Wenzel: „Das ist erfreulich, weil der erste Entwurf eine deutlich größere Fläche erfasst hatte.“
Insgesamt sei damit nur etwa die Hälfte der Kreise und kreisfreien Städte vom Netzausbaugebiet betroffen. „Zudem sind in einem Großteil der betroffenen Kreise die Richtwerte nach dem Niedersächsischen Windenergieerlass bereits erfüllt bzw. annähernd erfüllt. Insoweit erscheint die Obergrenze von 902 Megawatt jährlich für das gesamte Ausbaugebiet aus niedersächsischer Sicht anwendbar“, heißt es aus dem Umweltministerium in Hannover.

70 Windräder drehen sich derzeit im Landkreis Lüneburg, allein 27 in der Samtgemeinde Dahlenburg. Jetzt sind 44 neue Anlagen im Genehmigungsverfahren, allein 21 in der Samtgemeinde Amelinghausen. Grafik: meiferts
70 Windräder drehen sich derzeit im Landkreis Lüneburg, allein 27 in der Samtgemeinde Dahlenburg. Jetzt sind 44 neue Anlagen im Genehmigungsverfahren, allein 21 in der Samtgemeinde Amelinghausen. Grafik: meiferts

Bei der Bundesnetzagentur war die Rede davon, im festzulegenden Netzausbaugebiet „nur noch 58 Prozent des durchschnittlichen Zubaus der Jahre 2013 bis 2015“ als zulässig zu erklären. Grund sind die Engpässe im Stromnetz. Aber es kann sich noch einiges ändern.

Carolin Bongartz, Sprecherin der Bundesnetzagentur, sagte auf LZ-Nachfrage. „Derzeit befindet sich der Verordnungsentwurf noch in der Ressortabstimmung. Ziel ist es, dass die Verordnung zum März 2017 in Kraft tritt.“ Dann gelten auch die Neuregelungen des Erneuerbare Energien-Gesetzes. Dabei wird nicht nur eine Ausschreibungspflicht eingeführt, sondern unter anderem auch niedrigere Vergütungen für die Stromeinspeisung.

„Wir sehen unser Ziel nicht beeinträchtigt.“
Sigrid Vossers (Lüneburger Kreisrätin)

Um noch nach den alten Konditionen des Erneuerbare Energien-Gesetzes bedacht zu werden, streben die Verantwortlichen der derzeit geplanten Windkraftanlagen an, noch vor Jahresende die Baugenehmigungen zu erwirken. Aus dem Umweltministerium heißt es dazu: „Die derzeit in Planung befindlichen Windanlagen unterliegen nicht der Ausschreibungspflicht, sofern sie bis Ende 2016 immissionsschutzrechtlich genehmigt und bis Ende 2018 in Betrieb genommen werden.“
Zum Beispiel hofft die Samtgemeinde Bardowick zusammen mit dem Bauernverband Nordostniedersachsen noch bis Jahresfrist die Baureife für ihren Windpark nordwestlich des Domfleckens Bardowick herzustellen. Bekanntlich ist dort der Bau von acht Windkraftanlagen mit einer Gesamthöhe von jeweils rund 200 Metern vorgesehen zum Missfallen der örtlichen Bürgerinitiative.
Der größte Zuwachs innerhalb einer Kommune im Landkreis Lüneburg wird in der Samtgemeinde Amelinghausen erwartet. Verteilt auf die geplanten Windparks Ehlbeck, Etzen, Tellmer/Diersbüttel und Wetzen sollen dort 21 neue und rund 200 Meter hohe Anlagen entstehen. Bisher drehen sich nur drei und nur 85,15 und 87 Meter hohe Windquirle bei Etzen mit 0,5 und 0,6 Megawatt Leistung. Dort sind nun Nennleistungen von 3 Megawatt elektrischer Leistung pro neuer Anlage im Gespräch.

Bisherige Konzentration in Samtgemeinde Dahlenburg

Bislang findet sich die größte Konzentration von Windenergie im Kreis in der Samtgemeinde Dahlenburg mit 27 Windrädern und einer Nennleistung von insgesamt 51,5 Megawatt. Die meisten davon sind in den Boom-Jahren 2002 und 2003 entstanden.
Das erste Windrad im Landkreis, mit einer Höhe von 85 Metern, hatte die Firma Manzke 1997 auf ihrem Gelände in Volkstorf errichten lassen Nennleistung 0,5 Megawatt. Auch dort läuft derzeit das Genehmigungsverfahren für eine neue Anlage mit einer Leistung von 2,3 Megawatt.

Niedersachsen ist Spitzenreiter

Niedersachsen ist hinsichtlich der installierten Windenergieleistung an Land (Onshore) Spitzenreiter im bundesweiten Ländervergleich, heißt es beim Umweltministerium in Hannover. Ende des Jahres 2014 waren 5616 Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von zusammen zirka 8233 Megawatt in Niedersachsen errichtet. Gegenüber 2013 entspricht dies einem Zuwachs der installierten Leistung von knapp acht Prozent. Der Anlagenbestand zu Jahresbeginn belegte schätzungsweise rund 1,1 Prozent der Landesfläche.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums betrug der Anteil Erneuerbarer Energien (EE) an der Bruttostromerzeugung im Jahr 2015 bundesweit 29 Prozent, dabei entfielen 12,3 Prozent allein auf die Windkraft, die 79 Prozent aller EE ausmachte.