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Bei der Kontrolle: Eicheln sind das Geschäft der Forstsaatgutberatungsstelle in Oerrel.  Allein 45 Tonnen wurden im vergangenen jahr dort aufbereitet. Foto: baumgarten
Bei der Kontrolle: Eicheln sind das Geschäft der Forstsaatgutberatungsstelle in Oerrel. Allein 45 Tonnen wurden im vergangenen jahr dort aufbereitet. Foto: baumgarten

Die Keimzelle des Waldes

Oerrel. Oerrel ein kleiner verschlafener Ort mitten im Wald, an der B71 vor den Toren von Munster. Kaum 550 Einwohner leben hier. Spötter behaupten, dass sich in dem beschaulichen Ort selbst Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Dabei hat Oerrel etwas Einmaliges zu bieten: Hier befindet sich die Kinderstube des Waldes in den Kühlkammern der Forstsaatgutberatungstelle (fsb). Die Einrichtung gilt als eine der modernsten Anlagen in Europa zur Aufbereitung und Bereitstellung von Forstsaatgut.

Von außen freilich ist das Gebäude wenig spektakulär, ein Zweckbau eben. 1000 Quadratmeter groß, mit Lärchenholz verkleidet. „Abwarten, spannend wird es in der Halle“, sagt Reiner Baumgart, regionaler Pressesprecher der niedersächsischen Landesforsten. Beim Öffnen der Tür empfängt die Besucher bereits ein leicht würzig-harziger Geruch nach Nadelholz, nach Wald. Es ist ein angenehmer Duft.

Die 2010 neu gebaute Halle ist der Arbeitsplatz von Klaus Gille. Wenn sich einer auskennt mit Pflanzen, dann ist das der 57-Jährige mit den wachen Augen und dem freundlichen Lächeln hinter dem langen Bart, seinem Markenzeichen. „Ich hatte immer schon mit Pflanzen zu tun“, sagt Gille, „eigentlich mein ganzen Leben lang.“ Erst habe er als Schüler in der Pflanzenzucht gejobbt, später die Ausbildung zum Gartenbaumeister gemacht. Jetzt sorgt Gille mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und mit viel Engagement dafür, dass der Wald auch in vielen Jahrzehnten eine Zukunft hat. Man könnte auch sagen: Geht es dem Wald gut, geht es Klaus Gille auch gut.

Das Know-how hat sich herumgesprochen

Klaus Gille bei der Arbeit: bis zu 45 Tonnen alleine an Eicheln wurden im vergangenen Jahr in fsb lagferfährig gemacht. Foto: böhl
Klaus Gille bei der Arbeit: bis zu 45 Tonnen alleine an Eicheln wurden im vergangenen Jahr in fsb lagferfährig gemacht. Foto: böhl

Das Know-how, das in Oerrel vorhanden ist, hat sich in anderen Bundesländern herumgesprochen. Der Saatgutexperte zeigt auf Kisten voll mit Eicheln. „Die kommen aus Brandenburg.“ Bearbeitet werden die aber genauso wie angeliefertes Forstsaatgut aus niedersächsischen Wäldern: In Oerrel hat man lange getüftelt, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Und viel Geld dafür in die Hand genommen: Rund 1,7 Millionen Euro haben die Landesforsten in Halle und Anlagen investiert. Vergangenes Jahr war ein gutes Jahr jedenfalls für die Eiche, den Symbolbaum der Deutschen schlechthin: 45 Tonnen Eicheln wurden in Oerrel aufbereitet. Nur zum Vergleich: Aus einem Kilogramm Eicheln können 100 neue Bäume entstehen.

Wie die Saison in diesem Jahr wird, konnten Gille und seine Kollegen, die Förster in den Revieren, bis vor wenigen Wochen nicht zuverlässig abschätzen. Vor allem nicht bei der Traubeneiche: Der Blick in die Kronen helfe da wenig. „Die Triebe sind genauso grün wie die Blätter und daher nur schwer zu erkennen“, erklärt Gille und fährt fort: „Die schlechten Eicheln fallen als Erstes ab und werden gerne von Wildschweinen gefressen.“ Echte Leckerlis und Kalorienspender für die Borstentiere „auch wegen der Würmer in den Eicheln.“ Nur jetzt ist klar: Aus Niedersachsen wird es nur wenige Eicheln geben. „Die Eichen haben sich in diesem Jahr verausgabt.“

Der Feind „Schwarzfäulepilz“

Andreas Preuß vor einer kleinen Auswahl der Forstsamen, die in den Kühlkammern liegen. Foto: baumgart
Andreas Preuß vor einer kleinen Auswahl der Forstsamen, die in den Kühlkammern liegen. Foto: baumgart

Sorgen bereiten dem Saatgut-Experten aber weniger die angebohrten Eicheln als vielmehr ein fast unsichtbarer Feind der Schwarzfäulepilz. Ein äußerst aggressives Myzel, das sich von Großbritannien über Frankreich kommend stetig in Richtung Osten ausbreitet. Der Befall ist zuerst an der Keimspitze zu sehen, „im Endstadium ist die gesamte Eichel schwarz und regelrecht mumifiziert“, erklärt Gille. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Der Pilz lässt sich bekämpfen.

Nicht mit Chemie, das ist bei Forstsaatgut generell verboten, sondern mit einem warmen Bad im „Whirlpool.“ Gille spricht von „Thermo-Therapie“. Nachdem die angelieferten Eicheln in einem ersten Wasserbad von Blättern und Erdresten gereinigt wurden und auch die hohlen Früchte durch Ausschwemmen aussortiert wurden, geht es weiter in ein exakt 40 Grad heißes Wasserbad. Das ist die Temperatur, die den Pilz abtötet, die Eichel aber noch toleriert. Wird das Wasser nur um wenige Grad mehr erhitzt, „wird auch der Keim der Eichel geschädigt“, erklärt Gille. Ist das Wasser nur um wenige Grad zu kühl, ist der ganze Aufwand umsonst, weil der Schwarzfäulepilz nicht vollständig abgetötet wurde. 750 Kilogramm schafft die Thermotherapie-Anlage in nur einem Durchgang in zwei Stunden.

Stolz sind Gille und seine Kollegen darauf, dass die moderne Anlage auch eine enorme ergonomische Entlastung gebracht hat. Denn jetzt erfolgt der Transport des Saatgutes ausschließlich mit dem Gabelstapler und über Förderbänder. „Früher mussten wir viele Tätigkeiten von Hand verrichten“, sagt Gille. „Das war nicht nur anstrengend, sondern auch längt nicht so effektiv.“

Nach dem Thermobad geht es zum Akklimatisieren

Die erste Charge der Brandenburger Eicheln hat das Thermobad verlassen, steht nun zum Abtropfen und Akklimatisieren in einer Box in der Halle. Gille gräbt mit beiden Händen tief in dem Behälter: „Ich bin immer wieder erstaunt, dass das Saatgut das Procedere, das wir mit ihm veranstalten, so gut übersteht“, sagt er.
Bevor die gewaschenen, thermisch behandelten und für gut befundenen Eicheln ins Lager kommen, werden sie fünf Stunden lang mit kühler Außenluft durchgeblasen. Erst dann geht es in großen, hölzernen Stapelkisten in den Kühlraum. „Durch eine spezielle Technik mit hoher Luftfeuchtigkeit und geringer Luftbewegung wird die Austrocknung des Lagergutes minimiert“, erklärt Gille.
Viele der Maschinen, die in der Forstsaatgutberatungsstelle zum Einsatz kommen, wurden eigens für den dortigen Einsatz nach den Wünschen von Gille und seinen Kollegen konzipiert. „Wir mussten lange tüfteln, bis alles gepasst und funktioniert hat“, sagt Gille. Die Klima-Kammer beispielsweise kommt aus Holland. „Dort werden in solchen Kammern Gemüsesamen gekühlt.“ Das Thermo-Bad stammt ebenfalls aus den Niederlanden. Nur, dass dort Tulpenzwiebeln statt Eicheln therapiert werden. Die Waschanlage, in der die Eicheln als Erstes gereinigt werden, kommt aus Polen. Dort wird die Anlage zum Waschen von Mohrrüben genutzt.
Gille macht die Arbeit in der Forstsaatgutberatungsstelle Spaß. Aber vor allem die Bucheckern haben es dem 57-Jährigen angetan. Dann kommt es schon mal vor, dass seine Frau spöttisch fragt: „Na, fährst du wieder zu deinen Lieblingen?“

Von Klaus Reschke

Reaktion auf den Saatgut-Skandal

Die Forstsaatgutberatungsstelle in Oerrel wurde 1985 gegründet – als Reaktion auf den Saatgut-Skandal in den 1970er-Jahren. Damals war minderwertiges Eichelsaatgut aus Südosteuropa mit gefälschten Papieren nach Deutschland verkauft worden. Die daraus gezogenen Bäume zeigten so schlechten Wuchs, dass sie untergepflügt oder verbrannt werden mussten. Ein Desaster, das sich nun nicht mehr wiederholen kann. Denn nach Oerrel kommt nur ausgewähltes Saatgut aus den staatlichen Forstämtern Niedersachsens. Arbeiten, die die fsb Oerrel in Lohnarbeit für andere Bundesländer erledigt, geht auch ausschließich dorthin wieder zurück.

Die räumliche Begrenzung macht Sinn: Schließlich haben sich die heimischen Wälder in langen Zeiträumen an ihren Standort und die dort herrschenden Umweltbedingungen angepasst. Diese Informationen geben die Bäume in ihren Erbanlagen an die nächste Generation weiter. Hauptkunden der Forstsaatgutberatungsstelle sind Forstbaumschulen, die aus dem Samen Jungpflanzen ziehen. In den Kühlkammern der fsb Oerrel ruht freilich nicht nur ein biologischer sondern auch ein finanzieller Schatz: Denn ein Kilogramm Douglasien-Samen kostet 1000 Euro. Daraus lassen sich allerdings auch bis zu 35 000 neue Bäume ziehen.

Deutlich billiger gibt es beispielsweise die Bucheckern, das Kilo derzeit für 23,50 Euro. Hochwertiges Samenmaterial für 1500 Bäume. Insgesamt lagern in Oerrel 40 bis 50 verschiedene Samenarten. Nicht nur von Bäumen, sondern auch auch von „gebietsheimischen Sträuchern“, zum Beispiel vom Pfaffenhütchen oder der Elsbeere. Die fsb in Oerrel ist also vorbereitet, denn ab 2020 dürfen in Wäldern, auf öffentlichen Flächen und als Straßenbegleitgrün nur noch gebietsheimische Pflanzen gesetzt werden. kre