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Aus Mangel an Beweisen

ca Lüneburg. Norman Zwirlein hatte eine lange Nacht hinter sich, als er seine Fahrgäste am 1. Mai vergangenen Jahres um 6.42 Uhr am Vamos einsteigen lässt. Auf der Tour in Richtung Stadt solle er noch weitere Freunde einsammeln, sagen sie ihm. Als der 34-Jährige deswegen stoppt, sitzen plötzlich sieben Fahrgäste im Wagen. „Ich habe aber nur ein Sechser-Taxi“, sagt der Bardowicker. „Wenn ich mehr Leute mitnehme und die Polizei mich stoppt, ist mein Führerschein in Gefahr.“ Das habe er seinen Kunden erklärt. Die waren offenbar angetrunken und sauer, es kam zum Streit, Zwirlein steckte mehrere Schläge ein. Das ist unstrittig. Und dennoch: Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die mutmaßlichen Angreifer jetzt eingestellt: Die Tat sei nicht eindeutig nachzuweisen. Und Norman Zwirlein hat Zweifel am Funktionieren des Rechtsstaats.

Oberstaatsanwalt Roland Kazimierski sagt: „Ich kann die Enttäuschung verstehen.“ Aber die Rechtslage gebe vor, dass eine Anklage nur erhoben werden könne, wenn eine Verurteilung hinreichend wahrscheinlich sei. Dieser Fall lasse sich aber nicht aufklären, da Zeugen fehlten. Übersetzt heißt das: Es steht Aussage gegen Aussage. Zwirlein war allein, die anderen zu siebt.

Der Chauffeur schildert die Sache so: Die Clique habe bei Vernehmungen behauptet, er sei aggressiv gewesen, man habe sich allenfalls gewehrt. Das ergebe sich aus Schreiben der Staatsanwaltschaft. Er selbst sagt: Er habe damals auf der Strecke angehalten, um weitere Fahrgäste aus der Gruppe einsteigen zulassen, weil es zu viele waren, habe er nach einer Diskussion gefordert, dass einer aussteigen müsse oder alle. Zudem sollten die Kunden den bis dahin aufgelaufenen Fahrpreis von 3,40 Euro zahlen. Er sei ausgestiegen habe eine Tür geöffnet, um einen der Männer aus dem Auto zu ziehen. Es ging wohl hin und her. „Auf einmal habe ich von hinten einen Schlag gegen den Kopf bekommen“, sagt der Taxifahrer. Den Angreifer habe er gesehen, als er sich umgedreht habe, doch der Beschuldigte bestreite die Tat. Er, Zwirlein, habe weitere Schläge kassiert. Schließlich sei die Gruppe weggelaufen, die alarmierte Polizei habe später sieben Personen gestellt.

Zwirlein hat den Eindruck, dass er auf einmal nicht mehr das Opfer, sondern der Täter ist. Und das ärgert ihn, denn er habe einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt und sich mit dreien der Fahrgäste aus der unseligen Nacht zu einem Gespräch mit der Gerichtshilfe getroffen. Dort habe das Trio auch eingeräumt, sich nicht korrekt verhalten zu haben und jeder habe angeboten, jeweils einen Hunderter als Wiedergutmachung zu zahlen. „Ich habe das angenommen, obwohl ich eigentlich ein Schmerzensgeld und einen Verdienstausfall von 1000 Euro haben wollte.“ Denn er habe damals mehrere Tage nicht arbeiten können: „Aber ich habe mir gedacht, ich will denen nichts verbauen, das sind ja wohl Studenten. Und ich wollte das abschließen.“

Doch die Männer hielten sich nicht an ihre Zusage, zahlten auch nach zwei Aufforderungen der Justiz nicht einen Cent an Zwirlein. Das bestätigt auch die Staatsanwaltschaft. „Jetzt bekomme ich das Schreiben mit der Einstellung“, sagt der Taxifahrer. „Die 300 Euro sind mir inzwischen wurscht, aber bei mir bleibt hängen: Täter müssen sich nur absprechen und sagen, der andere habe angefangen, und dann passiert denen nichts. Das ist doch ein Freifahrtschein.“

Oberstaatsanwalt Kazimierski sagt, man sei in seinem Haus auch nicht glücklich, die Sache nicht klären zu können. Aber der Ablauf sei nicht klar zu rekonstruieren, rein rechtlich betrachtet müsse seine Behörde das Verfahren einstellen, denn es gelte der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Das Gespräch bei der Gerichtshilfe sei kein Schuldanerkenntnis gewesen. Der Fahrer könne gegen die Entscheidung Beschwerde einlegen und auch eine Zivilklage sei möglich.

Dazu sagt der Taxifahrer: „Was soll das bringen? Wenn die Staatsanwaltschaft das einstellt, wird ein Zivilgericht es kaum anders sehen.“