Aktuell
Home | Lokales | Erinnerungen an die „Helgoland“
Die Helgoland an ihrem Liegeplatz in Da Nang. Das Hospitalschiff des Deutschen Roten Kreuzes war von 1966 bis 1971 als ziviles, schwimmendes Krankenhaus während des  Vietnamkriegs eingesetzt. Foto: nh
Die Helgoland an ihrem Liegeplatz in Da Nang. Das Hospitalschiff des Deutschen Roten Kreuzes war von 1966 bis 1971 als ziviles, schwimmendes Krankenhaus während des Vietnamkriegs eingesetzt. Foto: nh

Erinnerungen an die „Helgoland“

Lüneburg. Wenn von Helgoland die Rede ist, haben die meisten wohl die felsige Nordseeinsel in der Deutschen Bucht vor Augen. Ende der 1960er-Jahre verbanden viele mit diesem Namen aber noch etwas anderes: „Helgoland“ hieß das einstige Hospitalschiff des Deutschen Roten Kreuzes, das im Auftrag der Bundesregierung als schwimmendes Krankenhaus während des Vietnamkriegs eingesetzt war. Zur Besatzung gehörte auch Bernd Hoffmann. Jetzt kam der gebürtige Lüneburger mit weiteren „Helgoländern“ in der Hansestadt zusammen.

Mit 21 Jahren der Jüngste an Bord

Bernd Hoffmann hat seine Jugend in Lüneburg verbracht. Foto: us
Bernd Hoffmann hat seine Jugend in Lüneburg verbracht. Foto: us

„Ich war damals 21 Jahre alt und Jüngster an Bord“, berichtet Bernd Hoffmann. Das war 1967, ein Jahr, nachdem die „Helgoland“ im September 1966 zu ihrer weltweit beachteten Mission in den fernen Osten ausgelaufen war. Hoffmann hatte gerade seine Bundeswehrzeit absolviert, dort hatte man ihn zuvor gefragt, ob er sich vorstellen könne, die „Helgoland“ zu begleiten. „Ich wollte eigentlich Politische Wissenschaften und Geschichte studieren, sagte dann aber doch zu, vor allem, weil ich eine Chance sah, die Provinz verlassen und andere Welten kennenlernen zu können. Und etwas Sinnvolles zu tun“, erzählt der heute 70-Jährige. Er hatte damals in Hitzacker gelebt, Lüneburg kurz vor dem Abitur mit seinen Eltern verlassen müssen, nachdem sein Vater an der Elbestadt den Posten des Stadtdirektors angenommen hatte.

Im August machte er sich auf den Weg nach Saigon, wo die „Helgoland“ anfangs bis zu ihrer Verlegung nach Da Nang stationiert war. Bernd Hoffmann war als stellvertretender Verwaltungschef eingesetzt. „Von Verwaltung hatte ich aber überhaupt keine Ahnung, machte deshalb bei meinem Vater in Hitzacker zuvor ein dreiwöchiges Praktikum, um das Nötigste zu lernen“, berichtet Hoffmann. Verpflegung, Medikamente, Ersatzteile von der Sonnencreme bis zum Skalpell, alles musste beschafft und organisiert werden. Auch zusätzliches Personal wurde eingestellt, rund 90 Vietnamesen waren als Hilfskräfte zusätzlich an Bord. „Wir waren eine kleine Welt für uns. Alles spielte sich hier ab: Leid, Tod, aber auch Liebe und Freude.“

„Wir wurden mit allem konfrontiert“

Briefe wurden per Luftpost in die Heimat befördert, dafür gab es sogar einen eigens für die „Helgoland“ entworfenen Umschlag.
Briefe wurden per Luftpost in die Heimat befördert, dafür gab es sogar einen eigens für die „Helgoland“ entworfenen Umschlag.

Täglich erfuhr die Besatzung, was Krieg anrichten kann, besonders während der in dieser Zeit stattfindenden Tet-Offensive Nordvietnams, die unzählige Verwundete und Opfer auch unter der Zivilbevölkerung forderte. „Wir wurden mit allem konfrontiert“, sagt Hoffmann zurückblickend. Auf seinem Weg ins Büro musste er regelmäßig die Intensivstation durchqueren. Er sah von Napalm-Bomben schrecklich zugerichtete Kinder, Menschen, die verzweifelt um ihr Leben kämpften, schwer verletzte schwangere Frauen, die die Geburt ihres Kindes nicht überlebten. Für ihren Einsatz genossen die Deutschen höchstes Ansehen bei den Vietnamesen, „anders als die Amerikaner“. Und es gab Momente, die sie vieles für kurze Zeit vergessen ließen. „Wir hatten an Bord eine kleine Fußballmannschaft zusammengestellt. Einmal organisierten wir ein Turnier gegen örtliche Mannschaften. Das Stadion war so voll wie nie, alle kamen, um dabei zu sein.“

Ende August 1968 kehrte Hoffmann nach Deutschland zurück. Dem Deutschen Roten Kreuz blieb er bis 1991 als Abteilungsleiter und zuletzt stellvertretender Generalsekretär verbunden, war unter anderem für Auslands- und Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit zuständig, danach Generalsekretär der Welthungerhilfe, von 1994 bis 2011 dann für Krisenprävention bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Bonn zuständig.

Den Kontakt zu den „Helgoländern“, wie sich die Team- und Besatzungsmitglieder des Hospitalschiffs selbst nennen, ist nie abgerissen. Jährlich kommen sie zusammen, jetzt in Lüneburg, wo ihr inzwischen gegründeter Verein seine Mitgliederversammlung abhielt. „Die gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnisse schweißen zusammen“, sagt Hoffmann, wohl registrierend, dass der Kreis der Ehemaligen allmählich immer kleiner wird.

Schiff an Reederei in Ecuador verkauft

Die „Helgoland“ kehrte 1971 nach Deutschland zurück. Über die Jahre war sie anschließend für verschiedene Reedereien im Einsatz, 2006 wurde sie unter dem Namen „Galapagos Legend“ an eine Reederei in Ecuador verkauft.

Von Ulf Stüwe

Einsatz in Vietnam

Die damalige Bundesregierung hatte mit dem Einsatz des früheren Seebäderschiffs – bis 1965 verkehrte die „Helgoland“ zwischen Cuxhaven und der Nordseeinsel – auf das Drängen der Amerikaner um Unterstützung ihrer Truppen im ­Vietnamkrieg reagiert. Weil Deutschland aber keine militärische Hilfe leisten wollte, schickte es den zum Hospitalschiff umgebauten Dampfer in die Kriegsregion.

Das Deutsche Rote Kreuz wurde mit der Umsetzung der Aktion beauftragt, stattete das Schiff mit insgesamt 150 Betten, drei Operationssälen und vier medizinischen Fachabteilungen aus. Acht Ärzte und fast 30 Pflegekräfte lebten über Monate an Bord, insgesamt machten 54 Ärzte und 160 Pflegekräfte Dienst auf dem Schiff. Bis zum Ende der Mission Ende 1971 versorgten sie mehr als 11 000 Personen stationär, 200 000 Patienten ambulant.